09.11.1970

SPANIEN / OPUS DEIDas Lieblingskind

Ein Dutzendmensch werden? Du -- rum großen Hauten gehören? Du bist zur Führung geboren. José Maria Escrivá de Balaguer
Mitten im Spanischen Bürgerkrieg zog der Priester José Maria Escrivá de Balaguer, Begründer der katholischen Laienorganisation Opus Dei, mit einem Häuflein Getreuer zu Fuß durch die Pyrenäen.
Im Schnee des Bergzuges von Rialp fand er ein Zeichen für bessere Zeiten: eine aus Holz geschnitzte Rose. Dem Opus-Gründer erschien sie als Symbol dafür, daß sein Werk nicht mehr lange im Verborgenen blühen werde.
Er täuschte sich nicht: Wenig später schon zierte eine stilisierte Rose als Schmuckemblem die Bände des ersten opuseigenen Buchverlages Rialp.
Heute stellt das Opus Dei (deutsch: Werk Gottes) nach dem Urteil des Schweizer Gelehrten Urs von Balthasar "die stärkste integralistische Machtballung" in der katholischen Kirche dar. Für den französischen Opus-Kenner Yvon Le Vaillant bildet Escrivás Gefolgschaft "eine der mächtigsten Geheimgesellschaften der Welt auf finanziellem und politischem Sektor".
Die "Vereinigung von Gläubigen, die nach der Vollkommenheit des Evangeliums strebt" (so die offizielle Opus-Terminologie), dirigiert oder besitzt allein in Spanien gegenwärtig unter anderem
* die Spanische Volksbank, zwei Industriebanken und zahlreiche lokale Kreditinstitute;
* Versicherungs-, Finanzierungs-, Holding- und Investmentgesellschaften;
* Werbe- und Presseagenturen, Tageszeitungen, Frauenzeitschriften, Buchverlage" eine Filmgesellschaft und einen Rundfunksender;
* eine Universität in Pamplona, höhere Schulen in Madrid, Barcelona und Bilbao" ein Institut für Unternehmensführung" Haushaltsschulen und Studentenheime.
Auch in Francos Regierung ist das Opus Dei vertreten -- durch zehn Minister, unter ihnen Außenminister López Bravo, Planungschef López Rodó, Erziehungsminister Villar Palasí und der Chef im Ministerium für Information und Tourismus, Sánchez Bella. Sechs weitere Kabinettskollegen sympathisieren mit dem Opus Del.
In Spanien, so erkannte der im Pariser Exil lebende spanische Autor Jesús Ynfante, "übernimmt das Opus Del still und unauffällig alle wirtschaftlichen und politischen Positionen des Bürgertums", kontrolliert es heute "die wichtigsten Entscheidungsmechanismen des Staatsapparates".
Wie der Frommen-Verein des Priesters Escrivá so mächtig florieren konnte, untersuchte Ynfante, Ex-Student der politischen Wissenschaften an der Universität Madrid, jetzt in einer detaillierten Dokumentation*" die erstmals eine -- wenn auch unvollständige -- Mitgliederliste und die bislang geheimgehaltene Satzung des Opus Dei enthält (siehe Kasten Seite 157).
Im Jahre 1928, 50 beschreibt Ynfante die Entstehungsgeschichte des Opus, hatte in Madrid der junge Priester José Maria Escrlvá de Balaguer, aus der aragonesischen Provinz zugewanderter Sohn eines pleitegegangenen Kaufmanns, eine Handvoll Männer um sich gesammelt, um mit ihnen in Gehorsam, Armut und Keuschheit ein gottgefälliges Leben zu führen.
Der Bund -- konzipiert als religiöse Laienorganisation, die "mit positiver und herrenmäßiger Gesinnung" (Escrivá) in der Welt wirken wollte --
* Jesús Ynfante: "La prodigiosa aventura del Opus Dei". Verlag Ruedo ibérico, Paris; 452 Seiten; 48 Franc.
erhielt den Namen Opus Dei; der Bischof von Madrid gab mündlich seinen Segen. Doch von den 13 Getreuen der ersten Stunde ward einer schon bald abtrünnig -- er heiratete. Jahrelang verzeichnete der Kreis der Jünger kaum Neuaufnahmen.
Erst als Bürgerkriegssieger Franco 1939 In Spanien seinen Zwangsstaat errichtete, begann auch der Siegeszug des Opus Dei. "In fundamentalen politischen und religiösen Zügen", so erkannte der heute in Tübingen lehrende spanische Professor Antonio Tovar, "ist das Opus Dei ein Kind des Franco-Regimes -- und sogar ein Lieblingskind."
