23.11.1970

BONN KORRUPTIONSchafkopfen lernen

Im Fernschnellzug "Gambrinus" zwischen München und Bonn zog der FDP-Bundestagsabgeordnete Karl Geldner den CSU-Landesgruppenchef Richard Stücklen auf den Gang und fragte: "Bist du von Franz Josef schon informiert?" Stücklen: "Ja, die Besprechung findet am Freitag statt.
Zwei Tage später, am Mittwoch, dem 4. November, wollte Konspirator Geldner während einer Plenarsitzung im Bonner Bundeshaus von Stücklen Details erfahren. Auf einem grünen Handzettel, den er von einem Parlamentsboten in die Vorderbank zu dem CSU-Mann bringen ließ, stand nur ein einziges Wort: "Wann?" Stücklens Antwort bestand aus drei Ziffern: "9.30".
Am Freitag, dem 6. November, um halb zehn gedachte der CSU- Vorsitzende Franz Josef Strauß in seiner Bonner Wohnung, Löwenburgstraße 34, in Gang zu setzen, was er und eine politische Laienspielschar neun Tage zuvor im Keller des Münchner Hotels Continental geprobt hatten: den Sturz der Regierung Brandt/Scheel.
Der Bäckermeister Geldner aus Ansbach, der Tütenfabrikant Anton Beyer aus dem westfälischen Lippetal-Lippborg und der Notar Franz Mader aus Bielefeld machten dem CSU-Chef erstmals konkrete Hoffnung, er könne die Bonner SPD/FDP-Regierung ihrer parlamentarischen Mehrheit berauben. Strauß selber wähnte sich dem Aufstieg zum Vizekanzler und Super-Ökonomen eines CDU-geführten Kabinetts nahe.
Beim Essen im Continentai am 28. Oktober um 14 Uhr hatte ein weißblaues Schelmenstück um den Einkauf übertrittswilliger FDP-Abgeordneter begonnen. Beyer und Mader, Spitzenfunktionäre der von FDP-Überläufer Siegfried Zoglmann gegründeten und mit der CSU eng verknüpften National-Liberalen Aktion (NLA), fragten Strauß, ob sein öffentliches Versprechen gelte, die CSU könne auch Heimat für alle wahren Liberalen sein, Dann führten sie Strauß einen vermeintlichen Heimatlosen zu.
Mit dem Zug aus Ansbach war Karl Geldner gekommen, seit Januar 1970 FDP-Bundestagsabgeordneter in Bonn und seit dem 1. Juni Beyer durch einen Beratervertrag im Gegenwert von 40 000 Mark verpflichtet.
Sekundiert von Beyer und Mader, beklagte Geldner seine politische Gewissensnot, die ihn aus der linken FDP des Walter Scheel hinaus auf die rechte Bahn treibe. Auf diesem Wege würden ihm wahrscheinlich die gleichfalls FDP-überdrüssigen Bundestagsabgeordneten Kurt Jung, Architekt im
* Text: Verwahrungsquittung. Ich habe zwei Industrieberatungsverträge, die zwischen der Fa. Bayer, N. G. Lippborn und Herrn Karl Geldner, Anssbach-Eyb am 6. 11. 70 abgeschlossen wurden, in Verwahrung. Die Vertragsparteien erhalten je eine beglaubigte Abschrift der beiden Verträge. Bonn, den 6. 11. 1970. Mader, Notar.
pfälzischen Kandel, Georg Gallus, Landwirt im schwäbischen Hattenhofen, und Lothar Krall, Oberstleutnant a. D. aus Koblenz, folgen.
Strauß merkte auf. Denn mit diesen vieren konnte er hoffen, in Bonn einen Grand in die Hand zu bekommen. Bei einem Bundestags-Stimmenverhältnis zwischen Regierung und Opposition von derzeit 251 zu 245 Abgeordneten konnte sich Strauß ausrechnen, daß eine übertrittswillige Brigade Geldner der Opposition zur absoluten Mehrheit mit zwei Stimmen verhelfen und so die Regierung stürzen könne.
Einen endgültigen Triumph erhoffte Strauß von dem Übertritt des kommissarischen FDP-Vorsitzenden in Bayern und Bonner Landwirtschaftsministers Josef Ertl, den er seit langem für einen Nationalen hält (Strauß: "Der Ertl redet doch privat ganz anders als offiziell"). Tischpartner Geldner, der sich mit besonders guten Kontakten zu Ertl brüstete, und die beiden NLA-Agenten erhielten von Strauß Auftrag, den kranken FDP-Minister zu keilen.
Mit gemeinsamer Klage über der Zeiten Verderbnis, über die Waffendiebstähle bei der Bundeswehr, über sowjetische Rundfunkpropaganda für die FDP und über einen Düsseldorfer "Welt'-Redakteur, der nicht die rechte Springer-Linie einhalte, beschloß die Runde ihr Verschwörermahl. Strauß versprach, die Dinge wieder ins Lot zu rücken.
