07.09.1970

MUSIK / BEETHOVENVom armen B.

Dort liegt dieses, dort jenes Papier, nehmet es und machet den besten Gebrauch davon, doch in allem streng die Wahrheit. Beethoven auf dem Sterbebett
Sie haben dieses und jenes Papier genommen, sie haben immer wieder sein Leben beschrieben und sein Werk gedeutet. Aber streng an die Wahrheit haben sich Beethovens Biographen nicht gehalten. Sie haben diese Wahrheit verdrängt, vertuscht, ignoriert oder ins Gegenteil verkehrt.
Beethoven, das ist noch immer das taube Genie, das durch Gewitter und Sturm rast, das den Fürsten trotzt und sich nicht in höfische Dienste pressen läßt.
Beethoven, das ist der "Titan" und "Heros', der "Kämpferische, Sieghafte, Weltbezwingende", der mit dämonischem Trotz dem Schicksal in den Rachen greift, der "eine Herkulesarbeit nach der andern vollendet" -- ein "Kranker, Einsamer", der "ununterbrochen den Kalvarienberg besteigt, um sich jedesmal mit einem schöneren Gesang zu erheben", ein "Heiland, der im Leiden göttlich wird, der alle Schmerzen der Welt in sich trägt" und dem schließlich durch sein Martyrium die "Transsubstantiation des Leidens in Freude" gelingt.
Beethoven, das ist der "Starke, Reine", dem alles Irdische fremd ist, der "in innigster Gemeinschaft mit dem Universum lebt" und mit seiner Musik "eine dritte Konfession" stiftet. So sieht ihn die ganze Welt, dank einem bürgerlichen Beethoven-Kult, der Ethik mit Ästhetik gleichsetzt und der immer noch weismachen will, daß einem grollen Werk ein hehres Leben zu entsprechen habe.
Daran wird sich auch im Beethoven-Jahr 1971) mit seiner Flut von Beethoven-Festen -- in der Beethovenhalle der Beethovenstadt Bonn beginnt in dieser Woche die Hauptfeier mit Karajan, Klemperer, Böhm, Gulda, Milstein -- nicht viel ändern.
Zwar nehmen immer mehr Musiker und Wissenschaftler Abschied vom Beethoven-Mythos, doch im allgemeinen gilt noch das Bild vom genialischen Naturkind, vom Revolutionär, vom Zauberer und Hohenpriester, das die deutschen Romantiker, allen voran Bettina Brentano, entworfen haben. "Vor Dir", schwärmte Bettina 1810 in einem Brief an Goethe, "kann ich's wohl bekennen, daß ich an einen göttlichen Zauber glaube, der das Element der geistigen Natur ist, diesen Zauber übt Beethoven in seiner Kunst; alles, wessen er Dich darüber belehren kann, ist reine Magie."
Vier Jahre später schrieb E. T. A. Hoffmann: "Beethovens Musik bewegt die Hebel der Furcht, des Schauers, des Entsetzens, des Schmerzes und erweckt eben jene unendliche Sehnsucht, welche das Wesen der Romantik ist."
Von dieser romantischen Vorstellung, die Robert Schumann und Richard Wagner später noch vertieften, hat das Bürgertum seither immer gezehrt. Hier hörte es erstmals nicht nur Musik, sondern zugleich Ideologie. Es hörte ideologisierte Musik -- die Geschichte vom leidenden Genie, das im permanenten Kampf mit der Welt sich selber verzehrt. Er erscheint als Wahlverwandler Napoleons, der gesagt hat: "Genies sind Unglückliche, sind Meteore, die verbrennen müssen, um ihr Jahrhundert zu erleuchten."
Bach, so lautet das Vorurteil, war immer der im Religiösen geborgene
* Von Georg Kolbe (1877 bis 1947); Taunusanlage in Frankfurt.
Kantor gewesen, Mozart und Haydn waren die heiter-verspielten Rokoko-Menschen, die leichten Sinnes Divertissements hervorgebracht hatten. Beethoven erscheint als neuer Künstler-Typ, der sein Werk nur unter schweren inneren Kämpfen und unsagbarer Mühsal schuf.
"Nicht also das Werk Beethovens", schrieb Richard Wagner, "sondern jene in ihm enthaltene unerhört künstlerische Tat des Musikers haben wir hier als den Höhepunkt der Entfaltung seines Genius festzuhalten, indem wir erklären, daß das ganz von dieser Tat belebte und gebildete Kunstwerk auch die vollendete Kunstform bieten mußte" nämlich diejenige Form, in welcher für die Musik jede Konventionalität vollständig aufgehoben sein würde.
Und Wilhelm Furtwängler lobte seinen Meister: "Beethovens Werk stellt eine geistige Macht dar, wie sie Deutschland in dieser Art sonst nicht besitzt. Durch niemanden wird Gewalt und Größe deutschen Empfindens und Wesens eindringlicher zum Ausdruck gebracht."
Beethoven hat an diesem prometheischen Mythos kräftig mitgewirkt. Warum sollte er sich auch darüber klarwerden, daß er nicht nur ein Lichtbringer, sondern auch ein Kleinlichkeitskrämer, nicht nur ein Märtyrer, nicht nur ein Revolutionär, sondern auch ein Freund des Adels, nicht nur ein Halbgott, sondern auch eine leidenschaftlich im Irdischen verstrickte Kreatur war?
