26.10.1970

KÜNSTLER / SCHULTAuf der Strecke

Warum", so fragte der Münchner Künstler Hans Jürgen ("HA") Schult, 31, der sich nur "Macher" nennt, "soll unser ganzes Leben gefährlich sein und ausgerechnet die Kunst nicht?"
Dann setzte er sich ans Steuer einer ihm vom Werk geschenkten "Citroen Diane" und startete zur gefährlichsten und sportlichsten Aktion, die je ein deutscher Künstler gewagt hat: Innerhalb von 20 Tagen will Schult auf deutschen Straßen 20000 Kilometer fahren -- jeden Tag einmal von München nach Hamburg oder (mit gelegentlichen Umwegen über Köln, Aachen, Mannheim, Berlin) zurück.
Zweck dieser selbst für den geübten Fahrer -- er hait zwei Jahre lang ein Taxi durch München gesteuert -- gesundheitsschädlichen "HA Schult-Rallye": Sie soll "Streß-Situationen, Konsumsituationen und Bewegungssituationen sichtbar machen".
"Situationen" -- mit diesem Schlagwort ist der gelernte Maler und Art Director im deutschen Kunstbetrieb zu umstrittenem Ruhm gelangt: Weil Schult nicht am "Endprodukt Kunstwerk", sondern nur am "nicht Wiederholbaren, am Prozeß" interessiert ist, verstopfte er (in München) eine Straße mit Müll, zertrümmerte er (in Köln) Automobile und stellte (im Städtischen Museum Leverkusen) wuchernde Bakterienkulturen als sogenannte "Biokinetik" zur Schau,
Mit diesen "Schultsituationen" wollte der Macher sein zunächst meist verblüfftes Publikum zum Nachdenken anregen, und solche Denkanstöße soll auch sein bislang größtes und aufwendigstes (Kosten: 150 000 Mark) Projekt vermitteln, die Deutschlandfahrt.
Als der Kunst-Kraftfahrer am 16. Oktober, 20.21 Uhr, in orangefarbener Montur und mit ebensolchem Sturzhelm zur ersten Etappe aufbrach (Feldherrnhalle München -- Kunsthaus Hamburg), lag nicht nur die gesamte Reiseroute fest (Beispiel: "23. 10. Freitag Abfahrt München 12 Uhr, Ankunft Aachen, Neue Galerie, 20 Uhr, Abfahrt 21 Uhr, Ankunft Hamburg 3 Uhr") -- auch regelmäßige Gesundheitsüberwachung (jeden zweiten Tag) und der "Pillenplan" (Schult) waren vorab exakt programmiert: "Morgens Kreislaufpille, vormittags zwei Vitaminpillen, nach dem Essen Vitamin-C-Brausetablette, Traubenzucker lutschen, kein Alkohol."
Ohne Schnaps und Bier, doch mit Hilfe von 60 "HB"-Zigaretten pro Tag hat Schult, von einer unverhofften Zahnfleischentzündung nur wenige Stunden aufgehalten, die ersten Rallye-Tage gut überstanden.
Ein Tonbandgerät auf dem Beifahrersitz, das jede Minute der großen Reise protokolliert, nahm häufig Schult-Gesänge ("Warum sind Menschen nur so herzlos"), aber selten Gähngeräusche oder Unmutsäußerungen ("Ich seh doch nix, Scheiße!") auf. Und auch ein vom Bayerischen Fernsehen beauftragtes Kamerateam, das den Rallyekünstler beobachtet, hat noch wenig von einem von Schult avisierten "Prozeß meiner Zersetzung" filmen können.
Darum hofft Schult, der immerhin seit der vierten Tagesfahrt nur mit Hilfe von Beruhigungspillen einschläft, auch die Extra-Einlagen seiner mit Firmen-Spenden (Benzin: Texaco, Reifen: Uniroyal), geförderten Expedition bei Kräften zu absolvieren:
Am 15. Tag der zermürbenden Tour ist Schult um 4.30 Uhr morgens an einer Texaco-Tankstelle in der Nähe von Hamburg mit Uwe Seeler verabredet. Gegen ein Stunden-Honorar von 1800 Mark hält sich der "Gott der Tankwarte" (Schult) zu einem Gespräch mit dorn Macher bereit. Am letzten Tag (21 Uhr) will Schult dann im Studio Freimann des Bayerischen Dritten Fernsehprogramms In einer Live-Sendung von der "Aktien 20000 Kilometer" in aller Öffentlichkeit berichten.
Wenn er wirklich so lange durchhält, dann kann Schult für seine kühnen, selbst nach dem Maßstab moderner Konzept-Kunst ungewöhnlichen Anstrengungen demnächst fette Tantiemen kassieren: Die Kölner Galerie Zwirner bietet die gebündelten Reise-Reliquien (täglich ausgewechselte Windschutzscheibe, Overall, Tonband, Fahrtenschreiberscheibe, Photoporträt, Sturzhelm) eines jeden Tages bis zum 1. Januar 1972 für 3000 Mark (später 4500 Mark) zum Kauf an.
Noch während HA Schult auf der Strecke Ist, haben drei Sammler "den Kram da" (Schult> bestellt.

DER SPIEGEL 44/1970
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