14.12.1970

AFFÄREN / WEIDEMANNDerart belastet

Gerhard Löwenthal, Mainzer Journalist und Fernseh-Moderator, der allwöchentlich im "ZDF-Magazin" die Welt ins rechte Lot rückt, traf zwei auf einen Streich. Er holte aus gegen den ehemaligen SS-Obersturmführer Hans Weidemann -- und erwischte einen Weidemann-Vertrauten im Hintergrund: Henri Nannen, 56, Chefredakteur der Illustrierten "Stern".
Die Dublette war augenscheinlich gewollt, Nannen der von Löwenthal Anvisierte. Der "Stern"-Chef, so ein "Magazin"-Bericht am Mittwoch vorletzter Woche, müsse 1944 als Kriegsberichter der Luftwaffe in Oberitalien Kenntnis davon gehabt haben, daß Weidemann nach einer Brückensprengung durch Partisanen zumindest indirekt an Folterungen beteiligt gewesen sei, schließlich einen jungen Mann und ein Mädchen an den Galgen gebracht habe. Weidemann sei damals im Dorf Bevilacqua, zwischen Verona und Padua, Chef der Waffen-SS-Propaganda-Einheit " Südstern" gewesen.
Statt sich nach dem Krieg von dem "derart belasteten" (Löwenthal) Kameraden zu trennen, protegiere der heutige "Stern"-Chef den einstigen "Südstern"-Chef seit Jahren -- als Bundeswettbewerbsleiter der "Stern -- Aktionen "Jugend forscht" und "Jugend trainiert für Olympia. Löwenthal: "Wo bleibt da die Glaubwürdigkeit Nannens?"
Die Zwie-Tracht, die der Mainzer den Hamburgern verabreichte, löste doppelten Widerspruch aus: Nannen und Weidemann protestierten unisono. Weidemann in einem Schreiben an Löwenthal: "Falsch ist die Behauptung, ich hätte mit dem Verhör oder der Hinrichtung ... zu tun gehabt." Nannen in einem Schreiben an ZDF-Intendant Karl Holzamer (CDU): "In Wahrheit wurde die Untersuchung ... von einem aus Este angereisten SD-Sonderkommando unter Führung eines Hauptmanns in Luftwaffenuniform durchgeführt,"
Die Folterer und Henker hätten, so Nannen, gar keine deutsche Uniform getragen und zur "Brigata Nera" gehört, den italienischen "Schwarzhemden" Mussolinis. Zwei Ermittlungsverfahren gegen Weidemann seien denn auch von der Staatsanwaltschaft in Stade aufgrund entlastender Zeugenaussagen eingestellt worden.
Der einstige NS-Propagandist Weidemann, der sich nach der ZDF-Attacke vom "Stern" beurlauben ließ und Selbstanzeige in Hamburg wie Verona erstattete, bestreitet nicht, in Bevilacqua als Ortskommandant tätig gewesen zu sein. Sein Auftrag als "Südstern"-Chef, so erläutert er, habe sich jedoch auf das Abfassen von Desertionsaufrufen und den Abschuß von Flugblättern hinter die Linien der Briten und Amerikaner beschränkt.
* Bei einer Weihnachtsfeier 1944 in Bevilacqua.
Mit diesem Kampfauftrag war auch Nannens Luftwaffentrupp zu der bunt zusammengewürfelten Weidemann-Einheit abkommandiert worden: einer Kompanie deutscher und italienischer, britischer und indischer Journalisten, Zeichner, Photographen, Texter und Drucker.
Sie zu koordinieren und zu kommandieren, bedurfte es eher unsoldatischer Begabung zur Improvisation denn militärischen Führertalents -- eine Aufgabe, die Weidemanns Naturell entgegenkam. Der hochdekorierte Hitler-Gefolgsmann, Träger des Goldenen Parteiabzeichens (Parteinummer: 97 362) und des 55-Ehrendegens, hatte einst als Stipendiat und Meisterschüler zehn Semester Malerei an der Düsseldorfer Kunstakademie studiert. Damals, im Jahre 1928, schloß sich der Feldwebelsohn im Alter von 24 Jahren in seiner Heimatstadt Essen den Nationalsozialisten an. Berufsziel des ehrgeizigen Malers, der für Emil Nolde und die Expressionisten schwärmte: eine Akademie-Professur.