Sein Wahlspruch. einem altägyptischen Pyramiden-Text entnommen, hie)): "Ich bin alles, was ist, was war, was sein wird; kein sterblicher Mensch hat meinen Schleier aufgehoben."
Mit diesem grandiosen Narzißmus, in der Rolle des reizbaren, rebellischen Künstlers, der sich gegen jeden Zwang und alle Autorität auflehnt, hat Beethoven zeitlebens die adlige und bürgerliche Gesellschaft davon überzeugt, daß ihm ein Sonderstatus gebühre -- eine Ausnahmestellung, die er schon in seiner Kindheit einnahm und notgedrungen einnehmen mußte.
Beethoven wird 1770 in Bonn geboren. Napoleon Bonaparte ist ein Jahr alt. In Versailles regiert Ludwig XV., in Wien Maria Theresia. Es sind noch 19 Jahre bis zur Französischen Revolution. Goethe geht als Student nach Straßburg; Haydn, 38 Jahre alt, arbeitet an seiner "Abschieds-Symphonie"; das Wunderkind Mozart ist 14 und hat schon sein Singspiel "Bastien und Bastienne" geschrieben.
Ein Wunderkind will auch Vater Johann van Beethoven, Tenor am Hof des Kölner Kurfürsten und Erzbischofs Max Franz, haben. Wenn er betrunken nach Hause kommt, treibt er seinen verstörten Sohn ans Piano -- leicht erklärlich, daß dem erwachsenen Beethoven das Unterrichten am Klavier unerträglich ist. Mit sieben gibt Ludwig im "Musikalischen Akademiesaal" von Köln sein Pianisten-Debüt; mit zwölf veröffentlicht er sein erstes Werk, Klavier-Variationen über einen Marsch.
Beethoven ist ein Ausnahmefall. Mit 18 -- Mutter Maria Magdalena, eine jähzornige und depressive Frau, ist ein Jahr zuvor an der Schwindsucht gestorben -- richtet er ein Gesuch an den Kurfürsten, in dem er die Pension des nun gänzlich trunksüchtigen Vaters für sich und für seine Brüder fordert. Der Fürst gewährt ihm die Bitte, die Hofkasse zahlt.
Beethoven ist ein Ausnahme-Mensch -- das erkennen auch die Herrschaften in den Salons des Wiener Adels. 1792 hat er sich, bis dahin Hoforganist und Cembalist in Bonn, mit einem Stipendium seines Kurfürsten in Wien etabliert, um bei Haydn, der ihn wegen seines selbstbewußten Auftretens als "Großmogul" verspottet, den Kontrapunkt zu lernen.
Der 22jährige Musiker mit dem "gedrungenen Körper", dem "derb geformten Kopf" und den "schon damals unheimlich verschlossenen Zügen" (Biograph Walter Riezler), gleicht sich an. Er weiß: "Mit dem Adel ist leicht verkehren, wenn man etwas hat, womit man ihm imponiert."
Der von Komplexen geplagte, blatternarbige Beethoven -- er hatte als Kind eine Pockenerkrankung -- kleidet sich, so zeitgenössische Berichte
wie ein Stutzer, er trägt stets die neueste Haarmode, er besucht den Tanzmeister, geht auf Bälle, hält sich, vorübergehend wenigstens, ein Pferd zum Ausritt in den Prater. Aber er ist auch der phänomenale Klaviervirtuose, der so ungestüm zu phantasieren weiß, daß sein Kollege, Abbé Gelinek, bei einem Pianisten- Wettbewerb flucht: "Das ist kein Mensch, das ist der Teufel!"
Schon damals hat er seinen "Raptus", seine jähen Stimmungsumschwünge. Wenn nach dem letzten Ton "lautes Weinen" zu vernehmen ist, verhöhnt Beethoven, seinem Schüler Czerny zufolge, das Publikum durch Gelächter: "Ihr seid Narren ... wer kann unter so verwöhnten Kindern leben!"
Beethoven hat, von wenigen Reisen ausgenommen, Wien bis zu seinem Lebensende im Jahr 1827 nicht mehr verlassen. Dort erlebt er die französischen Siege in den Revolutionskriegen, Aufstieg und Fall Napoleons, den Wiener Kongreß und das restaurative Regiment Metternichs.
In diesen Wiener Jahrzehnten wird er Ludwig van Beethoven. Mit 25 hat er gesagt: "Mut, auch bei allen Schwächen des Körpers "soll doch mein Geist herrschen ... dieses Jahr muß den völligen Mann entscheiden, nichts darf unterbleiben." Im selben Jahr, 1795, publiziert er sein Opus 1, drei Klaviertrios; zur selben Zeit machen sich -- der härteste Schlag für den Musiker -- erste Gehörstörungen bemerkbar. Er verheimlicht sie jahrelang. 1800 erscheint seine Erste Symphonie, die in ihrer rhythmischen Prägnanz schon typisch Beethoven ist. 1801 wird die Ballettmusik "Die Geschöpfe des Prometheus" uraufgeführt
Dieser Mann, der so hoch in der Gunst des Adels steht, ist ein Republikaner, der die Habsburger verachtet und dennoch gern in den Dienst des Kaiserhauses gegangen wäre. Er ist ein Kleinbürger, der von der Aristokratie lebt und mit seinem "bösen Maul" (so der Musiker Johann Nepomuk Dolezalek) auf Bürgertum und Adel gleichermaßen schimpft. Er gilt als Revolutionär, doch er kann nicht so recht überzeugen.
