31.08.1970

UNTERNEHMEN / DORTMUNDER UNIONVor Anker

Felix Eckhardt, 73, Aufsichtsrat-Boß der mächtigen Dortmunder Union-Brauerei AG (DUB), besänftigte jahrelang die 6000 Aktionäre von Deutschlands größter Bierquelle: "Wir haben keine Angst vor großen Tieren" oder: "Wir sind nicht gewillt, auf unseren Führungsanspruch zu verzichten."
Jetzt gibt der greise Brau-Boß die Führung ab: Deutschlands größte Zigarettenfabrik -- die hamburger Reemtsma-Gruppe -- wird "bald", so Eckhardt, die Majorität bei der Union-Brauerei (Bierausstoß rund 4,1 Millionen Hektoliter) übernehmen. Reemtsma-General Rudolf Schlenker frohlockte bereits Anfang des Jahres: "Wenn wir auch in seinen Augen Lumpen sein mögen, so hat Dr. Eckhardt doch erkannt, daß man mit uns reden kann."
Eckhardt mußte mit den Hamburger Zigarettendrehern verhandeln, denn innerhalb von drei Jahren hatten die agilen Reemtsma-Manager 28 Prozent der Dortmunder Bierfabrik aufgekauft und damit die sogenannte Sperrminorität (über 25 Prozent) erworben, die Reemtsma laut Aktiengesetz die Möglichkeit eröffnet, jede wichtige unternehmerische Entscheidung bei der DUE zu blockieren.
In diesem Jahr legten die Hamburger in Dortmund ein Konzept vor, das ihnen die Mehrheit bei der Großbrauerei verschaffen soll: Die Union-Brauerei soll ihr Grundkapital derzeit 75 Millionen Mark) heraufsetzen, den Erhöhungsbetrag will Reemtsma allein übernehmen. Den Kaufpreis für die jungen DUB-Aktien möchte Reemtsma-Chef Schlenker in der Form entrichten, daß er der Union Aktienpakete anderer Brauereien übereignet, die im Reemtsma-Besitz sind. So erhält die Dortmunder Union bei der Kapitalerhöhung Zug um Zug aus dem Reemtsma-Portefeuille Beteiligungen der Brauerei Moninger in Karlsruhe, Brau-AG Nürnberg, Bavaria- und St. Pauli-Brauerei in Hamburg und der Hannen Brauerei in Willich.
Sollte es Reemtsma mit dieser Pakettausch-Operation immer noch nicht gelingen, Mehrheitsaktionär der DUB zu werden, soll ein bayrischer Bankier die fehlenden Prozente herbeischaffen: Anton Ernstberger, Chef der Bayerischen Hypotheken- und Wechsel-Bank, verfügt seit Übernahme einer Mehrheit der Bochumer Westfalenbank über ein DUB-Aktienpaket von rund 15 Prozent. Ernstberger: "Wir würden uns von dem Paket trennen. Erste Gespräche beginnen gleich nach meinem Urlaub im September."
An Reemtsmas Bierdurst scheiterten endgültig Eckhardts jahrelangen Versuche, fremde Großaktionäre von der Dortmunder Traditionsbrauerei fernzuhalten. Unter seiner Führung hatte sich schon vor Jahren eine Gruppe von DUB-Aktionären zusammengefunden, die im Verein mit der Interessengemeinschaft der Kleinaktionäre weit über 50 Prozent des Brauerei-Kapitals kontrollierte. Dieses nach dem Gründer der Union-Brauerei benannte "Brügman"-Konsortium wollte die Dortmunder Sudpfanne gegen fremde Eindringlinge abschirmen.
Bis zuletzt plagte den langjährigen Vorstandsvorsitzenden der Union die Vorstellung, Reemtsma könnte -- einmal im Besitz der Aktienmehrheit -- das "jahrhundertealte Adelsprädikat" Dortmunder Union in ein neues Hopfen-Kombinat einbringen. Tatsächlich ist Reemtsma derzeit auch noch mit 26 Prozent an der Frankfurter Großbrauerei Henninger ("Prost Henninger") beteiligt. Den Dortmunder Traditionalisten aber graute bei dem Gedanken, Reemtsma könnte am Ende das DUB-Paket auf Henninger übertragen und sich dafür die Mehrheit des Frankfurter Brauhauses sichern.
