07.12.1970

PRESSE / „BILD"/"PARDON“Blutige Strecke

Es geschah im Allgäu. "Unbemerkt war Gottlieb H. aus Weiler in ein Bauernhaus eingedrungen. Aus einem Nähkasten nahm er 1300 Mark mit ..." Weiter:
Nach dem Diebstahl schlich sich Gottlieb vom Hof auf die Straße. Dort lief er ausgerechnet der Ordensschwester in die Arme, die Ihn während der gerade beendeten Schulzeit in Religion unterrichtet hatte.
Erschrocken stotterte der 16jährige der Nonne vor: Gelobt sei Jesus Christus. Hier hoben Sie zehn Mark für Jesus.
Überrascht nahm die ahnungslose Nonne die Spende an, die aus der Beute stammte. Die Nonne später zur Polizei: Ich war ganz verblüfft. Er war nämlich mein schlechtester Schüler. Von Religion wollte er nie etwas wissen. Deshalb ging er mir wohl auch immer aus dem Weg.
Als die Ordensschwester von dem Diebstahl hörte, schöpfte sie Verdacht und verständigte die Polizei. Der Dieb wurde angezeigt.
So stand es -- als Seitenaufmacher auf der letzten Seite -- am 8. August 1970 in Axel Springers"Bild"-Zeitung**. Schlagzeile: "10 Mark für Jesus".
Genau so war es nicht gewesen. Ordensschwester Levinetta und die zuständige Polizeistation (in Lindenberg) bezeugen: Gottlieb war weder "der Ordensschwester in die Arme" gelaufen, noch hatte er "Gelobt sei Jesus Christus" gestottert. Dem Herrn hatte er mitnichten zehn Mark gespendet, die Nonne hatte ihn keineswegs in Religion unterrichtet -- geschweige denn hatte sie gesagt: "Von Religion wollte er nie etwas wissen."
Ordensschwester Levinetta berichtet, sie habe vom Fenster des Pfarrhauses aus den "Bub" vom Bauernhof davonradeln sehen -- ohne zu wissen, was in dem Gehöft vorgefallen war,
* Bei einer "Pardon"-Steckbriefaktion in Hamburg gegen "Bild"-Chef Boenisch.
** "Bild" bezeichnete in der süddeutschen Ausgabe den Täter als "Werner H." und verlegte das Geschehen mit Datumszeile aus Wangen in einen "Ort bei Wangen".
ohne auch nur ein Wort mit ihm gewechselt zu haben. Später, als die Polizei Nachbarschaftsbefragungen vornahm, sei auch sie angesprochen worden und habe ihre Beobachtung dem Polizeiobermeister Erich Reich zu Protokoll gegeben. Nonne Levinetta über die "Bild" -Version: "Ich konnt' a poar Nacht' nicht schlaf'n über den saudummen Artikel."
Der Mann, der Schwester Levinetta den Schlaf raubte, "Bild"-Chef Peter Boenisch, 43, gibt freimütig zu: "Wir machen eine Menge Fehler, jeden Tag. Aber ich glaube, 'Bild' macht weniger Fehler als manche der Zeitungen, die sich seriös nennen. Nur: Unsere Größe potenziert alles."
Die Menge der Fehler -- der Levinetta-Fall wurde vom SPIEGEL an einem x-beliebigen Tag als x-beliebiges "Bild"-Thema aufgegriffen und nachrecherchiert -- einmal dahingestellt: Die Art der Fehler ist es, die bei einer Auflage von 3,6 Millionen Exemplaren und bei 11,3 Millionen Lesern täglich die Potenzierung zum Politikum macht.
Es ist die Masche, Belanglosigkeiten zu Besonderheiten aufzuputzen, Besonderheiten zu Sensationen zu machen und Sensationen, noch eins drauf, zur "Bild"-spezifischen Supernova zu steigern -- eine auf Emotionalisierung des Lesers abgestellte Technik, die sich beispielsweise ausmachen läßt am "Bild"-Aufmacher vom 17. August. Damals schilderte das Blatt einen in der Tat besonderen Fall: das Unglück eines achtjährigen Jungen, dem ein Hund das rechte Ohr abbiß.