Da ist die Sache mit der "Eroica", der Dritten Symphonie, die in ihrer geistigen Dimension, wie in ihrer Länge, alle bis dahin geschriebene symphonische Musik überragt. Beethoven hat sie nach dem Ersten Konsul Bonaparte genannt und den Titel ("Intitolata Bonaparte") wieder ausgekratzt, als sich Napoleon zum Kaiser erklärte.
Doch schon ein halbes Jahr später plant der Republikaner Beethoven, dem Kaiser der Franzosen eine C-Dur-Messe zuzueignen. Und fast wäre er auch nach Kassel gegangen, wo ihm Napoleons jüngster Bruder Jerôme Bonaparte, König von Westfalen, eine Stelle als Kapellmeister angeboten hat -- der Wiener Adel hält ihn mit einer fürstlichen Apanage zurück.
Gewiß, die Freiheit hat dieser Mann der Aufklärung, der die "politischen Institutionen" Englands bewundert, immer geliebt. Aber es ist die Freiheit, die er meint -- seine eigene. Kein Wunder, daß er überempfindlich reagiert, wenn er sich als "knechtiger" Musiker mißbraucht wähnt: Auf Schloß Grätz, dem Besitz des Fürsten Lichnowsky, einem seiner hilfreichen Mäzene, weigert er sieh, vor französischen Offizieren zu improvisieren. Als Lichnowsky nicht lockerläßt, bedroht ihn der wütende Beethoven mit einem Stuhl, packt seine Koffer und marschiert noch in der Regennacht ins nahe gelegene Troppau: Beethoven ist nun mal (laut Goethe) diese "ganz ungebändigte Persönlichkeit, die ... die Welt detestabel" findet.
Er benimmt sich wie ein "Obergeneral" und "Generalissimus" -- Titel, die er sich scherzhaft zulegt. Er duldet keine Widerrede, erwartet Ehrfurcht und Unterwerfung, und wenn er das nicht bekommt, wenn ihn jemand reizt, dann ist er (so der Dichter Franz Grillparzer) "wie ein wildes Tier"
oder wie ein ungezogenes Kind, das beispielsweise nur dann spielen will, wenn der Komponist Wranitzky unter den Tisch kriecht.
Der Nimbus, der den großen Mann umgibt, ist wahrhaftig nicht allein auf die Wirkung seiner Musik zurückzuführen, er ist zu einem Gutteil in der Angst vor einem jähzornigen, hochfahrenden, herrschsüchtigen Mann begründet -- so bezeugt es Franz Schubert.
Er kann, wenn er heiter ist, auch der von den Biographen pauschal beschriebene "gutmütige Menschenfreund" sein, der eine Gesellschaft einen ganzen Nachmittag lang mit albernen Kalauern und derben Witzen unterhält. Er ist auch der Philanthrop, der Konzerte für die "leidende Menschheit" arrangiert. Aber es gibt kaum einen, den er nicht seine Geringschätzung spüren läßt. Seinen Sekretär Anton Schindler, der 1840 die erste Beethoven-Biographie herausbringt, hält er für einen "nichtswürdigen Gegenstand". Er wechselt die Wohnung, wenn ihm ein Hausherr zu höflich ist oder Rücksichtnahme auf die Nachbarn abverlangt. Da er nachts bisweilen zu toben pflegt oder im Eifer auf den Tisch schlägt, flüchtet er mitunter so häufig, daß er mehrere Wohnungen gleichzeitig bezahlen muß. An die 40 Wohnungen soll er während seiner 35 Wiener Jahre gehabt haben -- alle hat die Forschung noch nicht aufgespürt.
In den bislang niemals vollständig publizierten Konversationsheften*, die ein Beethovenbild enthüllen, das im Widerspruch zu den beschönigenden Biographien steht, bekennt er eine
* Die Konversationshefte, in denen die Gesprächspartner dem tauben Beethoven schriftlich antworteten, die aber auch Notizen des Komponisten enthalten, werden jetzt von der Ost-Berliner Staatsbibliothek herausgegeben.
gute Portion Menschenhaß. Er betrachtet seine Mitbürger "als bloße Instrumente, worauf ich, wenn's mir gefällt, spiele ... ich taxiere sie nur nach dem, was sie mir leisten". Er ist darauf bedacht, "gegen alle Menschen äußerlich nie die Verachtung merken zu lassen, die sie verdienen, denn man kann nicht wissen, wo man sie braucht". Und er glaubt: "Unser Zeitalter bedarf kräftiger Geister, die diese kleinsüchtigen. heimtückischen, elenden Schufte von Menschenseelen geißeln."
Er ist ein schwerhöriger Mann, der überall Intrigen sieht. Er ist auf eine krankhafte Weise mißtrauisch -- vor allem Frauen gegenüber.
Die Berichte über Beethovens erotische Beziehungen sind von jeher widersprüchlich gewesen. So erzählt ein Zeitgenosse, daß der dunkelhäutige Musiker "immer in Liebesverhältnissen" sei und mitunter Eroberungen mache, "die manchem Adonis ... doch sehr schwer geworden wären". Ein anderer behauptet: "Beethoven war nicht verheiratet und, merkwürdig genug, auch nie in einem Liebesverhältnis."
