26.10.1970

KANZLERAMTSystem Orakel

KIS soll den Kanzler klüger machen. "Als ich von KIS hörte", erinnert sich Willy Brandts Planungschef Reimut Jochimsen, "war meine erste Assoziation.: "Das hat vielleicht was mit Kiesinger zu tun."
Ein bißchen schon: Denn es war der Kanzler Kurt Georg Kiesinger, der 1968 der Heidelberger Studiengruppe für Systemforschung den Auftrag gab, sich Gedanken darüber zu machen, wie ein Bonner Regierungschef so schnell wie möglich und so gut wie nötig unterrichtet werden könnte.
Den neuen Herren im Palais Schaumburg schmeckte Kiesingers KIS (Kanzler-Informations-System), und sie ermunterten die Heidelberger Tüftler, ihre Erkenntnisse möglichst bald zu konkretisieren und vorzulegen.
Erste Erkenntnisse von Projektleiter Andreas Jentzsch: Es bereite "Schwierigkeiten",
* Amtschef, Staatssekretäre, Abteilungsleiter und Hilfspersonal im Kanzleramt hinreichend zu informieren,
* die Verbindung zwischen der Regierungsspitze, die sich jeden Morgen zur "Kleinen Lage" trifft, und dem Kanzleramtsapparat "befriedigend" zu lösen und
* technische Hilfsmittel für eine vernünftige Kommunikation effektvoll einzusetzen.
Während Jentzsch die Schwerfälligkeit im Regierungs-Management vornehmlich mit der "Kombination von wechselnden Politikern und bleibenden Verwaltern" begründete, erkannte Jentzsch-Chef Dr. Helmut Krauch
* Der japanische System-Ingenieur Fuji Niwa von der Heidelberger Studiengruppe beim Testen von Orakel.
überdies auf technisch-organisatorisches Versagen des von Conrad Ahlers dirigierten Bundespresseamts (BPA): "Was von da heute ins Kanzleramt rüberkommt, sind doch nur Zeitungsausschnitte und Kurzfassungen; das ist doch unheimlich antiquiert."
Die Krauchsche Lösung: eine elektronisch gesteuerte Mixed-Media-Anlage für Bild und Ton, die dem Kanzler ausgewählt und kurzgefaßt Informationen liefern soll. Krauch: "Ein ganz triviales System."
Die Leinwand-Lautsprecher-Show soll mit fiktiven Streitgesprächen gewürzt werden, in denen mehrere Sprecher ein Problem dialektisch auseinandernehmen. Krauch meint, das habe es -- freilich ohne die Technik -- schon während der Großen Koalition gegeben: Ahlers und sein früherer Chef Diehl hätten vor Kanzler Kiesinger "mit verteilten Rollen ganz aggressiv diskutiert".
Mit dem KIS allein will sich Krauch nicht begnügen: Durch gezielte Fragen (Krauch-Deutsclv.", Organisierte repräsentative Artikulation kritischer Entwicklungslücken", genannt Orakel) sollen Trends aufgespürt werden, die dem Politiker gestatten, heute unpopuläre Maßnahmen zu treffen, die morgen von der Bevölkerung honoriert werden.
Dieses "Zeitraffer-Experiment" (Krauch) soll "vorwegmessen können, was die Bevölkerung erst in einigen Jahren nachvollzieht". Der Wissenschaftler: "Bei der augenblicklichen Regierung wären solche Frühmessungen außerordentlich wichtig, weil heute noch unpopuläre Entscheidungen gerade vor der nächsten wichtigen Wahl zum Tragen kommen könnten."
Ob die Studiengruppe ihr System verkaufen kann, hängt freilich von der Bereitschaft und Einsicht der Kanzleramts-Mannschaft sowie dem guten Willen ihres Chef-Technokraten, Horst Ehmke, ab. Jochimsen: "Für uns sind weniger Ideen interessant als konkrete Umsetzmöglichkeiten."
Für den Volkswirt Jochimsen sind die technischen Vorschläge für ein Multi-Media-System "natürlich interessant". Aber: "Einer muß eben 100 Filme als relevant aussuchen, um nur einen zu zeigen. Einer muß sie so aufarbeiten, daß der Kanzler auch den richtigen zu sehen bekommt."
Zweifel an der Indienststellung seines Informationssystems sind inzwischen auch Forscher Krauch gekommen: "Mit dem jetzigen Stab im Bundeskanzleramt geht"s sicher nicht. Wenn man mit altmodischen, knöchernen Juristen arbeitet, setzt es doch tausend Schwierigkeiten." Krauchs Rezept: Man schicke technisch versierte Sozialforscher ins Kanzleramt, die das Personal "permanent umschulen".
Krauch will auch Hand ans Presseamt legen: "Ein großer Teil des BPA sollte in seiner Funktion geändert und Video-Input für KIS werden." Krauch: Trotz einer Ampex-Anlage im BPA für Fernseh-Aufzeichnungen "registrieren die doch nur und legen ab; da wird faktisch nie was benutzt, und da sitzen nun 700 Leute".
Ahlers und seine 700 Leute beobachten denn auch die KIS-Planung mit Mißtrauen. Ahlers-Stellvertreter Rüdiger von Wechmar: "Das ist doch alles Quatsch. Das geht doch viel zu weit."
Die Systemanalytiker schreckt das nicht. Unbeirrt wollen sie demnächst Kanzler Brandts Gewohnheiten auseinandernehmen, wie er arbeitet, wie er was aufnimmt, wie lange er über Akten brütet, wie empfindlich er ist.
Schon heute glaubt Krauch zu wissen, daß Brandt -- wie Kiesinger -- besonders stark auf Bilder anspringt und auch Pro-und-kontra-Dialoge für nützlich hält.
Für den Fall, daß alles beim alten bleibt, hat Professor Jochimsen den Satz parat: "Wenn alles so weiterläuft, wie es läuft, läuft es eben, wie es läuft, und es gibt nichts zu verbessern."

DER SPIEGEL 44/1970
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