Die vier Herren gingen auseinander mit dem Versprechen, sich am 6. November in Bonn wiederzutreffen. Dort sollte Geldner -- zwei Tage vor der hessischen Landtagswahl -- seinen Austritt aus der FDP besiegeln.
Und noch bevor der Handel perfekt war, entwarf Strauß mit seinen CSU-Freunden Richard Stücklen und Friedrich Zimmermann eine erste Wunschliste für das ersehnte Kabinett Barzel/Strauß. Zimmermann sollte Verteidigungsstaatssekretär, Stücklen Generalpostmeister, Hermann Höcherl Verkehrsminister, Strauß Vizekanzler und Superminister für Wirtschaft und Finanzen werden. Auch für den ersehnten Überläufer Ertl war ein Platz in der neuen schwarzen Heimat reserviert: Der Bayer hätte Landwirtschaftsminister bleiben oder, falls er sich zierte, Präsident des Deutschen Raiffeisen-Verbandes werden können.
Bonns chronique scandaleuse war vorgezeichnet:
* Am 6. November um neun Uhr unterschrieben Beyer und Geldner einen Beratungsvertrag über 400 000 Mark.
* Am gleichen Tag um 9.30 Uhr verhandelten die beiden Vertragspartner und Mader mit den CSU-Führern Strauß, Stücklen und Höcherl über Geldners Übertritt in die CSU-Landesgruppe.
* Am 12. November unterschrieb Geldner die Übertrittsdokumente und erhielt von Strauß und Stücklen eine gezeichnete Garantie-Urkunde über Geldners Überleben in der CSU.
* Am 13. November verkündete Stücklen in Nürnberg triumphierend Geldners Übertritt.
* Minuten später enthüllte FDP-Fraktionschef Wolfgang Mischnick, Geldner sei nur zum Schein auf die Übertrittsangebote eingegangen, um das zwielichtige Abwerbungsmanöver der Christsozialen zu beweisen.
Bonns jüngster politischer Skandal war geboren. Franz Josef Strauß hatte sich In seiner unstillbaren Sehnsucht nach Macht und Einfluß wieder einmal zwielichtiger Mittel bedient und mit dubiosen Figuren paktiert. Wieder einmal mußte er sich gegen den naheliegenden Verdacht wehren, Geld und Politik verquickt zu haben, wieder geriet er in den Ruch politischer Skrupellosigkeit.
Und diesmal gab es sogar ein eindeutiges Dokument, das seine Unterschrift trug: das Versprechen, er und Stücklen wollten "dafür Sorge tragen", daß Geldner "durch einen Stimmkreis oder durch eine Absicherung auf der Landesliste, "gegebenenfalls durch beides zusammen, eine sichere Aussicht erhält, wieder In den nächsten Bundestag zu kommen".
Strauß hat es somit den deutschen Wählern schriftlich gegeben, daß er dns Resultat ihrer Stimmabgabe nachträglich durch Lockangebote an Überläufer zu verändern gewillt ist.
Überdies: Was Strauß und Stücklen dem vermeintlichen Überläufer Geldner schriftlich versprachen, läßt die Bereitschaft erkennen, fundamentale Rechtsvorschriften zu mißachten -- vom Statut der eigenen Partei, über Parteien- und Bundeswahlgesetz bis hin zum Bonner Grundgesetz.
In der Verfassung ist die notwendige Struktur der Parteien eindeutig bestimmt: "Ihre innere Ordnung muß demokratischen Grundsätzen entsprechen" (Artikel 21). Dies soll Entscheidungen ausschließen, die von oben nach unten gefällt werden -- sei es durch vollendete Tatsachen, sei es durch Beeinträchtigung der Willensfreiheit bei den Delegierten.
Parteiengesetz und Bundeswahlgesetz schreiben deshalb zwingend vor, daß Kandidaten für einen Wahlkreis in geheimer Abstimmung von den Parteimitgliedern oder deren gewählten Delegierten zu nominieren seien.
Wer für die CSU in einem Wahlkreis für den Bundestag kandidieren soll, haben laut Parteisatzung allein 30 Delegierte zu bestimmen. Und selbst bei Aufstellung der Landesliste darf -- geht es mit rechten Dingen zu -- die Parteispitze noch nicht einmal mitbeschließen. Solche Entscheidung trifft die "Landesdelegiertenversammlung zur Bundestagswahl", in der die Mitglieder des Präsidiums nur "beratende Stimmen haben".
Richard Stücklen versuchte seine schriftliche Zusage eines Mandats für Geldner herunterzuspielen: "Ob die Parteidelegierten ihn aufstellen, das wissen wir noch nicht."
