07.09.1970

MÄRKTE / SCHUHEStau im Absatz

"Mit neuem Schwung in eine neue Saison", versprach Europas größte Schuhfabrik Salamander AG in Kornwestheim ihren Vertragshändlern im vergangenen Februar. Doch Anfang dieses Monats war der Schwung jäh erlahmt. Deutschlands bekanntester Schuhmacher (518 Millionen Mark Umsatz, 16 000 Beschäftigte, Tagesproduktion 60 000 Paar) mußte 2000 Beschäftigten seiner pfälzischen Zweigwerke für die zweite September-Hälfte Zwangsurlaub verordnen.
Die Kurzarbeit bei Salamander, die nach Ansicht des Hauptverbands der Deutschen Schuhindustrie noch auf weitere Fabriken in der Pfalz übergreifen wird, ist die Folge von einem bundesweiten Absatzstau in den Schuhladen: Der Textilstreit um Mini, Midi oder Maxi, den die Branchen-Experten noch keineswegs für entschieden halten, veranlaßte die Händler, ihre Bestellungen aufzuschieben, his die Mode-Bataille zwischen kurz und lang entschieden ist. "Denn eine Frau", so ein Salamander-Verkäufer. "die die Mode nicht akzeptiert, kauft auch keine Accessoires."
Zudem verunsicherte der von Bonn verhängte Konjunkturzuschlag auf die Lohn- und Einkommensteuer die Absatzprognosen, "weil", so rechnet der Schuhverband, "die Leute, wenn sie plötzlich weniger Geld bekommen. lieber auf ein Paar Schuhe verzichten als auf ein Glas Bier".
Obendrein hemmten das verregnete Frühjahr und ein kühler Sommer in der Saison 70 die Lust am Kauf neuer Schuhe. Mangels Kunden stehen die Schuhhändler seit Monaten vor vollen Regalen. Salamander-Vorstand Dr. Werner Hotz: "Unsere Vertragshändler sind schon rein physisch nicht: aufnahmefähig für neue Ware"
Als Verkaufshemmnis besonderer Art erwies sich der Damenschuh mit Blockabsatz, den Westdeutschlands Schuhfabriken im vorigen Jahr kreiert und seither in Massen fabriziert hatten. Für die Konsumentinnen aber hatte die klotzige Fersenzier meist keinen Reiz. "Wir haben", bekennt ein Fabrikant selbstkritisch. "nur Mode gemacht für Siebzehnjährige und haben die Muttis zwischen 30 und 50 vergessen, die doch das Einkaufsgeld in der Tasche haben."
Der Fehlschlag wirkte sich um so fataler aus, weil Deutschlands Schuhmacher gehofft hatten, mit der extremen Mode könnten sie sich der wachsenden Konkurrenz italienischer Hersteller entziehen. Denn seit 1965 wuchs die deutsche Schuhproduktion lediglich um sieben Millionen auf 180 Millionen Paar; im gleichen Zeitraum aber stieg die Einfuhr ausländischer Schuhe, vor allem aus Italien, auf 103 Millionen Paar: um nahezu 100 Prozent. Deutschlands Schubwerker konnten dagegen 1969 nur knapp 21 Millionen Paar im Ausland absetzen.
Vor allem Italiens zumeist kleinere und mittlere Schuhmachereien erwiesen sich als übermächtige Wettbewerber. Da diese Familienbetriebe vielfach noch Heimarbeiter zu niedrigen Löhnen beschäftigen, können sie die Kostenersparnis für modische Spielereien nutzen. Überdies vermögen sie ihre Produktion weit schneller als die deutschen Hersteller veränderten Marktbedingungen anzupassen. Erläutert Dr. Hotz: "Wenn sich ein neuer Modetrend abzeichnet, können die Italiener rücksichtslos drauflosarbeiten und dann bis zur nächsten Saison einfach den Betrieb stillegen."
Die deutschen Schuster dagegen müssen unter dem Druck italienischer und spanischer Preise auch bei Modewaren immer größere Produktionsserien auflegen, um preiswert bleiben zu können. Damit aber steigt ihr Risiko, bei einem raschen Modewechsel auf ihrem Schuhwerk sitzenzubleiben. "Alle halbe Jahre", so klagte ein Fabrikant, "muß jetzt schon die Kollektion gewechselt werden."
Zum Ärger der Unternehmer verhinderte die Gewerkschaft Leder, daß die Schuhindustrie ihre Produktion der immer rascheren Mode-Rotation anpaßt. Den Vorschlag, das Saison-Diktat von Kurzarbeit einerseits und Überstunden andererseits gegeneinander aufzurechnen und eine variable Arbeitszeit einzuführen, lehnte die Gewerkschaft ab.
Das Dilemma, trotz starker jahreszeitlicher Absatzschwankungen eine kontinuierliche Produktion aufrechterhalten zu müssen, wollen die rund 700 Schuhhersteller durch verstärkte Konzentration mildern.
Die nach Salamander nächstgrößten Fußbekleider Servas OHG Schuhfabriken in Rodalben/Pfalz (Umsatz: 100 Millionen Mark) und Dorndorf-Schuhfabrik GmbH & Co. in Zweibrücken (150 Millionen Mark) haben die Fusion bereits anvisiert. Mit einer Jahresproduktion von rund zehn Millionen Schuhen verringert Servas-Dorndorf den Abstand zum Branchenführer Salamander (15 Millionen Paar) erheblich.
Unterdes droht der geschundenen Branche neues Ungemach aus Übersee. Denn die USA wollen sich der wachsenden Einführen mit Hilfe von Importsperren erwehren. Der deutsche Schuhverband alarmierte dieser Tage seine Mitglieder per Rundschreiben, welche Folgen eine solche Entscheidung für die heimischen Schuhstepper hätte: "Wenn die USA ihre Importrestriktionen durchsetzen, dann drücken nochmals 20 Prozent der italienischen Produktion und auch spanische Schuhe in die Regale der deutschen Geschäfte."
Daß es den Italienern gelingen könnte, den Absatzausfall in den USA durch verstärkten Verkauf in der Bundesrepublik wettzumachen, ist den westdeutschen Herstellern schmerzlich klar. Bei Baden-Württembergs Schuhverband hieß es: "Es gibt keine dankbareren Abnehmer für italienische Schuhe als die Deutschen."

DER SPIEGEL 37/1970
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