Statt dessen berief ihn der Essener NS-Gauleiter Josef Terboven, von Weidemanns flammenden Propagandareden angetan, zu seinem Stellvertreter. Und ein halbes Jahr später, Anfang 1933, holte Goebbels den rheinischen SS-Jungmann in die Münchner Reichspropagandaleitung.
Nach der Machtübernahme machte Weidemann im Berliner Goebbels-Ministerium Karriere: Er wurde Abteilungsleiter für Bildende Kunst. Doch über Nolde kam es bald zum Bruch mit dem Gönner. Weidemann" so berichtet Ex-Rüstungsminister Albert Speer in seinen "Erinnerungen", habe sich gegen die "ausnahmslose Verdammung der Modernen" als "entartete Kunst" gesträubt und sei von Goebbels zu "einer untergeordneten Tätigkeit" degradiert worden.
Seinen Posten als Vizepräsident der Reichskammer Bildende Künste, erzählt die Kunsthistorikerin Hildegard Brenner im Rowohlt-Standardwerk "Die Kunstpolitik des Nationalsozialismus" " habe Weidemann verloren, nachdem er "es gewagt hatte, Nolde als Präsidenten vorzuschlagen".
Nach mehrjähriger Filmarbeit meldete sich Weidemann 1941 aus Berlin ("Ich hatte alles satt") schließlich an die Rußlandfront ab und wurde Kriegsberichter der Waffen-SS-Standarte "Kurt Eggers", für die er 1944 auf "Südstern"-Kurs abschwenkte. Nach Kriegsende tauchte er in dem Dorf Carolinensiel seiner "Wahlheimat Friesland" (Weidemann) unter, arbeitete unter dem Namen seiner Mutter als Maler Hans Wallraff und meldete sich erst 1950 in Hamburg zur Entnazifizierung. Ausgestattet mit Persilscheinen von prominenten Malern wie Nolde und Erich Heckel, Künstlern wie Werner Finck und Wolfgang Liebeneiner, wurde er trotz Partei- und SS-Vergangenheit in die Mitläufer-Gruppe IV eingestuft.
Als Maler war Weidemann mittellos geblieben. Nun konnte er sich als Werbeberater für Hamburger Firmen betätigen und organisierte die "Miß Germany"-Wahlen für die "Opal"-Strumpfwirker.
Sein erster Auftrag von Nannens "Stern": eine Fertighaus-Ausstellung in Quickborn bei Hamburg. Weidemann richtete sie vor sieben Jahren so reibungslos aus, daß "Stern"-Verleger Gerd Bucerius später auch dessen Vorschläge für die "Jugend forscht"-Aktion und das Olympia-Jugendtraining akzeptierte; daher steht Weidemann nun im "Stern"-Impressum.
Bucerius nahm für die ehemaligen Kriegspropagandisten auch nach der Mainzer "Magazin"-Attacke Partei. In einem Telex an Intendant Holzamer, einst selbst Sonderführer bei den Luftwaffen-Kriegsberichtern, zürnte der Teilhaber des "Stern"-Verlags Gruner + Jahr (Anteil: 35 Prozent), Löwenthal und dessen Gehilfe Meyer hätten "meine Mitarbeiter Nannen und Weidemann verleumdet".
Unterdessen bezeichnete Ex- "Südstern"-Soldat Carl Anton Kindier, 65, ZDF-Kronzeuge für die Erhängung eines Mädchens in Bevilacqua, seine Aussage als "Irrtum".
Und Ex-Partisan Leonardo Rossin, den Löwenthal als Kronzeugen für Weidemanns Folter-Befehlshabe präsentierte, korrigierte gegenüber "Stern"-Rechercheuren seine ZDF-Aussage: Eine Weidemann belastende Äußerung stamme nicht von dem Deutschen, sondern von einem italienischen Dolmetscher.
Henri Nannen, der sich für Mittwoch im Wiesbadener ZDF-Studio zur "Magazin"-Sendung angesagt hat, will überdies dem Moderator Löwenthal ein bislang unbekanntes deutsches Archiv-Dokument vorlegen. "Eindeutig", so der "Stern"-Chef, belege der Text die Verantwortung eines nach Bevilacqua entsandten rückwärtigen Kommandos für die Partisanenaktion, bei der drei Italiener -- so das Dokument -- "sofort der Mittäterschaft an einer Brückensprengung überführt werden konnten".

DER SPIEGEL 51/1970
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