Als der Skandal offenbar geworden war, gingen die CSU-Oberen sogleich daran, die Fakten zu vernebeln, von ihrem eigenen politischen Korruptionsversuch abzulenken und nach Möglichkeit die andere Seite zu diskreditieren. Im Verein mit der Springer-Presse suchten sie ihre Blamage in eine Affäre Geldner umzumünzen -nicht ganz ohne Erfolg. Denn Karl Geldner hatte politisch und geschäftlich nicht immer glücklich operiert.
Seine Beziehung zu dem westfälischen Tütenhersteller Anton Beyer reicht Jahre zurück. Der Bundestagsabgeordnete Geldner, der schon von 1965 bis 1969 dem Parlament angehörte, empfahl sich seinem damaligen FDP-Freund Beyer als Kontakter zum Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks. Beyer ("Es ging schließlich um 100 Millionen Tragetaschen") bezeichnete den Bundestagsabgeordneten als "unseren Herrn Geldner".
Anfang dieses Jahres führte Geldner den Tütenkleber bei Ernährungsminister Ertl und dessen Staatssekretär Hans Dieter Griesau ein, allerdings ohne Ergebnis. Schließlich ebnete er ihm über seine Abgeordnetenbeziehungen zum Auswärtigen Amt und mit Hilfe des Außenministers und Parteifreundes Walter Scheel den Weg zu aussichtsreichen Geschäftskontakten in Tunesien und Marokko.
Beyer revanchierte sich bei seinem Volksvertreter mit großzügigen Gesten. Auf Bitten Geldners mühte sich der versierte Unternehmer, die Scheidungs-Abfindung einer Bad Godesberger Geldner-Freundin in Höhe von einer Million Mark rentabel anzulegen. Gemeinsam prüfte das Trio die Gründung eines Papierbeutel-Betriebes in Tunesien und den Ankauf einer Umstandskleiderfabrik ·in der Nähe Nürnbergs.
Dabei wurde ein stellvertretender Sparkassendirektor aus dem Mittelfränkischen für die drei tätig, dessen Mitteilsamkeit später den geprellten Franz Josef Strauß bei der Suche nach dunklen Flecken in Geldners Vergangenheit auf falsche Fährte lockte. Nach Telephonrecherchen beim Sparkassengewerbe glaubte der CSU-Chef letzte Woche herausgefunden zu haben, der vermögenslose Bäcker habe von anderer Seite noch viel höhere Summen ("zwischen 300 000 und einer Million) geboten bekommen. Strauß: "Das kriege ich auch noch raus."
Die bescheidenen Einkommensverhältnisse des Bäckers, der in seinem Geburtsort Schillingsfürst und in Ansbach zwei Backstuben verpachtet hat -- eine vom Vater ererbte und eine von Frau Margot in die Ehe eingebrachte -, boten eigennützigen Wohltätern Gelegenheit zur Hilfe. Am 1. Juni 1970 hatte Anton Beyer, damals FDP-Kreisvorsitzender in Soest, seinen Parteifreund Geldner mit dem Versprechen eines jährlichen Festhonorars von 40 000 Mark an sich gebunden. Geldner blieb untätig, und Beyer zahlte vorläufig nicht.
Am 10. Juni um 8.21 Uhr holte Beyer seinen Berater in Hamm aus dem Schnellzug von Hannover nach Bonn. Während der Weiterfahrt zur Bundeshauptstadt in Beyers Mercedes 280 SE schmeichelte der Industrielle dem Abgeordneten: "Junge, du bist eine Million wert, ohne daß du es weißt." Der rechte FDP-Mann Beyer, der schon am ersten Hohensyburger Treffen der Zoglmann-Freunde am 25. April teilgenommen hatte, empfahl Geldner, sich eine sicherere politische Heimat zu suchen, als es die FDP damals zu sein schien: "Wie lange willst du noch bei diesen Leuten bleiben?"
Er bot Geldner ein Zusammentreffen mit CSU-Chef Strauß an. Das Entree hatte Zoglmann besorgt, nachdem ihm Beyer gemeldet hatte: "Der Geldner will aus der FDP raus, der will eine gewisse Sicherheit haben und nicht mehr Brötchen backen in Schillingsfürst."
Geldner, durch den unverhofften Beyer-Antrag erschreckt, informierte sofort seinen Fraktionsvorsitzenden Wolfgang Mischnick über den Inhalt des Gesprächs mit Beyer und bekannte erstmals auch die Existenz des 40 000-Mark-Vertrags vom 1. Juni.
Damals nahm die FDP-Spitze an der Dotation keinen Anstoß, die auch nach Bonner Maßstab nicht auffällig hoch war. FDP-Vize Hans-Dietrich Genscher:,, An und für sich sind solche Beratungsverträge nicht diskreditierend."
Und sogar Richard Stücklen, dem die Fama vom Vertrag über Zoglmann zugetragen worden war, hielt den Nebenerwerb des künftigen CSU-Mannes für unbedenklich. Stücklen heute: "Das hätte mich kalt lassen können."
