14.12.1970

KRIEGSVERBRECHEN SS-„AHNENERBE“Deutsche Geistigkeit

Der Franzose Henry Henrypierre, 65, gab vor dem Frankfurter Schwurgericht als Zeuge zu Protokoll: "Die Leichen trafen noch warm bei uns ein. Die weitaufgerissenen Augen waren rot unterlaufen. Aus den Nasen sickerte Blut. Besonders eine Sendung von Frauenleichen sah grausig aus."
Die "Sendung" kam, im Sommer 1943, aus dem elsässischen Konzentrationslager Natzweiler. Empfänger war die Anatomie der "Reichsuniversität" Straßburg, wo SS-Hauptsturmführer Professor August Hirt Skelette und Köpfe vergaster KZ-Opfer als Meß-, Anschauungs- und Museumsmaterial für die Rassenforschung Im Hitler-Staat sammelte -- in Zusammenarbeit mit der "SS-Forschungs- und Lehrgemeinschaft Ahnenerbe e. V."
Hirt gilt seit Kriegsende als verschollen, wahrscheinlich nahm er sich das Leben. Drei ehemalige Mitarbeiter des "Ahnenerbes" stehen seit Anfang November wegen Beihilfe zum Mord vor Gericht (SPIEGEL 46/1970): der Frankfurter Papierhändler und Anthropologe Dr. rer. nat. Bruno Beger, 59, der Frankfurter Dr. phil. Hans Fleischhacker, 58, ebenfalls Anthropologe, und der Hannoveraner Schokoladen-Kaufmann Wolf-Dieter Wolff, 57, der für das "Ahnenerbe" Korrespondenzen erledigt hatte.
Während die Angeklagten nun schon seit sieben Wochen ihre Unschuld beteuern, dokumentiert der deutsch-kanadische Historiker Michael H. Kater in der ersten umfassenden Untersuchung über das "Ahnenerbe" Groteske und Verbrechen eines der makabersten NS-Unternehmen. Kater, dessen Dokumentation In Zusammenarbeit mit dem Münchner Institut für Zeitgeschichte entstand und demnächst veröffentlicht werden soll, wird möglicherweise vor dem Frankfurter Schwurgericht als Gutachter aussagen und könnte so gerichtsnotorisch machen, was bislang selbst vielen Kennern des Nationalsozialismus verborgen blieb:
Jahrelang hatte sich der 1935 von dem Marburger Privatgelehrten Herman Wirth initiierte Privatverein allein um die "Erstarkung reiner deutscher Geistigkeit" (Wirth) gemüht und darum, "Raum, Geist, Tat und Erbe des nordrassigen Indogermanentums zu erforschen" -- so .die Satzung von 1939 der inzwischen umbenannten und dem SS-Imperium einverleibten Forschungsgemeinschaft.
Jahrelang diente das von Industriellen (wie der Frankfurter Arzneimittel-Fabrikantin Mathilde Merck) und Bankinstituten (wie der Dresdner und der Deutschen Bank unter ihrem Direktor und preußischem Staatsrat Emil Georg von Stauss) mitfinanzierte SS-Institut den einstweilen noch skurrilen Einfällen seines Präsidenten Himmler, der Hitler mit einer wissenschaftlichen Hausmacht imponieren wollte und sich mühte, aus dem islamischen Koran Parallelen zu des Kanzlers "Prophetentum" herzuleiten.
Das "Ahnenerbe" sollte, so Wolfram Sievers, Reichsgeschäftsführer der SS-Stiftung, "Sammelbecken für alle kulturellen Bestrebungen des Reichsführers" sein. Doch während des Krieges wuchs das "Ahnenerbe" zu einem ominösen SS-Betrieb, der, so Historiker Kater, immer mehr den "Charakter einer Mördergrube" annahm.