"Bild" berichtete zutreffend über den Vorfall am Rheinufer in Niederdollendorf bei Bonn, ließ den Jungen ("rechtes Ohr in der Hosentasche") dann aber zum "nächsten Telephon" laufen und das Krankenhaus anrufen: "Ein Hund hat mir das Ohr abgebissen. Können Sie es bitte wieder dranmachen?" Tatsächlich wurde nicht das Krankenhaus von dem Jungen, sondern die Polizei von Gastwirt Alfred Becker verständigt, zu dem der Junge mit einem Freund geeilt war und der -- um Zeit zu sparen -- mit seinem Wagen den Achtjährigen in das Krankenhaus fuhr. Das abgebissene Ohr war der "Bild"-Zeitung nicht genug, sie brauchte einen Helden: "Junge, Junge, du bist ein tapferer Bursche" (Schlagzeile).
Ein halbes Dutzend solcher "Fehler" werden in dieser Woche den Deutschen Presserat beschäftigen, die Selbstkontroll-Instanz von Verlegern und Journalisten. Vor diesem Gremium möchte Hans A. Nikel, 40, Chefredakteur der satirischen Zeitschrift "Pardon" (Auflage: 202 000), den "Beweis für die systematisch betriebene Nachrichtenverfälschung der 'Bild'-Zeitung" antreten.
Was Nikel "Praxis der organisierten Lüge" nennt, ist für Axel Springer offenbar ein Merkmal künstlerischen Tuns. In der Hauszeitschrift "Springer aktuell" ließ er sich zitieren, jedermann wisse, daß "Bild" gehalten sei, "holzschnittartig zu formulieren". Springer: "Das paßt einer Minorität von Ästheten nicht so recht, aber in toto kommt es glänzend an."
Da "Bild"-Boenisch sich wiederum zur Minorität der Ästheten rechnet (Boenisch zu "Jasmin": "Ich freue mich einfach ästhetisch an allem, was schön ist"), wäre zu folgern, daß "Bild" seinem Chefredakteur nicht passen dürfte -- es sei denn, der Ästhet litte an Geschmacksverirrung. So zumindest ließe sich erklären, daß in Boenischs "Bild"-Zeitung Holzschnitzerei mitunter zur Holzerei gerät, besonders in der Politik.
Daß "Bild" der sozialliberalen Brandt/Scheel-Regierung in Bonn am Zeuge flickt -- das geht, so es aus Überzeugung geschieht, in Ordnung. Daß sich das Blatt dabei manipulierender Mittel bedient -- das macht "Bild" zum Fall, den zu studieren sich lohnt, etwa am Beispiel der Berichterstattung über die Bonner Haushaltspolitik.
Zu Zeiten der Großen Koalition, als Franz Josef Strauß (CSU) Finanzminister war, schrieb "Bild"-Boenisch in "Springer aktuell":
Solange noch so viele Wohnungen bei uns überbelegt und zu eng sind, solange sich noch längst nicht alte eine Urlaubsreise leisten können, solange es nicht genügend Kindergärten und nicht genügend Krankenhausbetten gibt -- so lange hat jede Regierung noch genug zu tun, um zu erreichen, daß es den Leuten besser geht. Der Wohlstand muß endlich auch für die erreichbar sein, die noch im Schatten des Wirtschaftswunders leben,
Zu Zeiten der sozialliberalen Regierung, als Finanzminister Alex Möller (SPD) im Interesse der auch von Boenisch für notwendig erachteten Infrastruktur-Verbesserungen für eine Erhöhung des Bundeshaushalts um 12,1 Prozent (für 1971) plädierte, schrieb Boenisch, diesmal in "Bild":
Es ist verantwortungslos, so wie es Finanzminister Möller ... versuchte, Deutschland zu einer Art unterentwickeltem Barackenstaat zu erklären, in dem nun mit höchster Dringlichkeit Reformen durchgeführt werden müssen.
"Bild" stempelte den SPD-Minister, noch eins drauf, zum Bankrotteur ("Was nützt das moderne Deutschland, wenn es pleite ist?") und schürte die Inflationshysterie ("Bild"-Schlagzeile: "Deutsche Sparer verloren 15 Milliarden Mark"). Als aber jüngst der wirtschaftliche Sachverständigenrat ("Bild": "Die fünf Weisen") Möllers expansive Haushaltspolitik angesichts erwarteter Konjunkturabschwächung guthieß, unterschlug "Bild" diesen Sachverhalt.