In der Folge boten Beyer und Mader dem Geldner einen Katalog von insgesamt fünf möglichen Terminen für ein Treffen mit Strauß zur Auswahl an. Schließlich einigte man sich auf den 2. Juli.
Doch noch einmal wich Geldner einem Strauß-Treff aus. Als Beyer ihn in Bonn zu Strauß führen wollte, entschuldigte sich Geldner: Erst müsse er sich noch rasieren und etwas gegen seine Zahnschmerzen tun.
Beyer, der bei Strauß als Geldner-Schlepper erstmals Einlaß gefunden hatte, plauderte eine Stunde lang mit dem CSU-Chef ("Ich war persönlich sehr beeindruckt"), mußte aber sein Einstandsgeschenk schuldig bleiben.
Als er schließlich nach Geldner fahndete, fand er den Bäckermeister noch immer unrasiert auf der Couch seines Bonner Abgeordnetenzimmers. Geldner schlief. An jenem Tag kam es nicht mehr zum Strauß-Rendezvous.
Der Übertritt der FDP-Abgeordneten Mende, Starke und Zoglmann zur CDU und CSU am 14. Oktober belebte den abgerissenen Kontakt. Noch am selben Tage sprach -- nach FDP-Version -- der CSU-Abgeordnete Georg Ehnes, wie Geldner und Stücklen ein Freund des in Bayern beliebten Kartenspiels Schafkopf und Gegenkandidat Geldners im Wahlkreis Ansbach, den potentiellen Parteiwechsler im Bundestagsplenum an: "Wie lange willst du da noch mitmachen?" Nach CSU-Version hatte Geldner den CSU-Mann angesprochen und ihn gebeten, ein Treffen mit Stücklen zu arrangieren.
Am gleichen Abend ließ Geldner seinen Fraktionschef Mischnick aus einem Koalitionsgespräch mit dem SPD-Fraktionsführer Herbert Wehner und dessen Parlamentarischen GeschäftsfÜhrer Karl Wienand herausrufen und berichtete ihm von dem erneuten CSU-Kontakt.
Mischnick zu Geldner: "Bist du bereit, es denen da drin auch zu sagen?' Der unbekannte Hinterbänkler nutzte seine Chance. Vor Wehner, Wienand, Mischnick und dem Parlamentarischen FDP-Geschäftsführer Werner Mertes, die dringend nach einem Beweis für unsaubere Abwerbemethoden der Opposition suchten, erbot sich Geldner, das Spiel fortzusetzen.
Er spielte hoch. Schon nachdem er Strauß im Conti-Keller seinen Übertrittswillen bekundet hatte und bevor er auf den 6. November in Straußens Wohnung zum Schwur gebeten worden war, verlangte er von Beyer ein höheres Beratungshonorar. Am 5. November mittags überraschte der Abgeordnete seinen Mäzen im Höhenrestaurant des Bonner Abgeordneten-Hauses: "Anton, du hast von einer Million gesprochen, jetzt mußt du schon was drauflegen." Geldner verlangte einen Vertrag über vier Jahre zu je 100 000 Mark.
Beyer, der den für den folgenden Tag vereinbarten großen Auftritt bei Strauß gefährdet sah, hielt seinen Partner hin: "Ich will sehen, was sich da machen läßt." Dann eilte er zurück ins Westfälische und beriet mit Mader, wie die Forderung des Abgeordneten befriedigt werden könnte.
Immerhin war eine Jahresleistung von 100 000 Mark für das mittelständische Beyer-Unternehmen mit einem Umsatz von zwölf Millionen Mark eine ungewöhnliche Belastung, es sei denn, der NLA-Schatzmeister könnte -- was seine Feinde behaupten -- für solche Zwecke auf geheime Industriespenden zurückgreifen. Routinier Mader meinte, es reiche auch, wenn man Geldner für die vier Jahre je 50 000 Mark biete, und bereitete einen entsprechenden Vertrag für den nächsten Vormittag vor.
Am 6. November, pünktlich um neun, erschienen Beyer und Mader mit dem Vertrag bei Geldner. Mißtrauisch tastete Mader unter Geldners Schreibtischplatte nach verborgenen Mini-Spionen. Dann legte er das Vertragsexemplar nebst Duplikat für Geldner vor. Doch der war mit den gebotenen 50 000 Mark nicht zufrieden. Wieder forderte er das Doppelte.
Kurz entschlossen stimmten die NLA-Abwerber zu. Mader verdoppelte das Honorar, indem er aufs Original 1. Industrieberatungsvertrag" und auf die Durchschrift "2. Industrieberatungsvertrag" schrieb. Beyer und Geldner unterzeichneten die beiden Exemplare.
Jetzt konnten die beiden Westfalen auch mit plausibler Begründung beide Vertragsexemplare für sich behalten. Geldner erhielt lediglich eine handschriftliche "Verwahrungsquittung", ·die Mader -- etwas außerhalb seines Amtsbezirks -- als "Notar" unterfertigte. Mader: "Ein Bayer traut einem Notar mehr."