Tatsächlich gleicht das Weltverständnis des Opus dem des Franco-Staates in vielen Punkten. "Allumfassenden ... raschen ... fröhlichen Gehorsam" verlangt Escrivá von seinen Adepten. In der 999 Leitsätze umfassenden Minibibel des Opus, genannt "Camino" (Der Weg), rät er:
"Äußere nie deine Meinung, wenn man dich nicht darum bittet." Er empfiehlt, "Ungerechtigkeit schweigsam und froh" zu ertragen. Er lehrt: "Der Krieg ist das größte Hindernis für einen bequemen Weg. -- Aber schließlich werden wir ihn lieben müssen wie der Mönch seine Bußgeißeln." Ordnung ist oberstes Gebot: "Hierarchie. Jeder Teil an seinem Platz. Was würde aus einem Bild von Velázquez, wenn jede Farbe ihren Platz verließe ..."
Hierarchisch und autoritär wie der Caudillo seinen Ständestaat organisierte Escrivá seine Gemeinde.
An der Spitze steht er selbst als Präsident auf Lebenszeit. Seine Untergebenen nennen ihn Vater. Ihm assistiert ein aus acht Mitgliedern bestehender Generalrat, dem die einzelnen Regionalräte unterstehen.
Die Opus-Mitglieder sind in Ränge unterteilt. Ganz oben stehen die "Numerarios", die ein abgeschlossenes weltliches und theologisches Studium vorweisen, unverheiratet, gesund und angesehen sein müssen.
Unter ihnen rangieren die "Oblatos" -- auch sie unverheiratet, aber entweder ohne Studium, mit finanziellen Verpflichtungen oder körperlichen Gebrechen behaftet. Eine Stufe tiefer folgen die "Supernumerarios" -- verheiratete oder für höhere Aufgaben nicht geeignete Gläubige. In der Kategorie der "Mitarbeiter" schließlich -- zahlende Sympathisanten -- werden selbst Ungläubige geduldet.
Fast alle Opus-Adepten üben einen weltlichen, möglichst gutbürgerlichen Beruf aus, in dem sie nach Kräften brillieren sollen. Anwälte, Professoren, Diplomaten, Politiker, Journalisten. Unternehmer sind als Mitglieder besonders begehrt, denn, so der Haus-Ideologe des Opus in Spanien, Calvo Serer: "Die Welt muß von oben verändert werden und nicht von unten."
Nachwuchs wirbt das Opus mit ähnlichen Methoden an wie lateinamerikanische Guerilla-Organisationen ihre Kämpfer: Durch unverfängliche Einladungen in Häuser von Opus-Dei-Mitgliedern und vorsichtig abtastende Gespräche wird das prospektive Mitglied von Eingeweihten monatelang unter die Lupe genommen. Politische und religiöse Ideen, Familie, Freunde, Tätigkeiten des Kandidaten werden auf einer Karteikarte verzeichnet.
Über die Aufnahme des Neulings entscheidet stets nur der oberste Vater, an den ein offizieller Aufnahmeantrag mit vier möglichst vorteilhaften Porträtphotos zu richten ist. Vor einem schwarzen Holzkreuz legt der Neue schließlich sein erstes Gelübde ab: "Armut, Keuschheit und Gehorsam bis zum nächsten Josephstag." Sechs Jahre lang muß er das Gelübde an jedem Josephstag (19. März) wiederholen, bis er für immer zum Opus gehören darf.
Numerarios und Oblatos, die als einzige in besonderen Wohnheimen leben und als "Führungsstab Christi" (Escrivá) gelten, sind strenger Zucht unterworfen: Nach dem Aufstehen müssen sie demütig den Fußboden küssen, vorm Schlafengehen wird auf den Knien gebetet, die Arme zum Kreuz ausgebreitet.
Alljährlich am Tage des Heiligen Franz von Assisi muß jeder Numerario dem Superior seines Wohnheimes allen persönlichen Besitz abtreten: zum Beweis dafür, daß er das Armutsgelübde ernst nimmt.
Von derlei Zeremoniell erfuhr bislang kaum je ein Außenstehender. Denn die Gotteswerkler sind zu strengstem Stillschweigen über alle Vorgänge innerhalb des Opus verpflichtet. Bis heute gelang es ihnen sogar, ihre genaue Mitgliederzahl geheimzuhalten -- auf etwa 50 000 schätzt man sie in der ganzen Welt, auf über 10 000 in Spanien.
Ihre ersten Machtpositionen in Spanien eroberten sie, als Franco 1939 die "Wiederherstellung der klassischen und christlichen Einheit der Wissenschaft, welche im 18. Jahrhundert zerstört wurde", dekretierte und einen Obersten Wissenschaftsrat schuf. Die christlichen Wissenschaftler um das Opus sicherten sich Präsidentschaft, Vizepräsidentschaft und Generalsekretariat der neuen Institution.
Der Präsident des Wissenschaftsrates, Opus-Freund Ibáfiez Martin, war gleichzeitig Erziehungsminister. Bald wurden die im Krieg verwaisten Lehrstühle an den Universitäten von Opus-Professoren besetzt.
Genau gegenüber dem Sitz des Obersten Wissenschaftsrates in Madrid öffnete zudem die Höhere Lehranstalt "Ramiro de Maeztu" ihre Pforten. Wenig später wurde der Generalsekretär des Wissenschaftsrates, Opus-Mitglied José Maria Albareda, zum Direktor des Institutes von gegenüber ernannt. So gewann das Opus seine wichtigste Rekrutierungsbasis für Nachwuchs.