Um das "Ahnenerbe" zur kulturpolitischen Schule der SS zu erhöhen, ließ Himmler prähistorische Vorträge halten und "Hausmarken und Sippenzeichen" seiner SS-Familien erforschen. Als Pendant zum SS-"Lebensborn", der Pflanzstätte künftiger Germanenenkel, sollte das SS-"Ahnenerbe" die "arteigenen Wurzeln" (Himmler) aus grauen Vorzeiten ausmachen. Denn: "Man hat", klagte 1936 Himmler, "das deutsche Eichenreis auf eine Libanonzeder umgepfropft, man hat uns statt der Stammväter der deutschen die jüdischen Erzväter Abraham, Isaak und Jakob untergeschoben."
Akademien wie Heimatvereine wurden gleichgeschaltet, wenn immer sie in den volkskundlichen Rahmen paßten, Bibliotheken und Sammlungen einverleibt, wenn immer sie dem SS-Chef von Interesse schienen -- wie etwa die orientalisch-semitische Bibliothek des Münchner Schriftstellers Lion Feuchtwanger oder der Schriftwechsel Wallensteins mit seinem Astrologen Seni aus dem Besitz eines Prager Archivars.
Wann immer Heinrich Himmler, "Reichsführer SS" und dilettierender Anthropologe, über das irdische Dasein nachsann, ließ er sein liebstes Unternehmen, die Stiftung "Ahnenerbe", davon wissen. Welches Problem dem diplomierten Landwirt und ehemaligen Hühnerzüchter auch immer in den Sinn kam: Seine Auftragsforscher erledigten es prompt. Sie untersuchten, so wollte es Himmler, "Fettvenus-Darstellungen" und "ähnliche Figuren ... überfetter mit besonders starken Schenkeln und Gesäßen versehener weiblicher Wesen" (Himmler: "Nun fällt mir auf, daß ... vor allem bei den Hottentotten die Frauen den Fettsteiß und alle anderen Attribute dieser Art haben"), ebenso wie die Frage, ob der Schmetterlingsflug "von Südafrika bis Island" mit der Welteislehre zu erklären sei.
Den Reichsführer interessierte die Strickkunst der germanischen Kimbern wie die Zwiebeln der Herbstzeitlosen (Himmler: "Je tiefer sie wachsen, desto strenger der Winter"). Er forderte die "biologische Bekämpfung der Stubenfliege" und die "Wiederzüchtung des winterfesten Mongolenpferdes".
Kaum war Österreich angeschlossen und Ostmark geworden, erfüllten "Ahnenerbe"-Archäologen einen Lieblingswunsch Himmlers und machten sich über das Kärntner "Zollfeld" her, auf dem einst die karolingische Pfalz "Karnburg" gestanden hatte. Kaum waren Böhmen und Mähren Protektorat geworden, suchten "Ahnenerbe" -- Historiker den südmährischen Fundplatz Unter-Wisternitz, einst altsteinzeitliche Mammutjägerstation auf.
Im Krieg folgten "Ahnenerbe"-Kommissionen den Waffen-SS-Verbänden und SD-Einsatzgruppen -- etwa auf die Schwarzmeer-Halbinsel Krim, um Siedlungsreste der Goten auszumachen. Sie druckten volksdeutsche "Trachtentafeln" und erfaßten Mundarten für künftige "Wortatlanten". Im Oktober 1942, drei Jahre nach Kriegsbeginn, wollte Himmler wissen, warum "an früheren Hinrichtungsplätzen heute noch die Raben in besonderem Maße kreisen".
In diesem Krieg geschah auch, was erst der Krieg ermöglichte und was den SS-Rassisten als "kriegswichtig" galt: die "Weichenstellung in Richtung Experimentalmedizin" (Kater). Himmler wurde, so Historiker Kater, "zum Doktor Caligari".
Anatom Hirt, der in seiner Knochenkollektion das "charakteristische Untermenschentum" vermißte, sah, wie er am 9. Februar 1942 an Himmler schrieb, nach acht Monaten "Krieg im Osten" die "Gelegenheit, diesem Mangel abzuhelfen": "In den jüdisch-bolschewistischen Kommissaren ... haben wir die Möglichkeit, ein greifbares wissenschaftliches Dokument zu erwerben, indem wir ihre Schädel sichern."
