19.10.1970

PROZESSE / ABSNoch'n Ruck

Friedrich Karl Kaul, 64, Marxist und Staranwalt aus Ost-Berlin, strahlte: Über Jahre hinweg werden westdeutsche Richter am Beispiel des Hermann Josef Abs nach der Moral im Kapitalismus forschen.
Sechs Stunden lang hatte Kaul gemeinsam mit dem Stuttgarter Anwalt Dr. Heinrich Mackenrodt vor der 17. Zivilkammer des Landgerichts in Stuttgart verteidigt, was sein Ost-Berliner Mandant, der Historiker Eberhard Czichon, 34, auf 314 Buchseiten mit 873 Fußnoten unter dem Titel "Der Bankier und die Macht" über die Deutsche Bank und ihr langjähriges Vorstandsmitglied Abs behauptet hatte. Nach mehrjährigem Quellenstudium im DDR-Zentralarchiv zu Potsdam, wo 218 Aktenordner und Korrespondenz-Bande der Deutschen Bank aus der Zeit bis zum Kriegsende eingelagert sind (Kaul: "Wir haben davon mehrere Räume voll"), gewann Czichon folgenschwere Erkenntnis: Hermann Josef Abs, im Dritten Reich Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, habe
* bei der "Arisierung" jüdischer Firmen persönliche Interessen wahrgenommen und sich bereichert;
* als überzeugter Anhänger der Nationalsozialisten maßgeblichen Einfluß auf das Hitlerregime gehabt und dessen Rüstungs- und Eroberungspolitik intensiv gefördert;
* öffentliches und privates Eigentum in von Hitler okkupierten Ländern geplündert.
Kauk-Kontrahent Dr. Josef Augstein in Stuttgart: "Alles böswillige Fälschungen und Verleumdungen." Zusammen mit seinem Stuttgarter Kollegen Dr. Martin Löffler hatte er deshalb im Auftrage des Bankiers im September gegen Czichon und seinen Kölner Verleger Manfred Pahl-Rugenstein eine einstweilige Verfügung erwirkt.
Daß nun vor bundesdeutschen Gerichten in öffentlichen Sitzungen erörtert werden muß, was für die Deutsche Bank und ihre Galionsfigur peinlich sein könnte, dazu hat das Unternehmen allerdings selbst beigetragen.
Als die Studentin Godela Linde im Frühjahr ihr Konto bei der Marburger Filiale der Deutschen Bank nach Lektüre des Czichon-Buches auflöste, erteilte die Bank der abgesprungenen Kundin noch schriftliche Belehrung: "Es handelt sich bei Herrn Czichon um einen Autor aus der DDR, dessen Buch in allen wesentlichen Punkten sachlich unwahr und beleidigend ist."
Daraufhin ließ der seinerseits beleidigte Autor Czichon der Bankfiliale ein Ultimatum übersenden -- Widerruf der Autoren-Beschimpfung bis zum 15. August 1970 und Zahlung einer Buße von 5000 Mark an den Vietcong.
Drei Tage vor Ablauf der von Kaul gesetzten Frist gingen die attackierte Bank und ihr Aufsichtsratvorsitzender zum Gegenangriff über. Sie erhoben Klage auf Schadenersatz sowie Unterlassung von zunächst 20 Behauptungen im Czichon-Buch.
Zwar war die erste Auflage des bereits im Februar 1970 -- als Ost-Präsent zum 100. Gründungstag der Deutschen Bank -- auf dem westdeutschen Büchermarkt erschienenen Anti-Abs-Bandes inzwischen vergriffen. Aber die Juristen Augstein und Löffler wollten vorsorglich durch einstweilige Verfügung eine zweite Auflage des Tendenzwerkes unterbinden.
Am Donnerstag vergangener Woche trugen die vier Anwälte gewichtiges Gepäck vor die Richter: Während die Abs-Anwälte aus Koffern und Aktentaschen vorwiegend Sympathiebriefe und eidesstattliche Versicherungen hervorholten, die erst eigens für den Prozeß erbeten worden oder eingegangen waren. berief sich die Ostseite auf ihren staatlichen Fundus an historischem Alt-Papier.
Am 5. November wollen die Stuttgarter Landrichter entscheiden, ob die einstweilige Verfügung bestehen bleiben soll oder ob der Ost-Berliner Anwalt zumindest in einigen Punkten seines Widerspruches Erfolg haben wird. So müssen sie abwägen:
* ob sich Abs als Mitglied in einem Dutzend Fachausschüsse von Industrie und Banken des Dritten Reiches eine "Machtposition im faschistischen System" ausgebaut oder ob es sich dabei lediglich -- so Anwalt Augstein -- um "unbeachtliche Renommierausschüsse" gehandelt hat;
* ob sich Abs durch eine "ebenso raffinierte wie skrupellose Arisierungspolitik" (Czichon) im Falle des jüdischen Braunkohle-Konzerns Petschek bereichert hat oder ob er dabei -- wie seine Anwälte meinen -- für eine befreundete Familie "das Beste herausholen" wollte (Kaul: "Noch'n Ruck, und Abs ist Opfer des Faschismus");
* ob Abs "als Kriegsverbrecher wegen der Plünderung privaten und öffentlichen Eigentums" (Czichon) von einem jugoslawischen Gericht 1945 zu 15 Jahren Zwangsarbeit verurteilt wurde oder aber, wie die Abs-Verteidiger belegen, nur zu zehn Jahren Zwangsarbeit, weil er als Banken-Funktionär der deutschen Besatzungsmacht "die kroatische Wirtschaft nicht gestört habe" (Kaul: "Neben den Juden hat er also auch noch den Serben geholfen!");
* ob Abs 1933 einer der Initiatoren für die fristlose Entlassung aller jüdischen Angestellten des Kaufhaus-Konzerns Karstadt war oder ob er, wie frühere Karstadt-Direktoren bezeugen wollen, damit "nichts zu tun" hatte.
Wie immer die Stuttgarter Richter im November urteilen werden, ihre Entscheidung ist nur der Auftakt zu weiteren gerichtlichen Auseinandersetzungen, die bei der Langwierigkeit westdeutscher Zivilprozesse frühestens in fünf Jahren beendet sein werden. Denn dem Verfahren um die einstweilige Verfügung schließt sich im Dezember das Verfahren zur Hauptsache an. Kaul: "Natürlich gehen wir bis zum Bundesgerichtshof."
Schon heute scheint sicher, daß beide Parteien auf umfangreicher Beweisaufnahme bestehen werden. Und damit der Rechtsstreit nicht nur Zivilrichter beschäftigt, hat der Ost-Berliner Anwalt vergangene Woche gegen Abs auch noch Strafanzeige wegen Abgabe wissentlich falscher eidesstattlicher Erklärungen gestellt. Augstein: "Nur ein Prozeßtrick."
Sicher scheint es, daß der Prozeß-Taktik Kauls Erfolg zumindest dort nicht versagt bleibt, worauf sie in Wahrheit zielt: Denn ob er schließlich beim Bundesgerichtshof prozessual unterliegt, dürfte den DDR-Anwalt nicht bekümmern, solange er erreicht, daß Person und Werk des bekanntesten deutschen Bankiers jahrelang in peinlichen Zeugenvernehmungen und über drei Gerichtsinstanzen fragwürdig bleiben.
Kaul: "Warten Sie mal ab, was wir noch alles auftischen."

DER SPIEGEL 43/1970
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