09.11.1970

PROZESSE / SS-„AHNENERBE“Maß für Maß

Der Schwurgerichtssaal Im Frankfurter Justizgebäude mußte nach einer anonymen Bombendrohung zeitweilig geräumt werden. Das Publikum randalierte: "Hängt sie auf."
Drei Männer wurden des Saals verwiesen. Polizisten schützten die Angeklagte, die auf der Straße angepöbelt und In einer Verhandlungspause handgreiflich bedroht worden war. Landgerichtsdirektor Paul Vollhardt: "Wir können nicht zulassen, daß unter unseren Augen Lynchjustiz geübt wird."
Publikumszorn droht im Frankfurter "Folterprozeß" (Presse-Vokabel) der ehemaligen Strumpfgroßhändlerin Maria Laskawy, 44. Sie wird der Mißhandlung ihres früheren Dienstmädchens Adele Jäger beschuldigt. Wenn jedoch umschichtig im gleichen Saal 146 vor einem anderen Schwurgericht im sogenannten Skelettprozeß wegen gemeinschaftlicher Beihilfe zur Tötung von 115 Menschen verhandelt wird, bleibt das spärliche Publikum teilnahmslos. Mitunter müssen Schläfer vom Wachtmeister geweckt werden.
Unberührt und unbelastet vom Erbe der Vergangenheit verfolgen durchweg ältere Zuhörer, wie naiv die Angeklagten, drei ehemalige SS-Chargen und Mitarbeiter der von dem einstigen Reichsführer SS Heinrich Himmler gestifteten Forschungsgemeinschaft "Ahnenerbe e. V.", NS-Geschichte zu bewältigen suchen: Dr. rer. nat. Bruno Heger, 59, Dr. phil. Hans Fleischhacker, 58, Wolf-Dieter Wolff, 57.
Nach Kriegsbeginn im Osten hatte der SS-Hauptsturmführer und Professor August Hirt, Anatomie-Ordinarius an der "Reichsuniversität" in Straßburg, Himmler vorgeschlagen, jedem aufgegriffenen "jüdisch-bolschewistischen Kommissar den Kopf abzuschneiden", diesen zu vermessen und als statistisches Material für Rassenforschung zu verwerten. "Ahnenerbe"-Generalsekretär Wolfram Sievers, 55-Standartenführer -- er wurde nach dem Nürnberger Ärzteprozeß als Kriegsverbrecher hingerichtet-, diente seine Organisation als Hilfsorgan an. Himmler offerierte seinerseits KZ-Insassen für Versuchszwecke.
Als Spezialisten für Schädelmessungen entsandte Sievers die Anthropologen Beger und Fleischhacker 1943 von Berlin ins Konzentrationslager Auschwitz. Dort "bearbeiteten" die beiden Rassenforscher 115 mongoloid erscheinende Zigeuner, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene -- "79 Juden, zwei Polen, vier Innerasiaten und 30 Jüdinnen" (Sievers).
Nach der Schädel-Aktion reisten die beiden Meßtechniker nach Berlin zurück. Die 115 KZ-Insassen wurden in das Lager Natzweiler im Elsaß transportiert und dort vergast. Ihre Leichen landeten Im Anatomie-Institut von SS-Hirt.
Beger und Fleischhacker vor dem Frankfurter Schwurgericht: "Das wußten wir nicht." Auch Wolff, der als "Schreibtischtäter" (so sein Verteidiger Dr. Josef Augstein) die Korrespondenz zwischen "Ahnenerbe", SS-Dienststellen und Lagerverwaltungen geführt hatte, war angeblich ahnungslos.
Immerhin entdeckten amerikanische Soldaten, die Ende 1944 die Straßburger Universität besetzten, im Institutskeller mehrere Betonbecken voll konservierter Leichen mit eintätowierten KZ-Nummern -- unausgewertete Bestände für die Skelett- und Schädelsammlung von Hirt, vermittelt durch "Ahnenerbe".
Dieser SS-Betrieb, der während des Krieges, so der deutsch-kanadische Historiker Michael H. Kater, den "Charakter einer Mördergrube" annahm, war 1935 von dem Marburger Privatgelehrten Herman Wirth als Privatverein gegründet worden und hatte sich allein um die "Erstarkung reiner deutscher Geistigkeit" (Wirth) bemüht und darum, "Raum, Geist, Tat und Erbe des nordrassigen Indogermanentums zu erforschen" -- so die Satzung von 1939 der Inzwischen umbenannten und dem SS-Imperium einverleibten Forschungsgemeinschaft.
Jahrelang diente das von Industriellen (wie der Darmstädter Arzneimittel-Fabrikantin Mathilde Merck) und der Dresdner Bank mitfinanzierte SS-Institut den einstweilen noch skurrilen Einfällen seines Präsidenten Himmler. Doch später betrieb das Institut rassenbiologische Experimente und Versuche an Menschen.
Im KZ Dachau experimentierten Wissenschaftler "In heiligem Ernst" (Himmler) an Häftlingen bei Unterdruck-, Unterkühlungs- und Fleckfieber-Impfstoff-Versuchen. Im KZ Natzweiler unternahm Professor Hirth -- der vermutlich 1945 Selbstmord begangen hat -- Humanversuche mit den Kampfstoffen Phosgen und Senf gas (Lost).
SS-Anthropologe Beger, der die rassenkundliche Forschung vorantrieb, dachte allerdings 1943 -- wie er jetzt vor dem Frankfurter Schwurgericht aussagte -- "nie daran, daß rings um mich Verbrechen geschehen". Auf die Frage nach dem Zeitpunkt seiner Auschwitz-Visite erinnerte er sich: "Die Pappelalleen standen in voller Blüte."
Um so mehr störte ihn "der Anblick der unterernährten Gestalten". Das Leben der im KZ vegetierenden Häftlinge fand er, so sagt er heute, "einfach gräßlich -- Eindrücke, die ich mein Leben lang nicht vergessen kann". Indes: "Sie wurden später überschattet von anderen Eindrücken, im Bombenkrieg."
Der ehemalige SS-Wissenschaftler verwies auf seinen Rang, als Landgerichtsdirektor Friedrich Kritzinger ihn fragte, ob er die Häftlinge selbst aus den Baracken zusammengeholt habe: "Ich war doch SS-Obersturmführer, das ging nicht an,"
Halbstundenlang rühmte er seine Leistungen bei einer Vorkriege-Expedition ins Himalaja-Gebiet, bei der erstmals Exemplare der tibetanischen Bergziege entdeckt und die Köpfe von "etwa 400 Leuten, Nepalesen, Tibetanern, Sikhs", vermessen worden seien. Beger: "Die deutsche Öffentlichkeit war stolz auf unsere Erfolge."
Den zeitlosen wissenschaftlichen Wert ihrer Schädel-Forschung wollte Begers Duzfreund Fleischhacker gleich auch noch im Schwurgerichtssaal unter Beweis stellen: Seine Verteidiger waren bereit, sich von den beiden SS-Experten ausmessen zu lassen. Richter und Geschworene verzichteten.
Fleischhacker vermochte nach 1945 die fachliche Brücke vom Rasse- und Siedlungs-Hauptamt der SS, wo er seine Karriere begann, zur Gegenwart zu schlagen. Während Wolff in die Schokolade- und Beger in die Papierbranche überwechselten, war der Anthropologe Dr. phil. Hans Fleischhacker bis zum Beginn des "Ahnenerbe" -Verfahrens -- das bis Weihnachten terminiert ist -- als Privatdozent für Anthropologie an der Universität Frankfurt tätig.

DER SPIEGEL 46/1970
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