Wahr ist, daß die Damenbekanntschaften des Komponisten in hohem Maße intrigenanfällig gewesen sind und oft von ihm durch Mißtrauen korrumpiert wurden -- beispielsweise seine frühe Neigung zu Eleonore von Breuning. Ein "fataler Zwist" und eine "mich so sehr entehrende, sonst meinem Charakter zuwiderlaufende Art zu handeln" beendet die Episode.
Beethoven hat sich nahezu ausschließlich für junge Adelige erwärmt, für die er als standesgemäßer Ehepartner nicht in Frage kommt. Ernsthafte Heiratsabsichten äußert er mehrfach in der Zeit zwischen 1800 und 1810. Sie scheitern entweder am Einspruch der Familie. wie bei Giulietta Guicciardi, der er die später so genannte "Mondscheinsonate" widmet, oder an der Auserwählten selbst, wie bei der 17jährigen Therese von Malfatti.
In diesen Jahren verbindet den Komponisten auch ein herzliches Verhältnis mit den ungarischen Adelsdamen Therese und Josephine von Brunswick, die "Louis" auf ihrem Gut besucht. Von dort stammt das Porträt Thereses, das nach seinem Tod, zusammen mit dem dreiteiligen Brief an die "Unsterbliche Geliebte" und einigen Bankaktien, in seinem Arbeitszimmer in einem Geheimfach gefunden wird.
Auch Therese und ihre hübschere Schwester sind, wie überhaupt nahezu alle jungen Frauen aus Beethovens Wiener Bekanntenkreis -- ob Amalie Sebald, die Gräfin Erdödy oder die Baronin Ertmann -, in den Verdacht geraten, die "Unsterbliche Geliebte" gewesen zu sein, die den Komponisten zum "Glücklichsten und Unglücklichsten zugleich" gemacht hat. Denn der Brief ist ohne genaues Datum und ohne Adresse. und es ist nicht einmal sicher, oh Beethoven ihn jemals abgeschickt hat.
Wie dem auch sei -- der Brief an "mein alles, mein Ich" ist das einzige Zeugnis, in dem der Komponist eine Frau mit "Du" anredet, und auch das einzige, das ein intimes Verhältnis andeutet. Sicher ist, daß Beethoven den dreiteiligen Brief unter dem Eindruck eines erregenden Erlebnisses geschrieben hat: aber es ist auch erkennbar, daß er seinem "Engel" nicht mehr nahekommen will. Richtig gelesen. erteilt Beethoven seinem "einzigen Schatz" trotz aller Liebesschwüre ("Sei ruhig -- liebe mich -- heute -- gestern -- welche Sehnsucht mit Tranen -- nach Dir -- Dir -- Dir") eine Absage: "Ach Gott, blick in die schöne Natur und beruhige Dein Gemüt über das Müssende."
Es ist sicher nicht Beethovens so gerne beschriebene "sittliche Reinheit", die ihn dazu veranlaßt, alle weiteren Begegnungen mit der Unbekannten zu meiden. Gelegentlich soll er in der Nähe "käuflicher Frauen" gesehen worden sein. Aber bei ernsthaften Annäherungen hat er Hemmungen, er wehrt die Frauen ab, er schützt sich vor jeder vertieften Neigung. er will nicht, daß sich auch nur eine Beziehung voll entfaltet.
Um so leidenschaftlicher ist er seinen nächsten Verwandten zugetan. Kaum hat sieh Beethoven in Wien als gutverdienender Klaviervirtuese etabliert, da läßt er auch schon seine bei-den Brüder nachkommen.
Den stutzerhaften Johann bringt er in einer Apotheke unter, den rothaarigen häßlichen Karl. der zeitweilig in der Wiener "Staatskasse" arbeitet. zieht Beethoven immer näher zu sich heran. Er nimmt ihn für zwei Jahre in seine Wohnung auf, er macht ihn zu seinem Vertrauten und Sekretär. der für den mittlerweile berühmt gewordenen Bruder mit den Verlegern verhandelt.
Damit weist ihm Beethoven eine Tätigkeit zu, die dem geistig nicht
* Illustration der Anekdote, der zufolge Goethe bei einem Spaziergang mit Beethoven im böhmischen Teplitz die österreichische Kaiserfamilie ehrfürchtig grüßte, während Beethoven die Huldigung verweigerte.
sonderlich selbständigen Karl so zu Kopfe steigt, daß er im Plural korrespondiell ("Gegenwärtig haben wir aber nichts als eine Symphonie, dann ein grelles Konzert für Klavier") und Arrangements eines Beethoven-Schülers als Beethoven-Originale verkauft.
Das führt zwar zu Mißhelligkeiten mit dem großen Bruder, aber Ludwig van Beethoven ist seinem Geschäftsführer in so verblendeter Liebe zugetan, daß er alles deckt. Das Psychoanalytiker-Ehepaar Editha und Richard Sterba, das 1938 von Wien nach Amerika auswanderte, bietet in seiner Beethoven-Monographie dafür eine Erklärung. "Man kann diese Zuneigung nicht blau als brüderliche Liebe" bezeichnen, denn dafür war die Beziehung zu nahe, zu blind, zu nachsichtig, zu emotionell im allgemeinen. Die unbewußte homosexuelle Komponente in der Beziehung zu Karl ist unverkennbar."