Durch einen Kompromiß konnte Eckhardt diese Gefahr erst einmal abwenden. Es wurde vereinbart, daß die Henninger Brauerei an dem Dortmunder Bierverbund zunächst nicht teilnimmt. Am Freitag vorletzter Woche besiedelte Eckhardt auf der DUB-Hauptversammlung den Friedensschluß: "Mit Reemtsma fand kein Ringkampf statt, sondern wir steuerten Arm in Arm auf ein vereinbartes Ziel zu."
Das vereinbarte Ziel: Auch Henninger soll, sobald Reemtsma dort über die Mehrheit verfügt, unter den Konzernmantel der Dortmunder Union-Brauerei schlüpfen. Reemtsma-Chef Schlenker: "Wir wollen zu einem möglichst nahen Zeitpunkt am Markt möglichst gemeinsam operieren."
Mit der Dortmunder Transaktion erklimmt der Hamburger Zigarettenkonzern schon jetzt den ersten Platz unter Deutschlands Bierbrauern. Jährlich setzen Reemtsmas Beteiligungsfirmen zwölf Millionen Hektoliter Gerstensaft ab (siehe Graphik), das sind fast fünfzehn Prozent des gesamten westdeutschen Biermarktes.
Die Firma Reemtsma (Jahresumsatz 1969: 3,8 Milliarden Mark) wandelt sich damit immer rascher vom Zigaretten- zum Genußmittel-Konzern. Denn stetig wächst der Umsatzanteil, den das Unternehmen mit Bier, Schaumwein ("Carstens SC") und Wein (Kellerei Clüsserath) erzielt. Noch 1965 beherrschte Reemtsma 50 Prozent des heimischen Zigarettenmarktes, heute nur noch etwa 45 Prozent.
Beim Run ins Big-Bier-Busineß war Reemtsma freilich nicht allein. So hat der Bielefelder Puddingfabrikant und "Hamburg Süd"-Reeder Rudolf August Oetker ein Bier-Ensemble zusammengekauft, das jährlich mehr als sieben Millionen Hektoliter Gerstensaft produziert. Oetker erwarb Beteiligungen an der Dortmunder Actien-Brauerei, Frankfurter Binding-Brauerei und dem Berliner Kindl. Sein Marktanteil unter den insgesamt 1900 westdeutschen Brauereien erreicht ungefähr achteinhalb Prozent.
Zum Tresen drängte auch die Dresdner Bank. nach Reemtsma und Oetker heute der drittgrößte Brauerei-Aktionär der Bundesrepublik. Das Geldinstitut beteiligte sich maßgeblich 0(1 er mit Mehrheit an der Berliner Schultheiss-Gruppe, der Dortmunder Ritterbrauerei und Elbschloß in Hamburg. die zusammen jährlich fünf Millionen Hektoliter Bier fabrizieren.
Die Bier-Bank teilt sich ihr Geschält bei Schultheiss noch mit der Bayerischen Hypotheken- und Wechsel-Bank. die ihrerseits den Ehrgeiz hegt, zusammen mit der Bayerischen Vereinsbank "eine große weiß-blaue Bier-Union der Brauereien in München zu schaffen (Bankchef Ernstberger).
So viel Aktivität ließ auch die Commerzbank nicht ruhen. Sie besaß bis Ende 19611 die Sperrminorität (25 Prozent) an der Stern-Brauerei Carl Funke in Essen und an der Kaiser-Brauerei AG in Hannover. 1969 aber erwarb sie mindestens den gleichen Anteil an der Dortmunder Stifts-Brauerei Carl Funke AG und arrondierte ihren Bier-Besitz durch weitere 51 Prozent Kaiser-Brauerei-Aktien sowie durch eine Sperrminorität an der Brauerei Isenbeck AG.
Zu den Liebhabern von Brauereibeteiligungen zählen auch Quelle-Chef Schickedanz (Lederer Bräu), die publizitätsscheue Familie Werhahn aus Neuss (Wicküler, Löwenbräu) und die Münchner Rückversicherung, die an der Elbschloss-Brauerei in Hamburg mit mehr als 25 Prozent beteiligt ist.
Wenn der betagte Bierherr Eckhardt seinen Dortmunder Brau-Riesen in den noch größeren Genußverbund mit Reemtsma eingebracht bat, will er sein Amt als Aufsichtsratsvorsitzender der DUB "an Jüngere" abgeben. Die Branche ahnt auch schon, wer dieser Jüngere ist: Reemtsma-Chef Rudolf Schlenker, 55. Eckhardts Trostspruch für die Mitstreiter früherer Jahre: "Dann ist das Schifflein Union-Brauerei in einem sicheren Hafen und hat Anker geworfen."

DER SPIEGEL 36/1970
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