12.12.2005

RAUMFAHRT„Herantasten ans Abenteuer“

Wittig, 65, ist Vorstandsvorsitzender des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) und leitet den Rat der europäischen Raumfahrtagentur Esa. Vergangene Woche nahm er am Treffen des Esa-Ministerrats teil, der in Berlin über die Zukunft der europäischen Raumfahrt beriet. Der deutsche Raumfahrtchef Sigmar Wittig über die Erkundung des Sonnensystems, eine mögliche Rückkehr zum Mond und bemannte Flüge zum Mars
SPIEGEL: Herr Wittig, wann landet der erste Europäer auf dem Mars?
Wittig: Nun mal langsam! Das ist ein Fernziel unseres Aurora-Programms, das frühestens in Jahrzehnten in greifbare Nähe rücken könnte. Wir müssen uns Schritt für Schritt an das Mars-Abenteuer herantasten. Immerhin hat der Esa-Ministerrat jetzt eine aufregende neue Robotermission zu unserem Nachbarplaneten beschlossen. Bereits im Jahre 2011 soll der Hightech-Rover ExoMars dort landen.
SPIEGEL: Gibt es in der Wüstenwelt dort wirklich noch viel zu entdecken?
Wittig: Durchaus. Der Roboter wird auf der Oberfläche umherfahren, Bodenproben entnehmen und diese dann vor Ort auf Spuren von Leben hin untersuchen. Deutschland beteiligt sich an dem faszinierenden Unternehmen mit 86 Millionen Euro.
SPIEGEL: Die Europäer scheinen ohnehin Gefallen daran gefunden zu haben, Raumsonden auf Tour zu schicken. So sollen die Ausgaben für wissenschaftliche Missionen jedes Jahr um 2,5 Prozent erhöht werden.
Wittig: Ja, weil wir auf diesem Gebiet so phantastische Erfolge feiern. Europäische Raumsonden erkunden gegenwärtig den Mars, den Saturn, die Sonne und demnächst auch die Venus - wir sind überall im Sonnensystem unterwegs. In einigen Jahren werden wir sogar mit der Raumsonde BepiColombo zum sonnennächsten Planeten Merkur reisen.
SPIEGEL: Woher soll denn das zusätzliche Geld für Forschungsmissionen kommen? Der deutsche Esa-Beitrag ist doch seit Jahren eingefroren.
Wittig: Das stimmt. Bis zum Regierungswechsel drohten uns sogar drastische Einschnitte. Nun ist es gelungen, unseren Esa-Anteil bei 542 Millionen Euro zu halten. Aber Sie dürfen nicht vergessen, dass in anderen Bereichen die Ausgaben zurückgehen werden - etwa für die Internationale Raumstation ISS. Was dort an Mitteln frei wird, kann dann den unbemannten Missionen zugute kommen.
SPIEGEL: Warum haben Sie die ungeliebte Raumstation nicht gleich ganz beerdigt?
Wittig: Frankreich und Italien wollten in der Tat die Beiträge zur ISS drastisch herunterfahren. Wir Deutschen waren dagegen. Wenn wir ausgerechnet auf der Zielgeraden stoppen, wäre dies das falsche Signal an die Amerikaner. Wenn die ihre Shuttle-Flüge nicht wieder aufnehmen, könnte unser fertiggebautes Raumlabor Columbus als ungenutztes Museumsstück enden.
SPIEGEL: Diese Gefahr besteht ohnehin. Die Amerikaner haben doch selbst längst die Lust an ihrer Raumstation verloren.
Wittig: Die Amerikaner neigen eben dazu, schneller zu reagieren. Und natürlich klingt es auch aufregender, von Mars-Flügen zu
träumen, als behutsam die ISS fortzuentwickeln. Wir sagen: Bevor wir an Flüge zum Mars denken können, müssen wir zeigen, dass wir Langzeitflüge im erdnahen Raum beherrschen. Und als nächster Schritt müsste dann ohnehin erst mal eine Station auf dem Mond errichtet werden. Es war wohl ein Fehler, ihn nach Apollo abzuschreiben. Das haben die Amerikaner mittlerweile erkannt. Und nicht zu vergessen: Auch die Chinesen wollen so schnell wie möglich zum Mond.
SPIEGEL: Was macht den Erdtrabanten plötzlich wieder so attraktiv?
Wittig: Für vielerlei Forschungsmissionen wäre er gut geeignet. Ein unbemanntes Riesenteleskop auf der Mondrückseite zum Beispiel, fernab der störenden Erdatmosphäre, wäre für Astrophysiker hochinteressant. Das Problem ist wie immer die Finanzierung. Immerhin stellen wir jetzt zwei Millionen Euro für Studien über solche visionären Projekte zur Verfügung; mehr ist aber vorerst nicht möglich.
SPIEGEL: Bei der Erschließung des Mondes wären die Europäer also nicht dabei. Oder werden sie beizeiten imstande sein, ohne fremde Hilfe selbst Astronauten in den Orbit zu schießen?
Wittig: Einige kleinere Esa-Partner haben sich auf der Ministerratstagung sehr dafür eingesetzt, zusammen mit den Russen den Raumgleiter Clipper zu bauen. Für so ein Großprojekt brauchen Sie aber die Unterstützung der großen Länder - und weder Deutschland noch Frankreich, Italien oder Großbritannien haben an so einem Fahrzeug gegenwärtig ein starkes Interesse. Eine Beteiligung wird jedoch noch geprüft.
SPIEGEL: Die Industrie kritisiert, dass Frankreich sechsmal so viel für ein eigenes nationales Raumfahrtprogramm ausgibt wie Deutschland.
Wittig: Das gilt aber nur fürs nationale Programm. Bei den Esa-Beiträgen ist der Vorsprung nicht so hoch. Doch es stimmt schon: Wenn wir mit Frankreich mithalten wollen, werden wir unser Raumfahrtbudget kräftig aufstocken müssen.
SPIEGEL: Hoffen Sie, dass auf den Autokanzler Schröder die Raketenkanzlerin Merkel folgt?
Wittig: Die Kanzlerin weiß als gelernte Physikerin, wie wichtig Wissenschaft und Technik für die Zukunft unseres Landes sind. Die neue Bundesregierung will deshalb ja auch die Forschungsausgaben schrittweise bis auf drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigern - und davon werden sicher auch die nationalen Raumfahrtmissionen profitieren. INTERVIEW: OLAF STAMPF
* Computergenerierte Darstellung.
Von Olaf Stampf

DER SPIEGEL 50/2005
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