Den 40 000-Mark-Vertrag vom Juni, den Geldner gleichfalls nie in Besitz bekommen hatte, zerriß Mader vor Geldners Augen und steckte die Schnitzel in die Rocktasche.
Nach der Transaktion schaltete das Trio vom finanziellen zum politischen Geschäft um. Sie versicherten sich gegenseitig, das eine habe mit dem anderen nichts zu tun und Geldner müsse jeden Hinweis auf den Vertrag unterlassen, und kontaktierten dann den Strauß-Referenten Friedrich Voss. Sie ließen sich von ihm in die Wohnung des CSU-Chefs, Löwenburgstraße 34, führen. Dort erwartete sie bereits die CSU-Prominenz: neben Strauß auch Hermann Höcherl und Richard Stücklen.
Voss präsentierte die von Strauß in Auftrag gegebenen drei Erklärungen Geldners: gegenüber dem Bundestagspräsidenten über den beabsichtigten Fraktionswechsel, gegenüber der FDP-Fraktion über den geplanten Austritt und gegenüber der Öffentlichkeit über die persönlichen und politischen Motive.
In einem vierten von Voss gefertigten Papier sicherten die CSU-Herren Geldner das Bundestagsmandat zu und bescheinigten ihm außerdem, daß "seine Mitarbeit an gleicher Stehe über das Jahr 1977 hinaus erforderlich" sei. Doch selbst als Strauß die Texte redaktionell verändert und Voss sie neu geschrieben hatte, zögerte Geldner mit seiner Unterschrift. Es sei ihm peinlich, so gab er zu bedenken, seine Partei zwei Tage vor einer wichtigen Landtagswahl im Stich zu lassen. Man solle ihm nicht "politischen Opportunismus" vorwerfen können.
Beyer drängte auf sofortigen Übertritt, aber Stücklen bestand nicht darauf: "Laßt ihn doch nächste Woche übertreten."
Bei Strauß verabschiedete sich Geldner verheißungsvoll: "Ich muß noch mit einigen meiner Freunde sprechen, die mitkommen wollen." Stücklen bat er um ein neues Zusammentreffen: "Richard, wir müssen uns noch unter vier Augen sehen."
Dann brachte Strauß seine Gäste zur Tür, Er ging voran und observierte zunächst den Vorgarten, "damit uns keiner zusammen photographiert".
Später, in Stücklens Büro, offenbarte Geldner vorsorglich, er habe am selben Morgen neue Verträge mit Beyer abgeschlossen. Ihm war zu Ohren gekommen, daß die CSU von diesen Verträgen schon habe läuten hören. Stücklen heute: "Ich glaubte, mich trifft der Schlag."
Dann memorierte der CSU-Mann eine Lebensregel seiner Mutter: "Bedenke das Ende und "behalt saubere Hände." Er gab den Rat an Geldner weiter: "Die Sache ist doch unsauber. Die Verträge müssen weg." Stücklen unnachgiebig: "Da kannst du mit Engeiszungen reden, das kauft dir später keiner ab, daß beides nichts miteinander zu tun hat."
Als Geldner über den hohen Verlust jammerte, tröstete ihn der fränkische Landsmann: "Wenn einer bei uns in der Gemeinschaft in einer Notlage ist, dann lassen wir ihn nicht im Stich."
Der Hinweis Stücklens auf landsmannschaftliche Hilfe entspricht guter CSU-Tradition. Das Verhältnis der Weiß-Blauen und ihrer christlich-sozialen Staatspartei zum Geld hat Deutschlands einzigem "Freistaat" zu einem gewissen Ruhm verholfen. Selbst die Londoner "Times" notierte in Ihrem Kommentar zur Geldner-Affäre: "The Bavarian voters are tolerant people in matters of this sort."
Der Akkord Bargeld/Bayernpolitik war bereits aufgeklungen, als Bonn noch nicht einmal provisorische Bundeshauptstadt war.
In den ersten Deutschen Bundestag war, lärmend und lederhosig, eine 17 Mann starke Älplertruppe einmarschiert, die als Bayernpartei firmierte und zum Entsetzen der CSU von christsozialen Wertvorstellungen nur wenig hielt. Für den Wahlkampf hatte die Bayernpartei rund 250 000 Mark aufgebracht, gleichwohl trugen mehrere ihrer frischgewählten MdB an persönlichen Verbindlichkeiten aus politischen Anstrengungen.
Einer der aktivsten von ihnen, Anton ("Toni") Donhauser, wandte sich an seinen potenten Landsmann Fritz Schäffer, CSU-MdB und Bundesfinanzminister. Am Buß- und Bettag 1949 klagten Donhauser und sein Fraktionskollege Hermann Aumer im Arbeitszimmer Schäffers über ihre Finanznöte. Ein vierter Gesprächsteilnehmer lauschte aufmerksam -- CSU-MdB Franz Josef Strauß.