Ganz unbegründet scheint die Unterstellung der Sterbas nicht zu sein. Denn als Karl 1806 heiratet -- knapp vier Monate später kommt Beethovens Neffe Karl zur Welt -- ist Ludwig so enttäuscht und verletzt. daß er mit Karl bricht. Dafür überträgt er nun die Rolle, die Karl in seinem Gefühlsleben gespielt hat, auf den Bruder Johann. der es mittlerweile in Linz. dank umfangreicher Medikamentenlieferungen an das Heer. zu Wohlstand gebracht hat. Und abermals fühlt er sich von einem "unbrüderlichen Bruder" mit einem Weibe hintergangen.
Kaum hat er erfahren, daß Johanns Haushälterin den Apotheker in jeder Hinsicht gut pflegt, da packt ihn die Eifersucht: Er nimmt die nächste Postkutsche nach Linz, entschlossen, die beiden auseinanderzubringen. Dazu ist ihm jedes Mittel recht: Als Johann sich weigert, die Liaison aufzugeben, mobilisiert Ludwig kraft seines berühmten Namens den Klerus und die Polizei. Hätte Johann das Mädchen nicht rasch geheiratet, es wäre aus Linz ausgewiesen worden.
Beethoven hat mit Bruder Johann erst gegen Ende seines Lebens wieder näheren Umgang. "Es ist bezeichnend für die wenigen tiefen Bindungen. die der Komponist einging", schreiben die Sterbas, "daß das Objekt der Beziehungen sein Besitz wurde, den er mit niemandem teilen konnte. Er forderte von den Personen. die er liebte, zuerst, daß sie alle anderen Beziehungen ausschlössen ... Achtung selbständiger Entschlüsse oder gar Verständnis für die eigene Liebeswahl der von ihm geliebten Personen waren ihm unmöglich."
Schindler, der es mit der Wahrheit nicht sehr genau nahm, hat in seiner folgenschweren ersten Beethoven-Biographie das Verhältnis zwischen den Brüdern ganz anders dargestellt: "Offenbar hat die Natur ein seltsames Spiel gespielt, als sie dem hochsinnigen, von der Muse der Tonkunst geweihten, aber nach einigen Seiten hin schwachen Beethoven ein Brüderpaar zugesellt, das, von gemeinem Krämergeist beherrscht, keiner höheren Regung fähig gewesen. In diesem Brüderpaar sehen wir die zwei den Tondichter bevormundenden Personen ... das "böse Prinzip."
Es stimmt schon: Johann und Karl sind ziemlich bornierte Kleinbürger, die von der Genialität ihres Bruders nichts ahnen. Sie sind "geldgierig" und veräußern, als alle Welt auf Beethoven-Werke begierig ist, hinter dem Rücken des Bruders minderwertige, nicht zur Veröffentlichung bestimmte Stücke zu Höchstpreisen, Sie verkaufen Kompositionen. die schon verkauft sind -- doch gerade darin sind sie dem "hochsinnigen" Meister nicht unähnlich.
Der meist gut verdienende Beethoven, allzeit um metallische Anerkennung" seiner Kunst bemüht und mit gesundem Sinn fürs Geld begabt, schreckt durchaus nicht davor zurück, wenig gelungene Werke mit Hilfe seines guten Namens loszuwerden, Als die Londoner Philharmonische Gesellschaft, beeindruckt von der "Egmont" und "Coriolan" -Ouvertüre drei neue Werke dieses Genres bestellt, schickt Beethoven drei alte und schwächere Stücke nach London; keines davon wird aufgeführt.
Nicht weniger peinlich ist, daß Beethoven ein Werk mehreren Verlagen gleichzeitig anbietet oder eine ausbedungene Schutzfrist nicht einhält und verklagt wird.
Beethovens Honorarforderungen gelten als so ungewöhnlich hoch, daß er sich mehr als einmal des Verdachts erwehren muß, ein "musikalischer Kunstwucherer" zu sein. "Fürs Geld scheint Beethoven sehr importiert", berichtet ein Besucher, "und ich muß gestehen, das macht ihn menschlicher."
Sein Zimmermannsbleistift kommt so schnell nicht zur Ruhe, wenn er mit einem Verleger feilscht oder einem Mäzen Kursverluste vorrechnet. Selbst Schindler, der ja kein Fehl an seinem "großen Kinde" findet, verliert ein paar Worte über Beethovens im Alter so stark zunehmendes Interesse am Geld. Als der Komponist. der nur mit äußerster Anstrengung rechnen kann, die Fensterläden einer seiner Wohnungen mit Zahlenkolonnen "beziffert", schreibt Schindler, die Arithmetik habe sich "in so auffallender Weise des Meisters bemächtigt, daß der Raum, den künstlerische Reflexion freigelassen, von der merkantilischen Spekulation ausgefüllt worden".
Gewiß spielen das sich ständig verschlimmernde Gehörleiden -- eine langsam fortschreitende Mittelohrschwerhörigkeit -- und der dadurch befürchtete Produktionsrückgang eine wesentliche Rolle bei dieser übermächtigen Sorge um finanzielle Sicherheit.