Der Staat, so die Sachverständigen in ihrem Jahresgutachten, müsse gar "ergänzende Ausgabenprogramme" -- über den Möller-Haushalt hinaus -- bereithalten, falls eine Rezession heraufzieht. "Bild"-Kommentar am Mittwoch vorletzter Woche: "Der Staat muß eisern sparen, sonst wird aus der Grippe, die unsere Mark befallen hat, eine Lungenentzündung."
Heilpraktischen Rat ohne Diagnose zu erteilen; Wesentliches wegzulassen, das nicht ins "Bild" paßt; hinzuzumogeln, was die Wirklichkeit an "Bild"-Effekten nicht hergibt -- das sind Spezialitäten von "Bild", dessen Chef von sich und seiner Zeitung sagt: "Wir sind für die kleinen Leute da." Ihnen, zu denen er beileibe nicht gehören möchte ("Jasmin": "Seine Stute 'Mirandolina' ist mit Erfolg von dem deutschen Hengst 'Masetto' gedeckt worden"), setzt Boenisch jene kalkulierte Mischung von Stimmungsmache, Rührseligkeit und Desinformation vor, die der IG-Metall-Sprecher Dr. Werner Thönnessen als "ebenso massive wie raffinierte Volksverdummung" bezeichnet.
"Als Journalist", sagt Boenisch, "muß man die geheimen Wünsche und Meinungen des Volkes ertasten, erfühlen, in der Magengrube spüren." Das liest sich dann so:
Mit letzter Kraft schleppte sich der Mann in der grünen Gärtnerschürze auf die Villen-Terrasse und sagte: "Herr, ich wollte deinen Garten zum schönsten machen. Deshalb wurde ich zum Dieb. Ich sterbe, weil ich die Schande nicht ertragen kann." Dann brach Gärtner Siegfried Schricker (28) vor seinem Herrn, dem Textilmillionär Franz Böcker (47) aus Augsburg, tot zusammen. Er hatte sich mit einem Pflanzenschutzmittel vergiftet.
Diese "Bild"-Story, am 27. Juni dieses Jahres unter der Schlagzeile "Ich sterbe, weil ich für dich zum Blumen-Dieb geworden bin" veröffentlicht, war es, die in Frankfurt die "Pardon"-Redaktion bewog, die "Bild"-Recherchen nachzuprüfen.
"Pardon"-Redakteur Wilhelm Genazino ermittelte, daß der sterbende Gärtner gar nicht gesagt haben konnte, was er laut "Bild" gesagt haben sollte. Denn Gärtner-Chef Franz August Boecker, 72 (nicht, wie "Bild" schrieb, 47), hatte sich, während Schricker verschied, im Büro, nicht zu Hause aufgehalten.
Im August-Heft von "Pardon" veröffentlichte Genazino ("So lügt die 'Bild'-Zeitung") Auszüge aus sieben Gesprächen, in denen Beteiligte wie Gärtner-Chef Boecker, dessen Sekretärin, Journalisten und Polizeibeamte sämtliche "Bild"-Details -- mit Ausnahme des Selbstmordfalls an sich -- widerlegten; so schien es jedenfalls.
Doch dann erwies sich, daß "Pardon", das aus linker Sicht die Realitäten mitunter so verzerrt, wie sie "Bild" von rechts versimpelt, nicht über die geeigneten Mittel verfügte, die "Bild"-Praktiken unwiderlegbar bloßzulegen. So übersah "Pardon" einen der Staatsanwaltschaft Augsburg vorliegenden Ermittlungsbericht (Aktenzeichen 14 Js 285/70) der Landpolizeistation Bobingen, in dem es heißt, der Gärtner sei tatsächlich zum Dieb geworden: Er habe "Blumen und Pflanzen im Wert von 350 Mark" aus Treibhaus und Gelände einer Gärtnerei entwendet und sie im Boecker-Garten angepflanzt.
Die "Bild"-Story war nicht aus der Luft gegriffen, nur -- und das ist typisch -- wurde das Geschehnis so dramatisiert, daß der Blumendiebstahl zur Moritat geriet. Das Zitat "Herr, ich wollte deinen Garten zum schönsten machen" bezeichnete "Bild"-Redakteur Konrad Färber, Mitautor der Selbstmord-Story, zwar als "ein bißchen komisch, aber der Mann war ja schon ziemlich fertig". Walter Mroz, "Bild"-Redakteur in München, aber sagte dem SPIEGEL: "Die Diktion des Zitats ist wahrscheinlich, na wie soll ich sagen, von Herrn Färber etwas frei erf..., empfunden worden."
