30.11.1970

Robert Jungk über Alvin Toffler: „Der Zukunftsschock“KRANK DURCH VERÄNDERUNG

Robert Jungk, 51, ist der Autor des Bestsellers „Die Zukunft hat schon begonnen“. Als Gastdozent las er an der TU Berlin über Zukunftsforschung. -- Der Amerikaner Alvin Toffler, 42, der sich selbst als „Gesellschafts-Futurologen“ bezeichnet, ist Mitarbeiter von „Life“, „Fortune“ und der „New York Times“ sowie Mitglied von Planungsgremien in den USA.
Zu den "fans" dieses Buches gehören, laut dem amerikanischen Verlagsprospekt, McLuhan, Buckminster Fuller und Betty Friedan -- alles Persönlichkeiten, die für radikales Umdenken eintreten. Aber laut "Life" ist auch Nixon ein Bewunderer von Tofflers "Future Shock".
Das macht stutzig. Auch darf man sich wundern, daß diese sympathisierende Schilderung einer Revolution, die, so der Autor, "Institutionen und Kräfteverhältnisse zertrümmert", vom "Wall Street Journal" mit einer Lobeshymne begrüßt wurde, während der sozialistische "New Statesman" einen Verriß beisteuerte. Sollten die Befürworter der Revolution ins Establishment abgewandert sein? Sind ihre Gegner auf der Linken zu finden?
Diese Frage ist durchaus ernst gemeint. Nirgends wird heute so intensiv von "Revolution" gesprochen wie in den Seminaren des industriellen Managements. Man lese nur einmal die "news letters" jener Großfirmen, die sich der permanenten technischen Innovation verschrieben haben, und man wird konstatieren, daß es einen Computer-Jakobinismus gibt, der nicht nur das Vokabular des Umsturzes perfekt handhabt, sondern auch pünktlich alle zwei Jahre eine neue "Umwälzung" verkaufsfertig macht.
Ehemalige Apo-Mitglieder und SDS-Führer werden dort mit offenen Armen aufgenommen. Sie dürfen ihr kritisches, revolutionäres Denken auf alle möglichen Sachverhalte richten -- nur nicht auf eine Revolutionierung der Besitzverhältnisse. "Radikale Veränderung" ist erlaubt, ja erwünscht, solange der Geschäftsgang nicht beeinträchtigt wird. Und da Tofflers "superindustrielle Revolution" an das Allerheiligste nicht ausdrücklich zu rühren wagt -- das Wort "Profit" fällt in seinem Buch nicht ein einziges Mal --, setzt man sich gern und überwiegend zustimmend mit dem Schocker auseinander.
Dabei ist Tofflers Buch die anklagende, oft erschütternde Darstellung einer monumentalen Fehlentwicklung der westlichen Gesellschaft. Noch nie ist mit einer solchen Überfülle von Fakten gezeigt worden, wie technischer Fortschritt, der über den Produkten die Produzenten vernachlässigte, zu einer kollektiven Erkrankung führte, für die der Autor den Terminus "Zukunftsschock" fand.
Opfer dieses Leidens sind wir alle, die physisch und psychisch zu viele Veränderungen in einem zu kurzen Zeitraum durchmachen müssen. Diesen immer neuen Einbruch der Zukunft in die Gegenwart können die Zeitgenossen nicht mehr verkraften. Angst, Apathie, Depressionen, Gewaltausbrüche sind einige der zahlreichen Manifestationen dieses Anpassungsmankos, das mit jedem Jahr zunimmt.
Die Schilderung der Unrast des Gegenwartsmenschen ist brillant. Das "Ende der Stetigkeit", die "Wegwerf-Gesellschaft", die "Aufsplitterung der Familie", das "überstimulierte Individuum", die "Informationsüberfütterung" werden als Symptome genannt. mit Fakten oder Anekdoten belegt.
Bei der Diagnose scheint mir Toffler allerdings übervorsichtig zu sein, so als wolle er die Hauptschuldigen nicht zu sehr schockieren. Er behandelt die unablässige Herstellung von Innovationen fast so, als handle es sich um eine Art Naturvorgang, den man nur "kontrollieren" müsse, um das Glück der Menschen wiederherzustellen. Wir wissen aber heute, wie stark wissenschaftliche und technische Neuerungen von gesellschaftlichen Interessen in Gang gesetzt werden, die sich entschiedener Kontrolle mit Macht widersetzen.
Bisher hat man -- übrigens nicht nur in den Wirtschaftssystemen des Westens, sondern auch des Ostens -- die Produktion von Gütern zu möglichst niedrigem Preis und mit guten Absatzchancen zum Ziel des Fortschritts gemacht. Die mittel- und langfristigen Auswirkungen dieser Produktion auf den Menschen wurden so gut wie gar nicht beachtet.
An diesem Punkt setzen nun Tofflers oft sehr phantasiereiche, aber politisch in der Luft hängende therapeutische Vorschläge ein. Er plädiert für "übergeordnete Planung und verantwortliche Leitung" des Fortschritts. Damit sie sich nicht zur Technokratie im Dienste einer Machtelite verfestige, entwirft er -- darin Bertrand de Jouvenel folgend, ohne dessen Namen zu nennen -- neue demokratische Institutionen, in denen die Bürger ihre Wünsche und Hoffnungen für die Zukunft zum Ausdruck bringen könnten.
Schulen und Universitäten sollten die geistigen Voraussetzungen für solche Teilnahme aller an der Gestaltung der Zukunft schaffen. Staatliche und privatwirtschaftliche Stellen müßten technologische Neuerungen vor Verbreitung prüfen, "Technologie-Ombudsmänner" hätten "Beschwerden über unverantwortliche Anwendungen der Technologie ... zu prüfen und angemessene Maßnahmen zu treffen".
Die Botschaft hör' ich wohl, ja ich verkünde sie sogar seit Jahren, genau wie andere über die Zukunft Besorgte. Jedoch mir fehlt schon seit einiger Zeit der Glaube an die baldige und schmerzlose Verwirklichung derartiger Reformvorschläge, Die Zukunftsforschung hat überraschend schnell des Schicksal der Religionen erfahren. Sie dient zur Erbauung, sie verpufft als Predigt, sie erweckt Hoffnung, wo Entschlossenheit zur Änderung vordringlicher wäre.
Wohl geht zur Zeit eine Flut von futurologischen Büchern und Artikeln auf die von Zukunftsangst geplagter. Zeitgenossen nieder, aber ihre Erkenntnisse bleiben Worte. Sie dürfen nicht in die Alltagswirklichkeit umgesetzt werden, denn das wäre angeblich "angesichts der angestrengten wirtschaftlichen Situation durchaus unrealistisch". Also: Morgen, morgen, nur nicht heute. "Manana" heißt neuerdings auf deutsch "Prognose".
Zwar spricht Toffler davon, daß "drastische gesellschaftliche und sogar politische Maßnahmen erforderlich" seien, um die "Krankheit des Wandels" zu heilen. Er meint außer "Linderungsmitteln für das gepeinigte Individuum" auch "radikalere Heilmittel für die Gesellschaft als Ganzes" vorgeschlagen zu haben.
Aber wer soll und kann diese Vorschläge verwirklichen? Die Rechte, die bei allem Revolutionsgerede im Grunde nichts ändern will? Die Linke, die auch das Neueste immer wieder durch schon etwas betagte Konzepte erklären zu können glaubt?

DER SPIEGEL 49/1970
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