08.02.1971

UNTERNEHMEN / ROLLS-ROYCEWie gefälschte Juwelen

Englands konservative Regierung war angetreten, die von den Sozialisten verstaatlichten Industrien wieder in Privathand zu überführen. Jetzt ist Tory-Premier Edward Heath gezwungen, das private Unternehmen zu sozialisieren, dessen Name in den letzten 65 Jahren Symbol für Wertarbeit und technische Perfektion der Briten wurde.
Rolls-Royce, Fabrikant der besten, teuersten und exklusivsten Automobile der Welt (selbst Lenin fuhr RR), Lieferant der Motoren für viele der berühmtesten Flugzeugtypen der Luftfahrtgeschichte, ist pleite. Nur noch mit Steuergeldern kann Heath das Aushängeschild der britischen Industrie retten. Denn in der vergangenen Woche mußte das RR-Management bekennen, daß die Firma (80 000 Beschäftigte, Umsatz: 2,6 Milliarden Mark) über zwei Milliarden Mark Schulden, aber kein Geld mehr hatte.
"Daß Rolls-Royce bankrott ist", lamentierte das Massenblatt "Daily Mirror", "ist etwa so, als habe man entdeckt, daß die Kronjuwelen gefälscht sind oder die Bank von England ihre Zahlungen eingestellt hat."
Der Zusammenbruch der britischen Nobelfirma ist das Ergebnis einer fatalen Fehlspekulation ihres Managements im Jahre 1968. Damals hatte Rolls-Royce mit der amerikanischen Flugzeugfirma Lockheed Aircraft Corporation einen Vertrag über die Lieferung von Düsentriebwerken für den Lockheed-Airbus L-1011 ("Tristar") abgeschlossen.
Die Entwicklungskosten der Düse (Typenbezeichnung: RB. 211) bezifferte Rolls-Royce damals auf 571 Millionen Mark, von denen die Londoner Regierung 408 Millionen Mark übernahm. Aber schon bald stellte sich heraus, daß die Kosten 625 Millionen Mark betragen würden. Um das Prestigeunternehmen vor der Pleite zu retten, stellte in der ersten Hälfte des vergangenen Jahres die staatliche Industrial Reorganisation Corporation des Labour-Premiers Wilson weitere 87 Millionen Mark Steuergelder bereit. "Die RB. 211", so die "Financial Times", "erwies sich immer mehr als ein Albatros, der die Firma in den Tod trieb."
Der große Schock kam im vergangenen November, als der Luftfahrtminister der konservativen Regierung, Frederick Corfield, vor dem Unterhaus offenbarte, die Entwicklungskosten der Triebwerke betrügen nunmehr fast 1,2 Milliarden Mark -- statt wie ursprünglich veranschlagt 571 Millionen Mark.
Damals erklärte sich das Kabinett nochmals bereit, Rolls-Royce mit weiteren 368,8 Millionen Mark auszuhelfen. Privatbankiers der Londoner City versprachen außerdem, 158 Millionen Mark draufzulegen.
Diese größte Finanzspritze, die jemals eine britische Privatfirma erhielt, konnte das Unternehmen gleichwohl nicht retten. Denn bei Abschluß des Liefervertrags mit Lockheed hatte sich Rolls-Royce -- begierig, US-Konkurrenten auszubooten -- in eine ausweglose Lage manövriert. Wider jede wirtschaftliche Vernunft legten sich die RR-Manager auf einen Festpreis für die Turbinen fest, ohne zu bedenken, daß Inflation und technologische Entwicklung ihre Kosten weit über den vereinbarten Erlös treiben könnten.
Heute schon kostet jedes RB.-211-Triebwerk etwa ein Drittel mehr (etwa eine Million Mark), als der 1967 vereinbarte Preis (drei Millionen Mark) vorsah. Je mehr RB.-211-Triebwerke RR verkaufen würde, desto höher müßte daher der Verlust sein. Die mörderischen Kosten bei Rücktritt vom Vertrag: rund drei Milliarden Mark.
"Selbst in meinen schlimmsten Träumen", so erkannte Englands Luftfahrtminister Corfield nach Prüfung der Finanzlage In der letzten Woche, "hätte ich nicht angenommen, daß es so schlimm kommen würde."
In mehreren Sondersitzungen seines Kabinetts suchte daher Premier Heath einen Ausweg aus der fatalen Lage. Am Mittwochabend, 18 Uhr Londoner Zeit, glaubte er, einen Ausweg gefunden zu haben. Über den -- sonst nur für den politischen Krisenfall vorgesehenen -- heißen Draht ließ er sich mit US-Präsident Richard Nixon in Washington verbinden. Rolls-Royce, so eröffnete der Brite dem Amerikaner, könne nur gerettet werden, wenn Nixon der Firma Lockheed eine Finanzierungshilfe gewähre, damit das Unternehmen an Rolls-Royce höhere -- den Kosten angemessene -- Preise zahlen könne. Nixon winkte -- vorerst -- ab.
Heath fiel danach nichts anderes ein, als auf ein Labour-Rezept zurückzugreifen und das Unternehmen zu verstaatlichen. Lediglich die Rolls-Royce-Automobilabteilung, die bislang als einzige der RR-Produktion Profit erwirtschaftete, soll an private Interessenten verkauft werden.
Von der tödlichen Verpflichtung, die RB. 211-Triebwerke an Lockheed zu liefern, wurde Rolls-Royce zwar mit der Konkurserklärung formal befreit. Doch diplomatische Konflikte zwischen dem neuen Eigentümer -- Britanniens Regierung -- und Lockheeds Protektor -- Amerikas Regierung -- stehen bevor.
Auch innenpolitisch ist der Sturz der "Emily" -- Rolls-Royce-Symbol auf den Kühlerhauben der Luxuskarossen -- für die Heath-Regierung fatal. "Sie haben jede Glaubwürdigkeit verloren", so rief der Labour-Abgeordnete Eric Heffer dem Premier im Parlament zu.
Und Londons "Financial Times" meinte sarkastisch: "Das ist für die Konservativen ein politischer Alptraum, wie ihn nicht einmal das böseste Labour-Gehirn sich hätte ausmalen können."

DER SPIEGEL 7/1971
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 7/1971
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

UNTERNEHMEN / ROLLS-ROYCE:
Wie gefälschte Juwelen

  • Drohkulisse in Shenzhen: Was bedeuten die Militärfahrzeuge an der Grenze zu Hongkong?
  • Trumps Interesse an Grönland: US-Präsident erntet Spott
  • Roboter im All: Russland schickt Humanoiden zur ISS
  • Kalbender Gletscher: Gefährliche Überraschung beim Kajak-Ausflug