Schäffer, ein Polit-Routinier schon aus der Zeit vor 1933, half mit -- in seiner Sprache -- "den rechten Flügel der Bayernpartei stark zu machen": Er wirkte "zustimmend und empfehlend dahin" -- so stellte im Frühjahr 1951 ein Untersuchungsgremium des Bundestags, populär geworden als SPIEGEL-Ausschuß, fest -, "daß dem Abgeordneten Donhauser oder seiner Gruppe Zahlungen aus dem Fonds, der aus allgemeinen Sammlungen großer Wirtschaftsverbände für den Bundeswahlkampf stammte, zuflossen".
Den Schlüssel zu diesem Fonds "bewahrte August Heinrichsbauer, der sich dem Ausschuß mit den Worten präsentierte: "Ich bin Angestellter eines Konsortiums von größeren Unternehmungen der Industrie." Viel mehr bekam das Gremium aus Heinrichsbauer auch nicht heraus, und ungelöst blieb vor allem die Kernfrage, ob Gelder an Bayernparteiler Im Zusammenhang mit der Abstimmung über die zukünftige Bundesmetropole (starke Interessentengruppen setzten sich damals gegen Bonn für Frankfurt ein) gespendet wurden.
Die Untersucher registrierten lediglich, daß die "Gruppe Donhauser der Bayernpartei, nachdem sie sich an die Zeugen Heinrichsbauer und Schäffer wegen finanzieller Schwierigkeiten ... gewandt hatte, Ende 1949/Anfang 1950 größere Beträge" erhalten habe: Aumer in unbekannter Höhe, Donhauser mindestens 5000 Mark. Über 10 000 Mark aus diesen Summen gaben die beiden an fünf ebenfalls notleidende Fraktionskollegen (die "Gruppe Donhauser") weiter -- damit war die Bayernpartei, anderthalb Jahre nach ihrem Einzug In den Bundestag, dank christsozialer Karitas "bereits öffentlich korrumpiert worden.
Und reduziert wurde sie dazu: Alsbald verließen Hermann Aumer und Anton Donhauser den weißblauen Haufen. Der Donhauser Toni wurde von der CSU-Spitze noch lange gehätschelt. Denn "sein Eintreten für eine christliche Politik" (Franz Josef Strauß) war noch 1954 für Strauß Anlaß, dem vor dem Offenbarungseid stehender' Ex-Bayernparteiler "aus eigenen und von fremder Seite beschafften Mitteln" (Strauß) 8000 Mark zu pumpen -- ein Vorgang, der in der CSU bis heute unbekannt geblieben ist.
Auch ein CSU-Minister strauchelte auf bayrisch: Dr. Josef ("Ochsensepp") Müller, erster Vorsitzer der CSU bis 1949 und auch später Vorkämpfer Ihres liberalen Flügels, wurde 1951, während seiner Amtszeit als bayrischer Justizminister, von Parteifreunden verdächtigt, er habe von einer jüdischen Wiedergutmachungsinstitution 40 000 Mark erhalten. Als lautester Ochsensepp-Ankläger trat sein erzkonservativer CSU-Feind Dr. Alois Hundhammer auf, der den Rücktritt des Ministers verlangte.
Josef Müller bestritt den Vorwurf, gab aber überraschend an, er habe im ersten Halbjahr 1950 vom Landesrabbiner Aaron Ohrenstein 20 000 Mark bekommen; im übrigen gedenke er nicht, über die Verwendung dieser Mittel Rechenschaft zu legen. Dazu konnte ihn die CSU denn auch nicht zwingen, wohl aber -- im Sommer 1952 -- ein Landtags-Untersuchungsausschuß, der gerade bayrische Wiedergutmachungs-Vorgänge filzte.
Zunächst verweigerte der Ochsensepp dem Gremium die Antwort; dann erklärte er, er habe die Ausgaben in einem Kontobuch vermerkt; schließlich, nach neuerlicher Ladung samt Kontobuch, erschien der Minister lediglich mit dem Ausdruck des Bedauerns: Die Notizen seien leider spurlos verschwunden. Damit war seine politische Laufbahn beendet.
Gewiß blieb nur, daß der Ochsensepp seiner eigenen Partei keinen Pfennig abgegeben hatte -- die ernährte sich auf andere Weise. So ließen beispielsweise zwei private Elektrizitätswerke der CSU 80 000 Mark als Anerkennung dafür zukommen, daß sie bei Bewertungen im Zusammenhang mit dem Lastenausgleich besonders niedrig veranschlagt worden waren.