Die Sorge ist eher unbegründet: Ein Jahresgehalt von 4000 Gulden wird ihm ab 1809 von Erzherzog Rudolf und den Fürsten Kinsky und Lobkowitz ausgezahlt. Aber auch ohne den fürstlichen Ehrensold wäre Beethoven in den fruchtbarsten Jahren zwischen 1806 und 1813 gut ausgekommen.
Der "Fidelio", das Violinkonzert, das Vierte und Fünfte Klavierkonzert, das Tripelkonzert, die "Coriolan"-Ouvertüre, die Chorfantasie, die "Ruinen von Athen", "Wellingtons Sieg", die Musik zu Goethes "Egmont", die Vierte, Fünfte, Sechste, Siebente und Achte Symphonie und verschiedene Quartette bringen dem freien Künstler guten Ertrag.
So ist er denn auch imstande, seinen in Not geratenen, an Schwindsucht erkrankten Bruder Karl zu unterstützen und "ihn damit wieder an sich zu binden" (Sterba). Karl stirbt im November 1815.
In seinem Haß auf Ehefrau Johanna, die ihm einst den Bruder entfremdet hat, behauptet er, sie habe Karl vergiftet. Von der fixen Idee, selber vergiftet zu werden, ist Beethoven sein Leben lang besessen -- des öfteren läßt er deshalb Speisen und Getränke "vorschmecken". Als die Untersuchung der brüderlichen Leiche keinerlei Anhaltspunkte für Beethovens Verdacht ergibt, verbreitet er, Johanna habe ihren Karl, seinen Karl zugrunde gerichtet.
Aus den Fängen dieses "bestialischen Weibs", dieser "Königin der Nacht", dieser "Medea" will Beethoven nun um jeden Preis seinen neunjährigen Neffen Karl retten." Denn der Knabe". interpretieren die Sterbas ", eignete sich in vorzüglicher Weise für die Fortsetzung des Kampfes, den Ludwig um den Bruder Karl gegen Johanna geführt hatte." Es beginnt jene große, so oft entstellte Tragödie, in der Beethoven wahrheitswidrig als guter Onkel erscheint, der von einem nichtswürdigen Knaben ausgenutzt wird.
Das Testament, das Karl van Beethoven hinterläßt, bestimmt Johanna und den Onkel Ludwig zu gleichberechtigten Vormündern. Aufwachsen soll der Junge jedoch bei der Mutter. Aber darum kümmert sich Beethoven nicht. Er verlangt vor dem Gericht die alleinige Vormundschaft und bekommt den Neffen tatsächlich zugesprochen. Nun fühlt er sich (so Beethoven im Brief an einen Rechtsanwalt> als "wirklich leiblicher Vater von meines verstorbenen Bruders Kind".
Vater? Doch wohl eher Mutter. Die ganzen Jahre, in denen Beethoven den Neffen seinen "kostbarsten Besitz" nennt und mit ihm zusammen lebt, versucht er ihn, den Sterbas zufolge, mit erdrückender Zärtlichkeit zu "verschlingen" -- ganz so, wie eine "unvernünftige, primitiv-emotionelle Mutter ihren Sohn verschlingt".
Für all seine Liebe erpreßt er vom Neffen Dankbarkeit durch Drohungen. Gibt es beim kleinen Karl auch nur ein Anzeichen von Selbständigkeit, nörgelt er an ihm herum. Mit übertriebener Sorge überwacht er jeden seiner Schritte. Er nimmt keine Notiz von Karls Pubertätskonflikten und fürchtet über alles, der Neffe könne einem Freunde oder gar der eigenen Mutter mehr zugetan sein als ihm selbst.
Er läßt deshalb keine Gelegenheit ungenutzt, über Mutter Johanna herzuziehen, deren "Giftstoff" ihm beim Neffen noch immer wirksam zu sein scheint.
Die rigorosen Maßnahmen gegen sie, die ihren Sohn zeitweise nur einmal im Monat und dann nur in Begleitung sehen darf, haben die Erziehung Karls in all den teuren Instituten, wo er nach dem Wunsch des Onkels entweder zum Künstler oder zum Gelehrten herangebildet werden soll, entschieden beeinträchtigt. Dennoch, die Bindung an die Mutter -- Karl besucht sie immer wieder heimlich -- kann von Beethoven nicht zerstört werden.
Was für ein Kampf um einen Jungen, den all die widersprechenden Einflüsse von Onkel, Schule und Mutter störrisch und aggressiv gemacht haben. Johanna und Ludwig sind Todfeinde, sie rufen die Polizei, sie gehen immer wieder vor Gericht. Ein Pfarrer Fröhlich, zeitweilig Lehrer Karls, gibt zu Protokoll: herrscht zwischen Ludwig van Beethoven und der Frau Mutter des jungen Karl van Beethoven eine große Abneigung, so zwar, daß der junge v. Beethoven, um sich seinem Onkel recht beliebt zu machen, Frau Mutter mit den niedrigsten Ausdrücken in seiner Gegenwart, teils schriftlich, teils ins Ohr schreiend, benamet, worüber Ludwig v. Beethoven die größte Freude äußert, und dem jungen Übertreter des 4ten göttl. Gebotes noch darüber ein Bravo zuruft."