"Bild"-Chef Boenisch selber ignorierte die "Pardon"-Schelte. Das freilich änderte sich, als "Pardon" im Spätsommer erneut gegen "Bild" ausholte. Die "Pardon"-Leute fügten der September-Ausgabe ihres Blattes eine Beilage über fehlerhafte "Bild"-Geschichten zu (Titel: "Pardon-Extra-Bild-Zeitung") -- eine Aktion ohne Beispiel in der nachkriegsdeutschen Presse-Geschichte.
In "Bild"-typischer Aufmachung, aber im "Pardon"-Format, druckten sie neben faksimilierte "Bild"-Geschichten die eigene, für richtig befundene Version, reicherten ihr OEuvre mit Anti-"Bild"-Karikaturen, "Tips für persönlich 'Bild'-Geschädigte" an und berichteten über die "Pardon"-Umkehrung einer "Bild"-Steckbriefaktion -- mit einem Boenisch-Steckbrief und dem "Bild"-Slogan: "Jagen Sie diesen Mann!" Titelaufmacher war "Pardons großer Freizeitknüller: Finden Sie doch mal eine wahre Geschichte in 'Bild'! Ein spannendes Spiel für die ganze Familie."
Doch wiederum berichtigte "Pardon" das Massenblatt so, wie "Bild" häufig berichtet -- in Bausch und Bogen. Das zeigte sich, wie auch bei allen übrigen "Pardon"-revidierten Berichten des Springer-Blattes, am Beispiel einer Krankenhausstory aus Schwetzingen. "Bild" hatte am 7. August (Schlagzeile: "Chefarzt nahm den Schlüssel zum OP-Saal mit in den Urlaub") geschrieben:
Fünf schwerverletzte Unfallopfer wurden ins Städtische Krankenhaus Schwetzingen gebracht. Aber sie konnten nicht operiert werden. Den Schlüssel zum OP-Saal hatte der Chefarzt mitgenommen. Er macht gerade Urlaub am Gardase. Und die Unfallhilfsstellen wußten nichts davon!
In rasender Fahrt mußten die Schwerverletzten in die zwölf Kilometer entfernte Unfallklinik Heidelberg gebracht werden. Dort wurden sie gerettet.
Obwohl in der Schwetzinger Klinik ein ausgebildeter Chirurg, Oberarzt Dr. Ivo Sch. (36), Dienst tut, kann nicht operiert werden. Denn gleichzeitig mit dem Chefarzt sind Narkose-Ärztin und Operationsschwester in Urlaub. Aber die Krankenfahrer wurden nicht informiert.
"Pardon" korrigierte im September (Überschrift: "Schwetzingen dementiert"; Untertitel: "'Bild'-Bericht -- ein Treppenwitz"):
Das ist ein Skandal -- so richtig hergerichtet fürs empörte Herz der großen "Bild"-Familie ...
Aber es war halt wieder mal alles ganz anders. Denn richtig an diesem Artikel sind nur sein Anfang ... und die Nachricht, daß sich Chefarzt Dr. Voll in Urlaub befand. Die "Bild"-Behauptung jedoch, Dr. Voll habe den Schlüssel zum OP-Saal mit an den Gardasee genommen, bezeichnete Schwetzingens Bürgermeister Kurt Waibel schlicht als 'Treppenwitz'. Denn der Schlüssel habe dort gehangen, wo er immer hänge, nämlich in einem für ihn angebrachten Kasten ...
Mit anderen Worten: In Schwetzingen ist nichts anderes passiert als das, was dort immer passiert.
Tatsächlich war es anders -- aber auch anders, als "Pardon" recherchierte. Weder geschah im Städtischen Krankenhaus des nordbadischen Barockstädtchens "das, was dort immer passiert" ("Pardon"), noch hatte "den Schlüssel zum OP-Saal ... der Chefarzt mitgenommen" ("Bild"). Vielmehr geht es, so Oberarzt Ivo Schupov, 38, "hier im Schwetzinger Krankenhaus nicht um den Schlüssel; sondern das Problem liegt viel tiefer".
Es liegt, so Schwetzingens SPD-Bürgermeister Kurt Waibel, 48, in einer "subjektiv-persönlich gefärbten Rivalität" zwischen dem Krankenhaus-Chefarzt Siegfried Voll, 54, und seinem chirurgischen Oberarzt Schupov.