Aus Rom kam langersehnte Rückendeckung für die expandierende Organisation:
Das Opus Dei, das bis dahin ohne rechten juristischen und kirchenrechtlichen Status laborierte, wurde 1947 durch die Apostolische Konstitution "Provida Mater Ecclesia" offiziell als erstes Säkularinstitut der Kirche, mit Hauptsitz Rom, anerkannt.
Zu den entscheidenden Schalthebeln weltlicher Macht in Spanien verhalf dem Gotteswerk knapp zehn Jahre später Francos Vizepräsident Admiral Luis Carrero Blanco:
Der Admiral hatte Schiffbruch mit seiner Ehe erlitten und suchte bei dem Professor für Zivilrecht, Amadeo Fuenmayor, Beistand für "eine gesetzliche Trennung von seiner Frau. Dabei lernte er Fuenmayors Sozius, den Professor für Verwaltungsrecht Laureano López Rodó, kennen. Fuenmayor wie López Rode sind Mitglieder des Opus Dei.
Die beiden redeten dem Vizepräsidenten die Scheidung aus und brachten eine Versöhnung zustande.
Kurz darauf, Im Jahre 1956, holte Carrero Blanco den hilfreichen Professor López Rodó als technischen Generalsekretär in sein Amt, Sechs Jahre später wurde López Rodó Kommissar für Planung und Entwicklung und arbeitete die Strategie für Spaniens ersten Entwicklungsplan aus.
Es wurde ein Entwicklungsplan für Spaniens "heilige Mafia" (Ynfante):
In der katalanischen Metropole Barcelona baute das Opus Dei ein "Institut für höhere Betriebswirtschaftslehre" (lese) aus, in dem Unternehmensdirektoren mit den Methoden der Harvard Business School für modernes Management getrimmt wurden.
Über das "lese" gelangten Opus-Vertraute in die Führungspositionen der Wirtschaft; über das Nationale Industrie-Institut (mi) sicherten sie sich die Kontrolle über die wichtigsten Industriezweige,
In Pamplona, der Hauptstadt der Pyrenäen-Provinz Navarra" eröffneten die Gefolgsleute des Vater Escrivá Ihre erste eigene Universität. Pamplorias Alma mater heimste bislang 69,2 Prozent aller Subventionen für das spanische Hochschulwesen ein.
1962 setzte die "heilige Mafia" im Finanzministerium eine Bankreform durch, die das gesamte Kreditwesen des Landes der Bank von Spanien unterstellte. Gouverneur der Bank von Spanien wurde 1965 Opus-Mitglied Mariano Navarro Rubio -- er war bis dahin Finanzminister gewesen und hatte die Reform eingeleitet.
Ungehindert konnten nun staatliche Kredite in alle Unternehmungen fließen, an denen das Opus beteiligt war -- beteiligt freilich stets nur in Form einer neutralen Institution, für die nach außen hin ein Opus-Mitglied als Privatperson verantwortlich zeichnet (so Artikel 9 der Opus-Statuten).
Großzügig vergab die vom Opus kontrollierte Spanische Volksbank persönliche Kredite an Mitglieder und Freunde des Gotteswerkes.
So erhielt Opus-Freund Juan Manuel Fanjul ein persönliches Darlehen von 260 000 Mark, um seinen Wahlkampf für einen Sitz als "Familienabgeordneter" in Francos Pseudo-Parlament, den Cortes, zu finanzieren.
Einer kleinen Textilmaschinen-Firma in Nordspanien (Matesa) schanzten die Mafia-Finanzstrategen über 500 Millionen Mark staatlicher Exportförderungs-Kredite zu. Matesa-Direktor und Opus-Genosse Juan Vilá Reyes exportierte nur zum Schein und steckte das Geld in "die eigene Tasche. Im Sommer 1969 platzte der Schwindel und brachte die Vorarbeiter des "Gotteswerkes" erstmals in Bedrängnis.
Die alten Kämpfer der Falange, durch das Opus mehr und mehr aus der Macht verdrängt, sahen eine Chance, verlorenes Terrain zurückzugewinnen, und forderten, daß alle für den Skandal Verantwortlichen vor Gericht gestellt würden.
Die Opus-Kamarilla beschwichtigte die Rivalen mit einem Zugeständnis. Sie versprach, ihren Widerstand gegen ein von den Falangisten gefördertes Gewerkschaftsgesetz aufzugeben, durch das die staatlichen Zwangsgewerkschaften stärker als bisher an die Falange gebunden werden sollen,
Im Oktober des vergangenen Jahres schließlich bildete Franco sein Kabinett um -- und holte mehr Opus-Dei-Minister in die Regierung als je zuvor.
Auch für die Zukunft hat das Gotteswerk, so scheint es, ausgesorgt: Der von Franco zum Thronfolger designierte Prinz Juan Carlos de Borbón wurde von Opus-Dei-Lehrern erzogen.

DER SPIEGEL 46/1970
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