Und vor Gericht kommt noch mehr zutage. Bisher hat der Musiker holländischer Abstammung toleriert, daß das "van" seines Namens für ein Adelsprädikat gehalten wird. Einen Adelsbrief kann er natürlich nicht vorweisen, und das hat zur Folge, daß die Sache Beethoven gegen Beethoven von den nur für Adlige zuständigen Landrechten an den Stadtmagistrat für Bürgerliche abgeschoben wird, der dem Komponisten das Sorgerecht entzieht.
Wie sehr es ihn kränkt, künftig nicht mehr als adlig zu gelten, ihn, der ja "nicht für die Menge", sondern für "die Gebildeten" komponiert, das hat Beethoven selbst in jenen Konversationsheften niedergeschrieben, die er mit zunehmender Taubheit als Verständigungshilfe bei Gesprächen benutzt. "Abgeschlossen soll der Bürger vom höhern Menschen sein, und ich bin unter ihn geraten" Ich gehöre nicht gemäß meiner Beschäftigung unter diese Plebejermasse."
Zum "elenden Pöbel" zählt der höhere Mensch auch seine Schwägerin, dieses "Ungeheuer", das nun im Streit um den Neffen gesiegt hat. In einer großen Denkschrift, an der er mehrere Wochen arbeitet, informiert er mit schon pathologischen Verzerrungen das Vormundschaftsgericht (Beethoven: "Arschmundschaftsgericht"). was für eine diese Johanna ist.
Das Porträt von der Hure (Johanna hatte ein außereheliches Kind), die sich auf "Tanzböden und bei Lustbarkeiten" herumtreibt, von der "gemütslosen Person ohne Erziehung und mit verderblichen Anlagen", der liederlichen Mutter, die ihren Sohn "zu allem Abscheulichen" anleitet und die "zarte Pflanze" schließlich "durch giftiges Anhauchen zerknickt", ist ungeprüft von den meisten Biographen übernommen und weiterverbreitet worden.
Beethovens Nachreden und Anschuldigungen haben Erfolg: Ein Appellationsgericht kassiert das Urteil des Magistrats -- der 13jährige Neffe gehört endlich und unwiderruflich Beethoven.
In den Jahren des Kampfes um Karl, zwischen 1815 und 1820, ist Beethovens Produktivität nachhaltig erlahmt. In dieser Zeit komponiert er nur wenig: den Liederzyklus "An die ferne Geliebte", den D-Dur-Marsch für Militärmusik, die Klaviersonate Opus 101, die Hammerklaviersonate und die Fuge D-Dur Opus 137.
"Anstatt, wie gewohnt, viele Noten zu schreiben", kritisiert selbst Anton Schindler, "hat unser Tondichter während dieser Jahre viele Briefe geschrieben, die teils seine häusliche Einrichtung, teils den Prozeß, teils die Erziehungsangelegenheit seines Neffen zum Inhalt haben und im allgemeinen zu den unerquicklichsten und beklagenswertesten Zeugnissen innerer Erregtheit und leidenschaftlichen Verfolgens dieser Dinge zu zählen sind."
Beethoven verzettelt sich. Aber um was kümmert er sich auch! In seiner Furcht, von den Dienstboten hintergangen zu werden und zu verarmen, kontrolliert er die Eier- und Salzpreise. Er weiß, wo man die billigste Schuhwichse kaufen kann, wieviel Essig und Öl zum Zubereiten einer Salatportion notwendig ist, wieviel Fleisch man für drei Personen rechnet.
Eine seltsame Menage herrscht in diesem Beethoven-Haus. Da zählt sich der Herr akkurat 60 Kaffeebohnen pro Tasse ab. Gehen dem Geizkragen ein paar Socken verloren, so tobt er durch die Wohnung, bis er den Dieb gefunden zu haben glaubt er entläßt einen Diener. Einem andern gibt er "fünf Gulden, einen Tritt vor den Hintern" und schickt ihn "zum Teufel".
Einem Dienstmädchen, es "steht noch unter dem Vieh", wirft er ein "halb Dutzend Bücher" an den Kopf, die Haushälterin bekommt einen Sessel auf den Bauch. "Nicht durch Liebe, sondern durch Furcht müssen dergleichen Leute gehandhabt werden", heißt eine seiner Maximen.
Beethoven resigniert. Er stöhnt: "Du darfst nicht Mensch sein, für dich nicht, nur für andre: für dich gibt es kein Glück mehr als in dir selbst, in deiner Kunst. 0 Gott, gib mir die Kraft mich zu besiegen! ... Mich darf ja nichts ans Leben fesseln."
Der "arme B.", wie er sich selbst bezeichnet, ist krank. Eine Gelbsucht und eine chronische "Gedärmentzündung" machen ihm zu schaffen. Um 1820 komponiert Beethoven, der an der "Missa solemnis" arbeitet, nur noch unter Qualen. Das Wiener Publikum hat ihn schon fast vergessen -- es interessiert sich mehr für Rossini" für "Pferde und Tänzerinnen" (Beethoven).
1822 will er bei einer Wiederaufnahme seinen "Fidelio" dirigieren, es geht nicht mehr. Zwei Jahre später, bei der Uraufführung der Neunten Symphonie, steht er teilnahmslos im Orchester. Als der Schlußbeifall einsetzt, muß ihn eine Sängerin umdrehen, damit er den Applaus wenigstens sehen kann.
