21.12.1970

PERSONALIENHelmut Kohl, Franz Josef Strauß, Greta Burmester, John Kardinal Krol, Uwe Harder, Michel Debré

Helmut Kohl, 40, Nachwuchspolitiker, wurde von einem Parteifreund gerügt. Der stellvertretende CDU-Vorsitzende Hans Katzer begrüßte den rheinlandpfälzischen Ministerpräsidenten, der am vorletzten Sonntag öffentlich erklärt hatte, er wolle im Herbst 1971 als Nachfolger Kurt Georg Kiesingers für den Parteivorsitz der Union kandidieren, auf der Präsidiumssitzung der Christdemokraten vorigen Montag in Bonn mit den Worten; "Guten Tag, Herr Parteivorsitzender." Anschließend tadelte der CDU-Linke den ehrgeizigen Mainzer Landesfürsten vor den versammelten Präsidialen: Wir wollen auch gerne vieles werden, sagen es aber nicht."
Franz Josef Strauß, 55, CSU-Chef, mag mit Kritikern seiner Thesen nicht öffentlich diskutieren. Nach der Attacke des (SPD->Finanzministers Alex Möller gegen die CDU/CSU ("Die, die diese Weltkriege und die darauf folgenden Inflationen zu verantworten haben, stehen Ihnen geistig näher als der SPD") hatte das CSU-Organ "Bayernkurier" nachzuweisen versucht, auch Sozialdemokraten hätten stets die Alleinschuld Deutschlands am Ausbruch des Ersten Weltkriegs bestritten. Der Hamburger Historiker Imanuel Geiss ("Julikrise und Kriegsausbruch 1914") forderte daraufhin "Bayernkurier"-Herausgeher Strauß schriftlich zu einer öffentlichen Diskussion auf: "Wenn Sie nicht den Eindruck aufkommen lassen oder verstärken wollen, daß Sie bedenkenlos mit wissenschaftlich längst unhaltbar gewordenen Argumenten Emotionen und Ressentiments mobilisieren wollen ... so müssen Sie meine Herausforderung annehmen." Strauß-Referent Friedrich Voss nach zwei weiteren Mahnschreiben: "Herr Geiss hatte geschrieben, es koste ihn Überwindung, überhaupt mit Herrn Strauß zu diskutieren. Wir sind feinfühlige Menschen und möchten ihm diese Überwindung ersparen."
Greta Burmester, 45, Stieftochter des SPD -- Fraktionsvorsitzers Herbert Wehner, sorgte auf dem Bundeskongreß der Jungsozialisten für vorweihnachtliche Stimmung. Die ständige Begleiterin des sozialdemokratischen Partei-Vize, die die Aufgaben eines persönlichen Referenten wahrnimmt, nutzte die Auseinandersetzungen zwischen SPD-Establishment und -Nachwuchs am vorletzten Freitag in der Bremer Stadthalle zu einer Beschäftigung, "bei der man gut zuhören kann": Sie fertigte -- gleich unterhalb der Redner-Tribüne sitzend -- aus Strohhalmen und Goldfäden Weihnachtssterne für die eigene Familie "und alle möglichen anderen".
John Kardinal Krol, 60, Erzbischof von Philadelphia (US-Bundesstaat Pennsylvania), litt unter Kindermund. Der promovierte Jurist, der die Integration Farbiger in das Gemeindeleben predigt und von der Freimaurer-Vereinigung "Golden Slipper Square Club" mit dem Preis der Brüderlichkeit ausgezeichnet wurde, hatte eine Wohltätigkeits-Veranstaltung für behinderte Kinder im örtlichen Benjamin-Franklin-Hotel aufgesucht. Als er während seiner Ansprache den neben ihm sitzenden querschnittgelähmten Ronnie Brooks, 3, am Kinn kraulte, bewies der Junge "keinen Respekt vor der Hand, die ihn segnet" (so die Tageszeitung "Philadelphia Inquirer"), und biß zu.
Uwe Harder, 47, (SPD-)Oberbürgermeister von Neumünster, sperrte dem örtlichen "Kreisverband der vertriebenen Deutschen e. V." das -- von der Stadt zur Verfügung gestellte -- Telephon. Grund: Im (von Mitgliedern außer Verantwortung des Vorstands herausgegebenen) "Mitteilungsblatt" der Vertriebenen hatte ein anonymer Verfasser beklagt, "daß auch die Ehefrau des Herrn Brandt in der Uniform der norwegischen Armee nach Kriegsende in Deutschland war. ihr küssen Deutsche jetzt die Hand. Wir aber müssen kuschen, jedenfalls nach dem Willen Brandts und Scheels, und uns "entlausen" lassen". Oberstudienrat a. D. Walter Geruch, Vertriebenen-Kreisvorsitzender und (von 1963 bis 1965) CDU-MdB, behauptete, von dem "emotionellen Text", der einem "zornigen jungen Mann" zuzuschreiben sei, erst nachträglich erfahren zu haben. Weil er sich nicht bereit fand, "in klarer und entschiedener Weise von dem Artikel abzurücken" (Magistratserklärung), bestätigten die Magistratsmitglieder der holsteinischen Stadt ihrem Oberbürgermeister, der den Vertriebenen auch den jährlichen Zuschuß von 2000 Mark gestrichen hatte, daß der Vorfall "nicht ungeschehen hingenommen werden" konnte. Gerlich: "Wir können kein Verständnis für diese diktatorischen Maßnahmen aufbringen."
Michel Debré, 58, Frankreichs Verteidigungsminister, warb für ein Prestige-Projekt. In der roten Überlebenskombination eines Testpiloten bestieg der Minister am vorletzten Sonnabend auf dem Militärflughafen Brétignysur-Orge bei Paris den Prototyp 001 des französisch-britischen Überschauflugzeugs Concorde, um sich selbst vom Fortschritt des Testprogramms zu überzeugen. Frankreichs Concorde-Chefpilot Andre Turcat flog den Politiker mit doppelter Schallgeschwindigkeit über die Nordsee, mußte aber nach zwei Stunden und 40 Minuten in Toulouse landen: Paris war eingenebelt. Der Minister hinterher zu Journalisten: "Wie Sie sehen, hat man seinen Verstand durchaus noch beisammen, wenn man aus dieser Maschine klettert." Obwohl der US-Senat die Bewilligung weiterer Gelder für die Entwicklung des, von Umweitschützern befehdeten, amerikanischen Mach-3-Flugzeugs Boeing "2707" abgelehnt hatte, will der Gaullist das französische Überschall-Projekt weiterhin "bis zur letzten Schraube" verteidigen. Debré "Vielleicht stehen wir vor einer Revolution des Transportwesens."

DER SPIEGEL 52/1970
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