Himmler war einverstanden und befahl: "Hirt soll alles bekommen ... was er braucht." Gesichert wurden denn auch, vom 10. bis 15. Juni 1943 im KZ Auschwitz, "insgesamt ... 115 Personen, davon 79 Juden, zwei Polen, vier Innerasiaten und 30 Jüdinnen" -- so Geschäftsführer Sievers Vollzugsmeldung an das Reichssicherheitshauptamt: "Ein namentliches Verzeichnis ... ist beigefügt."
Was weiter geschah, schilderten 1946/47 im Nürnberger Ärzteprozeß unter anderen Zeuge Joseph Kramer; ehemals Kommandant des KZ Natzweiler-Struthof im Elsaß nahe Straßburg, wo Hirts Häftlinge mit einer eigens von ihm entwickelten Cyanhydratsalz-Lösung vergast wurden, und Zeuge Henry Henrypierre, ehemals französischer Kriegsgefangener und Präparator in Hirts anatomischem Institut, wo die Leichen zu späterer Skelettierung in mit 55prozentigem künstlichem Alkohol gefüllten Beton-Becken aufbewahrt wurden. Den argwöhnischen Gehilfen warnte der Professor: "Wenn du die Schnauze nicht halten kannst, kommst du auch dazu."
Fürs "Ahnenerbe", längst um naturwissenschaftlich-medizinische Abteilungen bereichert und auf das "Institut für Wehrwissenschaftliche Zweckforschung" (IWZ) konzentriert, experimentierten "in heiligem Ernst" (Himmler) -- neben anderen, Himmler persönlich unterstellten SS-Medizinern -- vornehmlich
* der Münchner Internist Dr. Sigmund Rascher an Häftlingen im KZ Dachau (Spezialitäten: Unterdruck- und Unterkühlungsversuche); > der Münchner Biologe Dr. Eduard May, ebenfalls in Dachau, im entomologischen Institut (unter anderem: Fleckfieber-Impfstoff-Versuche);
* der Straßburger Professor Hirt, der an Vitamintherapien und Giftstoff-Forschung nicht weniger interessiert war als an der Anatomie und in Natzweiler speziell mit den Kampfstoffen Phosgen und Senfgas (Lost) Humanversuche unternahm. Rassenkundliche Unternehmen des "Ahnenerbe" durften zwar im Kriege unbeschränkt weitergeführt werden, brachten jedoch kaum Ertrag. Himmlers "Fettvenus" blieb ebenso ungeklärt wie seine Vermutung, reinrassige Zigeuner seien direkte Nachfahren "indogermanischer Urvölker".
"Erst unter der tatkräftigen Regie Bruno Begers", so "Ahnenerbe"-Historiker Kater über den jetzt in Frankfurt angeklagten ehemaligen SS-Hauptsturmführer, "kam die rassenkundliche Forschung überhaupt voran." Kater vermutet sogar, daß "nicht Hirt, sondern Bruno Beger" der "verhexte Fanatiker" und verantwortlich für die Kopf-Jagd in Auschwitz gewesen sei, die Himmler mit einem Buch-Geschenk für Beger belohnte.
1943 sollte Beger als Vize-Chef am "Unternehmen K" teilnehmen -- der "rassenkundlichen Durchforschung der kaukasischen Stämme", für die bereits, wie Kater den Dokumenten entnahm, "20 Stück Skalpelle versch. Größe", "6 Stück starke Skalpelle" und "5 große Fleischmaschinen, angefordert worden waren. Doch nach der Niederlage von Stalingrad wurde das Sonderkommando abgeblasen.
Ende Mal 1944 zog es Beger dann selber an die Ostfront zur SS-Kriegsberichter-Standarte Kurt Eggers. Er wollte "die Unterschiede In der Verhaltensweise der Rassen im Kampf" studieren. Doch als Beger kam, da befanden sich die fremden Ost-Rassen schon auf dem Vormarsch nach Westen.

DER SPIEGEL 51/1970
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