Er nennt sich nun selbst ein "altes Kind". Und das ist er in der Tat. Die Psychoanalytiker Sterba registrieren für diese Zeit eine "Rückbildung, in der er sich psychisch in ungünstiger Weise veränderte. Ihre Diagnose: "Verfall der ethischen Struktur der Persönlichkeit".
Er ist verzweifelt, mit sich und aller Welt zerstritten. Selbst die "Freude und Glückseligkeit", die er sich vom Leben mit dem Neffen erhofft hat, dauern nicht lange. Nun erlebt der Onkel "alle Höllenqualen des unglücklich und eifersüchtig Liebenden, der Neffe alle Marter des Opfers einer von Eifersucht gequälten Liebe" (Sterba).
Der nahezu gehörlose Mann will seinen Karl jeden Tag um sich haben ("Komm bald! Komm bald!") und traktiert ihn mit Gefühlsstürmen: "Folge mir nur, und Liebe wie Glück der Seele, mit menschlichem Glück gepaart, wird uns zur Seite sein.
Er verdächtigt ihn geheimer erotischer Beziehungen zu einem Mädchen und mahnt: "Tu nichts, was deine Jugendkraft entnerven und vermindern könnte." Er klagt ihn der Unterschlagung an, läßt ihn überwachen und behauptet fortwährend, Karls "Benehmen" werfe "Schatten" auf den ehrenwerten Namen Beethoven.
Immer häufiger kommt es zu zermürbenden Szenen, Prügeleien und endlich zur Katastrophe: An einem Sommertag fährt der 19jährige Neffe von Wien nach Baden, steigt zur Ruine Rauhenstein hinauf und jagt sich eine Kugel in den Kopf. Ein Fuhrmann findet den Schwerverletzten und bringt ihn auf sein Geheiß in die Wohnung der Mutter. Von der Polizei befragt, warum er diesen Selbstmordversuch unternommen habe, antwortet er: "Weil mich der Onkel so viel sekkiert hat."
Mit dieser Indirekten Aggression gegen Beethoven befreit sich Karl vom unerträglichen Druck, den der Onkel auf ihn ausgeübt hat. Beethoven spürt das. Er weiß: Der Selbsttötungsversuch ist "eine Zurückweisung alles dessen, was er ihm an Liebe und mütterlicher Fürsorge zugewendet" hat (Sterba).
Und dennoch sekkiert er ihn weiter. Er fährt mit dem aus dem Spital Entlassenen zur Rekonvaleszenz aufs Land, er bringt ihn nach Gneixendorf zu Bruder Johann, mit dem er sich endlich wieder ausgesöhnt hat -- allerdings für sehr kurze Zeit:
Nach vielen Streitereien und einer besonders lärmenden Szene. bei der Beethoven verlangt, Johann solle seine Frau zugunsten des Neffen enterben, reist Beethoven im offenen Wagen nach Wien und zurück und holt sich dabei eine Lungenentzündung. Im Gepäck hat er das in Gneixendorf trotz aller Konflikte beendete Opus 135, das letzte der fünf letzten Streichquartette.
Er steht vom Krankenlager nicht mehr auf. Karl verläßt ihn nun endgültig: Er geht weit weg von Wien, ins mährische Iglau zum Militär. Beethoven bricht zusammen.
Eine Wassersucht und eine Leberzirrhose, an der er schon länger leidet, verschlimmern sich rasch. Am 24. März 1827 empfängt der nicht kirchenfromme Katholik die Sterbesakramente. Er betrachtet ein paar Flaschen Wein, die ihm ein Verleger geschickt hat, und sagt: "Schade, schade, zu spät. Dann fällt er in Agonie. Er stirbt am 26. März 1827. Kurz darauf erscheint seine "Missa solemnis", eines der ganz großen Werke der Musikgeschichte. im Druck. "Sein Schaffen", sagt Biograph Riezler, "kam aus Tiefen, in die Gesundheit oder Krankheit. häusliches Glück oder Ungemach nicht hinabreichen."
Seine Musik, interpretieren die Sterbas, sei das Produkt der "Polarität zwischen männlichem und weiblichem Prinzip, die er im Leben vergeblich zu vereinigen sich bemühte" -- er habe seine persönlichen Konflikte auf dem "autonomen Ich-Gebiet der künstlerischen Sublimierung mit Hilfe der schöpferischen Begabung integriert, zur Harmonie gebracht und zum Kunstwerk gestaltet".
Doch auch dies ist wohl nicht die ganze Wahrheit. die Beethoven auf dem Totenbett sich ersehnte.
Wer dieser vom romantischen Geniekult entstellte Mann, der "Titan", der "Starke, Reine", der "Zauberer" und "Hohepriester", wer dieser Kleinlichkeitskrämer und Menschenschinder wirklich war, ist nicht mehr gänzlich zu erfahren. Beethovens Exegeten haben allzu gründlich retuschiert. Was bleibt, ist die Musik.
Nietzsche hat vom Künstler gesagt: "Er ist zuletzt nur die Vorausbedingung seines Werkes, der Mutterschoß, der Boden, unter Umständen der Dünger und Mist, auf dem, aus dem es wächst -- und somit, in den meisten Fällen, etwas, das man vergessen muß, wenn man sich des Werks selbst erfreuen will."

DER SPIEGEL 37/1970
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