Nur Durchschnitts-Honorar zahlte eine kaufmännisch interessierte Gruppe, der daran lag, daß ein "Süddeutsches Handelskontor" um 1950 aus amerikanischen Beständen 22 Millionen Tafeln "Hershey" und "Nestle"-Schokolade erwerben konnte. Da das Süßgut "verseift" war, gab es einige lebensmittelrechtliche Schwierigkeiten, die der damalige Bevollmächtigte des Landes Bayern beim Bund, Staatsrat Rattenhuber, gegen 6000 Spendenmark auszuräumen übernahm. Rattenhuber leistete erstklassige Arbeit, aber auf seinem Konto gingen lediglich 5000 Mark ein, die er prompt an die CSU-Spitze weiterleitete. Den fehlenden Tausender mahnte der Staatsrat sodann unbefangen auf offiziellen Briefbogen des Landes Bayern an.
Unter den Bayernpartei-Funktionären machte die CSU Immer wieder mühelos Proselyten:
* 1954 wechselte das MdL Franz Lippert, Papierwarenhändler im niederbayrischen Landshut, von der Bayernpartei zur CSU, kam für diese wieder in den Landtag und wurde nach angemessener Wartezeit für zwei Legislaturperioden Staatssekretär im Münchner Finanzministerium.
* 1963 offerierte der CSU-Staat dem niederbayrischen MdL Alfons Gaßner, stellvertretender Bayernpartei-Vorsitzender und Chef des niederbayrischen Bezirksverbandes. einen Posten in der staatlichen Lotterieverwaltung; Gaßner akzeptierte freudig und reihte sich einige Zeit darauf in die alleinseligmachende Partei ein.
* 1966 verließ auch Robert Wehgartner, vormals Bayernpartei-Landesvorsitzender, seine Mannschaft; ein halbes Jahr darauf war das CSU-Mitglied Wehgartner, von Haus aus Berufsbeamter, plötzlich leibhaftiger Präsident der bayrischen Versicherungskammer.
Zu einer Symbolfigur bayrischer Polit-Finanz wurde der Generalsekretär und Schatzmeister der CSU, Friedrich Zimmermann, der sich im Zusammenhang mit Spielbank-Eidesnöten zeitweilige "verminderte geistige Leistungsfähigkeit" attestieren ließ, Sofort nach seinem Freispruch ("Es kann keine Rede davon sein, daß die Unschuld des Angeklagten erwiesen wäre ... Er hat mit dem Feuer gespielt") übernahm Zimmermann ungeachtet seiner geistigen Schwierigkeiten den Aufsichtsratsvorsitz der Münchner Baufirma "Bayerische Union".
Sechs Jahre darauf ging das Unternehmen mit einem Millionen-Minus zu Lasten hauptsächlich kleiner Handwerker und Wohnungsbesitzer in Vergleich (Quote: 35 Prozent), aber bis heute ist nicht bekanntgeworden, für wen Zimmermann "als Treuhänder" einen Anteil von 25 Prozent am Firmenkapital hielt. Die CSU-Spitze schweigt darüber -- und sie hat bislang trotz Befürchtungen verschiedener Mitglieder, die Partei müsse auch für eine Rückbürgschaft aufkommen, die eine bayrische Bank auf Bitten Zimmermanns geleistet hatte, damit der Vergleich überhaupt bewältigt werden konnte, über diesen Punkt jede Aufklärung verweigert.
Generalsekretär Zimmermann war es auch, der Kontakt gehalten hatte zu einer Person, die der frommen Partei weltanschaulich nicht unbedingt nahestand: dem einstigen Fleischer, Fahrradverkäufer, Taxibesitzer, Schokolade- und Speiseeis-Händler, Fischbratstubeninhaber und weißblauen Spielbank-Pionier Karl Freisehner.
Freischners Bemühungen, in Bayern Roulett-Kasinos einzuführen, waren jahrelang gescheitert. 1854 kam in Bayern ein Anti-CSU-Kabinett zustande, alsbald klickten die Elfenbeinkugeln, und Freisehner kassierte aus Verträgen, Beteiligungen und komplizierten Transaktionen rund zwei Millionen Mark.
Als es für ihn nichts mehr zu verdienen gab, ging er, nach ausführlichen Konferenzen mit CSU-Persönlichkeiten, zur Staatsanwaltschaft und bezichtigte sich selber, dem damaligen Bayernpartei-Chef Josef Baumgartner Bargeld gegeben zu haben, und zwar im Zusammenhang mit der Einführung von Spielbanken in Bayern.
Zwar erwiesen sich von Freisehner vorgezeigte Baumgartner-Quittungen als "mit höchster Wahrscheinlichkeit"
Josef Baumgartner -- er starb noch vor Abschluß des Revisionsverfahrens -- hatte zwar von Freisehner kein Geld bekommen, wohl aber von einem anderen prominenten Bayern: dem Bank- und Latifundieneigentümer August von Finck. 1950 trat der Pepperl, Landwirtschaftsexperte seiner Bayernpartei, an den reichen Mann heran und bat um eine Spende. Finck gewährte 10 000 Mark, deklarierte sie pro forma als Kredit und ließ sie über ein drittes Konto anweisen.