Diese Rivalität hatte dazu geführt, daß Chefarzt Voll jedesmal, wenn er für ein paar Tage abwesend war, den Operationssaal stillegen ließ, Operationsschwester Elisabeth ohne Hinterlassung einer Urlaubsvertreterin in Urlaub schickte und so Oberarzt Schupov stets am Operieren hinderte -- weshalb es auch nach Meinung von Chefarzt Voll kaum eine Rolle spielte, "ob der Schlüssel da oder dort" zu finden war. "Der Schlüssel ist nicht die Hauptsache in der Geschichte", so Schupov, der 1968 seinen Chef während dessen Urlaub noch als Chirurg vertrat und zum Mai kommenden Jahres in Schwetzingen gekündigt hat. Er spielte vielmehr, so Bürgermeister Waibel, nur "eine Schlagzeilenrolle" in der "Bild"-Zeitung.
Eine Schlüsselrolle spielte die Schlüsselgeschichte alsbald auch in der "Bild"-Redaktion: "Bild"-Chef Boenisch, durch die "Pardon"-Attacke aufgeschreckt, verhängte eine verschärfte Fehlerkontrolle: Friedhelm Voss, Leiter der "Bild"-Organisationsabteilung, erhielt den Auftrag, eine Registratur mit nachgewiesenen Fehlern in der "Bild"-Berichterstattung und deren Urhebern anzulegen.
Im Wiederholungsfall, so ließ Boenisch wissen, wolle er die betreffenden Mitarbeiter "materiell heranziehen, etwa durch Abzug sonst üblicher Sondervergütungen, im Häufungsfall kündigen. Dabei scheut der Chefredakteur auch eine "blutige Strecke" (Boenisch) nicht, was als erster "Bild"-Redakteur noch im September Nachrichtenchef Max Glauner erfahren mußte.
Der Leiter der Nachrichtenredaktion, seit acht Jahren bei "Bild" tätig, hielt die Voss-Kontrolle für überflüssig und bot seinen Rücktritt an, worauf Boenisch ihn beurlaubte. Glauners Aversion gegen die Fehlerkontrolle hatte Boenischs Argwohn verstärkt, daß bei der bislang ressortgebundenen Fehlerkontrolle "tüchtige Mitarbeiter zu großzügig" behandelt worden seien.
Eine vollständige Fehler-Erfassung konnte und kann aber auch die Voss-Registratur nicht gewährleisten. Denn nicht alle von "Bild"-Redakteuren vorgenommenen Retuschen werden aktenkundig -- sei es, weil die Betroffenen die Mühe einer Gegendarstellung scheuen, sei es, weil sie die Sache nicht so wichtig nehmen.
Und auch aus anderen Gründen ist dem "Bild"-Übel schwer beizukommen: Viele Fehler in bunten Geschichten resultieren aus der von "Bild" bevorzugten Arbeitsweise, wie politischer Drall die Folge von "Bild" gepflegter Vorurteile ist.
Das Sortiment an Geschichten "über die Alltäglichkeiten und über das Besondere" ("Bild"-Eigenwerbung) ist stets das Ergebnis eines alltäglichen "Nachrichtenwettkampfs" (Boenisch) in der Hamburger "Bild"-Zentrale: Außer dem Sportteil bleiben die Seiten der "größten Tageszeitung des europäischen Kontinents" ("Bild" über "Bild") kaum einem Ressort zur beliebigen Gestaltung überlassen.
Statt dessen tragen "Bild"-Redakteure aller Arbeitsbereiche in den Redaktionskonferenzen -- mit Springereigener Fernsehschaltung in die bundesdeutschen "Bild"-Außenredaktionen -- eine "Schlacht um die Zeilen" (Boenisch) aus: Die nach Ansicht des Chefredakteurs oder der Geschäftsführenden Redakteure "Bild"-wirksamsten Storys erhalten den besten Platz.
Ein solcher Nachrichtenbasar birgt die Gefahr, der "wir ins Auge sehen müssen" (Boenisch): die Verführung der Anbieter zum Übertreiben, um ihre Artikel möglichst groß und gut placiert im Blatt unterzubringen. Ein unterrepräsentiertes Ressort wäre leicht dem Vorwurf mangelnder Leistungsfähigkeit ausgesetzt.
