05.10.1970

PRODUKTE / BENZINSaubermann im Auspuff

Westdeutschlands Kraftstoff-Bosse präsentieren sich seit einigen Monaten als Vorkämpfer gegen die Luftverschmutzung. Mit aufwendigem Werbegeklingel versuchen sie Autofahrern zu suggerieren, ihr Benzin enthalte Zusätze, die nicht nur "mehr Kilometer", sondern auch "reinere Luft" (Aral und Shell) bewirken.
Angeregt zu solchen Parolen wurden die Werber der Mineralölfirmen durch die deutsche "Chevron", eine Tochter der mächtigen Standard 011 of California (Jahresumsatz 1969: 14 Milliarden Mark). Schon seit Monaten beunruhigt der Konzern die Branche mit seinem neuentwickelten Benzinzusatz F-310. In großformatigen Inseraten behaupten die deutschen Chevron-Werber, die Mixtur "verwandelt unverbrannten Kraftstoff im schmutzigen Auspuffgas in mehr Kilometer, mehr Kraft und führt zu reinerer Luft, lebenswichtig für uns alle".
Bei den durch Alarmmeldungen über Umweltverschmutzung beunruhigten Bundesbürgern kamen Chevrons Reklamesprüche gut an. Binnen weniger Monate steigerten die Amerikaner -- sie sind erst seit Anfang 1969 auf dem deutschen Markt tätig -- den Umsatz an ihren 850 Tankstellen um mehr als 20 Prozent.
Deutschlands Autofahrer tankten jedoch nicht nur mehr Chevron, sondern überschütteten die Frankfurter Zentrale auch mit Verehrerpost. Ein Graphiker in Schwerte war von dem Chevron-Wundermittel so begeistert, daß er spontan reimte: "Besser wird die Luft auf Erden, wenn alle Chevron-Tanker werden."
Weniger enthusiastisch reagierte die Fachwelt. Für die Chemiker deutscher Benzin-Hersteller ist F-310 kein "welterschütterndes Produkt" (Esso-Sprecher Thomas Ukert), sondern nur "eine Art Waschmittel" (BP-Chemiker Dr. Bellingen). Vielen Kraftstoffen in der Bundesrepublik werden ähnliche "Additive" (Branchenfachausdruck) schon seit Jahren zugesetzt.
Das F-310 ist für die Reinhaltung der Luft keineswegs so entscheidend, wie es die Konzernwerber Ihren Kunden weismachen wollen. Bei verschmutzten Motoren kann das Additiv lediglich Verbrennungsrückstände vermindern und Verschmutzungen im Vergaser beseitigen.
Der gefährlichste Giftstoff im Auspuffgas, das Blei, wird durch F-310 überhaupt nicht reduziert. Nach wie vor müssen Deutschlands Städter deshalb pro Tag 1,5 Milligramm Blei einatmen. Nach Untersuchungen von Professor Dr. Gerhard Olschowy in Bad Godesberg sind das 50 Prozent mehr, als der Mensch ohne gesundheitliche Schäden vertragen kann.
Für die Weltpremiere ihres werbewirksamen Kraftstoffes wählten die Chevron-Manager die besonders smoggefährdete Stadt Los Angeles aus. Anfang dieses Jahres stellten sie den Einwohnern der kalifornischen Metropole das Benzin als "die am längsten herbeigesehnte Entwicklung in der Benzingeschichte" vor.
US-Autofahrer versuchten Chevron-Werber in der Kampagne mit imposanten Zahlen zu beeindrucken: Bei einer Testreihe mit 560 Automobilen sei die Benzinausnutzung zum Beispiel um 13,9 Prozent gestiegen, der Anteil des giftigen Kohlenmonoxids in den Abgasen habe sich gleichzeitig um 11,6 Prozent vermindert.
Diese spektakulären Testergebnisse weckten sofort das Mißtrauen von Konkurrenten und Behörden. Das kalifornische Luftverschmutzungsamt zum Beispiel testete das neue Chevron-Benzin und kam zum Ergebnis: "Keine bemerkenswerte Veränderung in der Emission der Abgase."
Auch die amerikanische Bundesbehörde "Federal Trade Commission" (dem deutschen Kartellamt vergleichbar) beanstandete die Chevron-Werbung. Vor allem hatte den Beamten eine Anzeige mißfallen, in der Astronaut Scott Carpenter demonstrierte, wie das "neue F-310" schmutzige Auspuffgase in "gute saubere Kilometer verwandelt".
Biedere amerikanische Konsumenten hingegen reagierten auf die Chevron-Masche so, wie die Werbestrategen es gewünscht hatten: Schlagartig stieg der Umsatz. Selbst als die Konkurrenz den Chevron-Benzinpreis um zehn Cents pro Gallone unterbot, kletterten die Verkaufsziffern um 16 Prozent.
Ermutigt durch diese Erfolge, entschlossen sich die Manager, das F-310-Benzin auch in Europa zu verbreiten. Um die europäische Öffentlichkeit günstig zu stimmen, veranstalteten sie im Sommer ein Pressemeeting mi europäischen Chevron-Zentrallabor in Rotterdam. Zu der als Symposium für "Luftreinhaltung durch Abgasentgiftung" getarnten PR-Veranstaltung kamen allein 60 Journalisten aus Deutschland.
Die Chevron-Gäste waren von den Darbietungen, an denen unter anderen auch der Ex-Rennfahrer Stirling Moss mitwirkte, so beeindruckt, daß sie dem F-310 Lobeshymnen widmeten. So wurde der Kraftstoff im "Stern" zur "Frau Saubermann im Auspuff", und die "Bild"-Zeitung ernannte ihn gar zum "Wunderbenzin".
Den aufgeschreckten Konkurrenten blieb nichts weiter übrig, als sich den Autofahrern nun ebenfalls als Supermänner zu empfehlen. Aral zum Beispiel, das seit über einem Jahr den Slogan "Reinigt und schützt. Bringt deshalb mehr Kilometer" propagierte, behauptet nun: "Für sauberen Motor. Für reinere Luft. Für mehr Kilometer."
Noch kräftiger konterte die Deutsche Shell. Mit einem rasch auf den Markt geworfenen M-400-Wirkstoff will sie "jetzt helfen", daß "Autos und Menschen freier atmen".

DER SPIEGEL 41/1970
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