08.02.1971

ERFINDER / KROYERDenken auf Bestellung

Eine Erfindung zu machen, ist wie ein Rausch", sagt Karl Kroyer, 56. Doch was dann komme -- "das Ding in Gang zu bringen" -, sei "ein großer Katzenjammer".
Dem Rausch ist Dänemarks pfiffigster Erfinder oft erlegen; er hält mehr als 300 Patente. Und den Katzenjammer, Verhandlungen mit Firmen, um eine Produktion anlaufen zu lassen, hat Kreyer mit großem Erfolg durchgestanden: Er ist nun Multi-Millionär.
Der dänische Edison bewegt eine Garage voller Jaguars und einen Stall Rennpferde. Er bewohnt ein ultramodernes Apartment in Kopenhagen und beschäftigt in seiner Denkfabrik nahe dem jütländischen Arhus eine Hundertschaft Ingenieure.
Die neueste Idee des Kroyer-Teams gilt dem Ziel, das absolut Wertlose -- Abfälle und Abwässer -- mit Profit wieder nutzbar zu machen. Aber anders als bei herkömmlicher Müllverwertung sollen dabei Boden, Luft und Wasser nicht von Gasen und Giften verseucht werden.
Zusammen mit einer Chemiefirma errichtet der Berufstüftler gegenwärtig für die westseeländische Stadt Kallundborg eine Anlage, die den Unrat der 20 000 Einwohner aufbereiten soll: Durch Erhitzen auf etwa 1000 Grad in abgeschlossenen Kammern schrumpfen Hausmüll und Industrieabfälle ohne schädliche Rückstände auf 15 Prozent des ursprünglichen Volumens; die Schlacke, vermengt mit sterilisiertem Kloakenschlamm, ist als Düngemittel brauchbar.
Übelstände wie nun der Ruin der Erde durch die Ex-und-hopp-Zivilisation, erklärt der Erfinder, "ziehen mich an wie ein Magnet; Probleme machen mich versessen darauf, sie zu durchschauen und zu lösen".
Dieses Denkprinzip hatte sich erstmals Anfang der vierziger Jahre bewährt. Als Hollywood die Brust von Jane Russell groß herausbrachte, mißfiel dem damaligen Twen Kreyer, daß die dänischen Mädchen in schlabbrigen Strickwaren schwimmen gingen. Der Sohn eines Kurzwarenhändlers ersann stützende Formteile und Abnäher. Sein Badedreß mit angeschnittenem BH wurde ein Strand- und Kassenschlager.
Nützlichen Kleinkram erdachte der Autodidakt (Ausbildung: Volksschule) in Mengen, so Auflagen für Fahrradfelgen, die den Schlauch schonen, Hängematten aus Papier und eine Bratpfanne, in der Koteletts nicht anbrennen.
Aber bald gelangen dem dürren Brillenträger, der Fachliteratur ungern studiert ("Man kann sich dabei dumm lesen"), auch Innovationen, die großindustriell verwertet werden:
* Sein Verfahren, Traubenzucker aus der Stärke von Mais und Kartoffeln zu gewinnen, wird von etwa 60 Nahrungsmittelunternehmen in aller Welt angewendet.
* Eine Methode, Papier trocken herzustellen (in herkömmlichen Papiermühlen werden für eine Tonne Papier rund 100 Tonnen Wasser gebraucht), senkt die Produktionskosten und hilft weitere Umweltverschmutzung verhüten; sogenannte Wegwerftextilien aus Papiervlies, vom Damen-Unterhöschen bis zum Klinik-Bettbezug und Billig-Brautkleid, werden auf diese Weise hergestellt.
* Eine Art synthetischer Quarz war ebenfalls für mehrere Branchen brauchbar. Der "Sinopal" genannte glasige Kunststein eignet sich als blendfreier, rutschsicherer Straßenbelag, der die Nachtsicht verbessert, und wurde bislang auf 5000 Kilometer Straße aufgebracht. Er taugt auch als Baumaterial, mit dem schon mehr als 50 Villen in Dänemark errichtet wurden, und selbst als Filtermasse in der Trinkwassergewinnung und beim Bierbrauen.
Karl Kreyer, der Ideen auf Abruf zu seinem Geschäftsprinzip machte, hatte auch Erfolg, als ihn 1966 eine Versicherungsgesellschaft um Rat bei der schwierigen Bergung eines Schiffswracks anging. Er ließ in den Frachter, der im Hafen von Kuwait gesunken war, Kunststoffperlen pumpen, die unter Wasser aufschäumten und so dem Schiff Auftrieb gaben.
Bei diesem Geistesblitz war ihm allerdings ein anderer zuvorgekommen: "Donald Duck hat verhindert", erklärt Kroyer, "daß wir uns unsere Methode, Schiffe zu heben, patentieren lassen konnten." In der Comic-strip-Serie war bereits 1957 beschrieben worden, wie ein Wrack durch Einfüllen von Pingpongbällen aufschwimmt.
Immerhin bekam Kroyer ein Patent auf die Pumpanlage. Mit einem Blow-up der findigen Comic-Ente hat er sich das Badezimmer tapeziert.

DER SPIEGEL 7/1971
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