Der Verlockung zu Overgag und Overkill unterliegen vor allem die Außenredaktionen und deren Koordinationsstelle im Hamburger Springer-Haus, die (unpolitische) "Bild"-Nachrichtenredaktion. Denn der Wahrheitsgehalt der von ihnen angebotenen Trivialgeschichten aus bundesdeutschen Provinzen läßt sich durch die Redaktionsspitze kaum je kontrollieren -- ganz abgesehen davon, daß auch das Bemühen um Ernsthaftigkeit bei einem Boulevard-Blatt vom Schlage "Bild" nie so weit gedeihen kann, bis dadurch die Auflage sinkt.
Sie aber zu halten, Erfolg zu haben, zwingt "Bild" letzten Endes dazu, sich selber treu zu bleiben -- in den von Boenisch apostrophierten "kleinen Leuten" das anzusprechen was "Pardon"-Verleger Nikel "primitivste Instinkte" nennt. Dazu dienen "Bild" auch Schlagzeilen, die im Text nicht hinreichend belegt werden -- etwa am 21. November: "In Deutschland: Black Panther überfielen einen Wachtposten" ("Bild"-Text: "Die Täter sind vermutlich 'Black-Panther'-Leute"); etwa am 1. Dezember: "Deutscher Botschafter tötete sich aus Liebe zu seiner Frau" ("Bild"-Text: "Freunde sind überzeugt: Er tötete sich aus Liebe zu ihr ...").
Zu dieser Zeit hatte Nikel bereits gehandelt: "Mit freundlichem Gruß" forderte er Presserat-Sprecher Dietrich Oppenberg, Verleger der Essener "Neuen Ruhr-Zeitung", und die übrigen 20 Presseräte auf, "gegen die 'Bild'-Zeitung und namentlich gegen deren Chefredakteur Peter Boenisch eine öffentliche Rüge wegen Nachrichtenverfälschung auszusprechen".
Daß ausgerechnet der Frankfurter "Tarzan"-Verleger sich zum Sachwalter journalistischer Lauterkeit aufwirft, hätte Peter Boenisch unter anderen Umständen Spaß bringen müssen. In dieser Situation aber kannte er kein Pardon mehr und schickte der satirischen Zeitschrift neun "Bild"-Gegendarstellungen ins Haus, die "Pardon" im November und Dezember abdrucken mußte. Gleichzeitig übermittelte er dem Deutschen Presserat diese Texte als Beweismaterial für "die objektive Unwahrheit der Berichte in 'Pardon"' (wozu Gegendarstellungen freilich nur bedingt tauglich sind, da ihr Inhalt nicht durch Fakten belegt zu werden braucht) und beschwerte sich über einen "besonders krassen Fall von Verleumdung" ebenso wie über "die Art und Weise, wie 'Pardon' selbst manipuliert".
Und wie "Pardon" für "Bild" eine Rüge durch den Presserat forderte, so schrieb nun Boenisch: "Im Interesse der bei 'Bild' tätigen Journalisten wird der Deutsche Presserat gebeten, die verantwortlichen Redakteure von 'Pardon' wegen der gegen die journalistischen Standespflichten verstoßenden Kampagne gegen die 'Bild'-Zeitung und aller bei ihr tätigen Journalisten zur Rechenschaft zu ziehen."
Damit komplizierte sich für den Presserat die Situation. Denn "mit gewisser Besorgnis" (so Presserat-Geschäftsführer Egon Freiherr von Mauchenheim) sah sich das Gremium der Notwendigkeit konfrontiert, "Bild"-Recherchen und "Pardon"-Gegenrecherchen seinerseits zu verifizieren.
Als Boenisch-Kontrahent Nikel, per Kurier, einen Boenisch konterkarierenden Schriftsatz zur Ratssitzung am 15. Oktober in Bad Godesberg beisteuerte, erklärte sich das Gremium kurzerhand für überfordert. Ein dreiköpfiger Beschwerdeausschuß versucht gerade, bis zur nächsten Sitzung am 10. Dezember in dem "Wust von Papier und gegenseitigen Beschuldigungen" (Mauchenheim) die Wahrheit wiederzufinden,
Die liegt, wenn schon nicht bei "Pardon", gewiß nicht bei "Bild". Halten die Versionen beider Blätter den Nachprüfungen nicht stand, dann -- so Oppenberg -- "müßten wir wohl beiden bescheinigen, sie müßten sich bei Recherchen sorgfältiger verhalten".

DER SPIEGEL 50/1970
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