31.08.1970

AUTOMOBILE / CITROEN GSSo leise

Französischen Auto-Ingenieuren ist nunmehr gelungen, was ihren Wolfsburger Kollegen bislang versagt geblieben war -- sie konstruierten einen luftgekühlten Motor, der wenig Lärm macht. Der gehörschonende 54-PS-Antrieb aus Paris arbeitet in der neuesten Kreation aus dem Hause Citroen: dem fünfsitzigen Familienmodell "GS".
Bereits vom Herbst dieses Jahres an soll der 7600 Mark teure Leisegänger dem stagnierenden Konzern aufhelfen. der trotz einer Finanzspritze von Fiat noch nicht wieder aus den roten Zahlen kam: Citroens Anteil am französischen Automarkt sank von 29 Prozent vor fünf Jahren bis auf magere 18 Prozent im letzten Jahr.
Der Schrumpfvorgang war selbstverschuldet: Zwischen den spartanischen 2 CV- und Ami 8-Modellen und den komfortablen Straßenflundern der ID- und DS-Klasse klaffte seit je eine Lücke: Citroen konnte Umsteigern kein Mittelklasse-Fahrzeug in der 1- bis 1,5-Liter-Klasse anbieten. Mit dem neuen GS (Hubraum: 1,015 Liter; Höchstgeschwindigkeit: 147 Stundenkilometer), der laut Werbetext die "Wirtschaftlichkeit des 2 CV sowie den Komfort der D-Modefle" verbindet, hofft der Konzern nunmehr, den an Peugeot verlorenen zweiten Platz auf Frankreichs Automobil-Markt wiederzugewinnen.
Die Startposition scheint günstig, denn das windschlüpfige Auto, von dem täglich 700 Stück gebaut werden sollen (Verkaufsbeginn in der Bundesrepublik: Anfang des nächsten Jahres), gemahnt an eine Volksausgabe der technisch ausgereiften und aufwendigen D-Typen von Citroen:
* Eine hydropneumatische Federung läßt den Wagen Schlaglöcher und Fahrbahnwellen mühelos überwinden und verhilft in Kurven selbst unbeholfenen Fahrern zu untadeliger Spurtreue.
* Vier Scheibenbremsen sind, ähnlich wie beim einst avantgardistischen DS, über ein ausgeklügeltes Bremssystem an den Hydraulik-Kreislauf angeschlossen; gleichmäßiges und blockadefreies Bremsen ist garantiert.
Hinter dem Volant freilich erinnert nur noch die in Form eines Hockeyschlägers geschwungene Lenkradstange an den armaturenüberladenen DS. Zur Flurbereinigung am Armaturenbrett gesellt sich, was die "FAZ" schon als "Ei des Kolumbus" würdigte: Der Tachometer zeigt, ähnlich wie die Bodenwaage im Badezimmer, hinter einem (stets beleuchteten) Lupenglas die jeweilige Geschwindigkeit in einer drei Zentimeter großen Zahl an. (Dem Beifahrer bleiben mangels Einsicht etwaige Ängste erspart.)
Für die Handbremse, nach der sonst meist in den Tiefen des Fußraumes zu suchen ist, fanden die Citroen-Konstrukteure wieder einen anderen, freilich leicht zugänglichen Platz: vorn, in der Mitte des Armaturenbretts. Etwas protzig mutet daneben ein großformatiger Drehzahlmesser an. Die Citroen-Ingenieure rechtfertigen die Installation des prestigefördern den Geräts mit der Notwendigkeit, die Drehzahl zu kontrollieren, "weil der Motor so leise läuft".
Tatsächlich erzeugen die vier Zylinder des luftgekühlten Boxermotors weniger Krach als manches wassergekühlte Aggregat gleichen Hubraums. Zusätzlich dämpften die Citroen-Techniker die Geräuschentwicklung dadurch, daß sie anstelle des herkömmlichen Kettenantriebs für die ventilsteuernden Nockenwellen lärmfreie Zahnriemen verwendeten.
Und schon jetzt scheint festzustehen, daß die französischen Autobauer ihren leisen Mittelklassewagen schon in absehbarer Zeit noch leiser machen wollen: mit einem Wankel-Kreiskolbenmotor, wie ihn 500 Citroen-Kunden bereits seit November letzten Jahres im Testmodell "M 35" erproben.

DER SPIEGEL 36/1970
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