Ende 1954, Im Anti-CSU-Kabinett, war Baumgartner Landwirtschaftsminister geworden. Alsbald nahm er sich der sogenannten bayrischen Bodenreform an: An die 400 Gutsbesitzer hatten Land zugunsten von Flüchtlingssiedlern abgeben sollen, aber sie sträubten sich nach Kräften. Baumgartner beschloß, den Komplex gütlich zu bereinigen und verfügte: Soweit in den noch strittigen Fällen Einigung herbeigeführt werden könnte, sollten den Grundherren bis zu 25 Prozent der vorgeschriebenen Abgaben erlassen werden -- ein Ukas, auf den sich dann auch August von Finck erfolgreich berief.
Baumgartners Erlaß datierte vom 23. November 1955, und es fügte sich, daß der Finck-Bank 1966, bei Durchprüfung einiger Konten, der von Baumgartner aufgenommene Kredit für die Bayernpartei in Höhe von 10 000 Mark nebst inzwischen angelaufenen 7800 Mark Zinsen auffiel. Die Bank verlangte das Geld zurück (und erhielt es auch), obwohl später ein Gericht feststellte, daß zwischen Bank und Bayernpartei stets Einmütigkeit darüber bestanden hatte, daß der sogenannte Kredit nicht zurückgezahlt zu werden brauchte. Ein Baumgartner-Anhänger: "Als der Pepperl seine Schuldigkeit getan hatte, wobei er sicherlich gar nicht an Finck dachte, war seine Partei nicht einmal mehr für eine 10 000-Mark-Spende gut genug"
Einem anderen bayrischen Parteichef, nämlich Franz Josef Strauß, steht unter Umständen noch eine besonders delikate Angelegenheit ins Haus. Mit parteifremden Geldern war Strauß schon frühzeitig in Berührung geraten: Ab 1951 stellte ihm eine "Volkswirtschaftliche Gesellschaft Bayern e. V." monatlich zunächst 3500, bald darauf 5000 Mark "als politischen Dispositionsfonds" zur Verfügung.
Ein Kontrollrecht über diese Mittel sahen die Volkswirtschaftler "für überflüssig" an (so 1965 ihr Vorsitzer, der Ex-Bundesatomminister Siegfried Balke). Strauß, der heute Karl Geldner dessen Beraterverträge vorwirft, kann geradezu als Erfinder des Beratungsvertrags für Abgeordnete gelten. Jahrelang Monatssaläre über jeweils mehrere hundert Mark bezog sogar noch der Minister Strauß von so unterschiedlichen Unternehmen wie dem "Landesverband der bayerischen Industrie e. V.", Fachrichtung Optik, der "Edeka" ("Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler") und dem "Münchner Merkur", dessen Herausgeber Felix Buttersack 1966 in einem Strauß-Prozeß gegen Rudolf Augstein von 1952 bis 1957 geleistete Zahlungen damit erklärte, Strauß habe "von bayrischen Verhältnissen sehr viel verstanden".
Richtig aber ins finanzielle Gerede geriet der CSU-Chef durch seinen Passauer Spezi Dr. Hans Kapfinger und dessen phantastische Fibag, deren Gesellschafter mit Hilfe einer Strauß-Empfehlung an den USA-Verteidigungsminister einige tausend Wohnungen für amerikanische Besatzer in der Bundesrepublik hochziehen wollten.
Der branchenfremde, aber mit Strauß befreundete Kapfinger wurde ohne jedes finanzielle Engagement und ohne jede Verpflichtung für ihn unter die Fibag-Kompagnons aufgenommen und rief: "Ein Bombengeschäft, ohne einen Pfennig zu investieren, ohne einen Pfennig zu riskieren!" Schade sei nur, daß er, Kapfinger, "mit ihm" teilen müsse.
Dieser Dativ blieb, vor einem Untersuchungsausschuß des Bundestags sowie zwei Landgerichten, bislang ungeklärt. Zwei Fibag-Gesellschafter bekundeten, Kapfinger habe damit Franz Josef Strauß gemeint, doch der Passauer behauptete vor allen drei Gremien das Gegenteil.
Nun soll er falls Psychiater und Psychologen der Universität Tübingen entsprechend gutachten (SPIEGEL 41/1970) -- wegen des Verdachts dreier uneidlicher vorsätzlicher Falschaussagen vor dem Landgericht Bonn auf der Anklagebank Platz nehmen. Die zuständige Staatsanwaltschaft ist sich ihrer Sache sicher -- aufgrund einer eidlichen Aussage von Helmut und Gisela Suck aus Landau an der Isar.
Auf dieses Ehepaar Suck stießen die Staatsanwälte erst 1966 und eher per Zufall -- zu einem Zeitpunkt, als eine Klärung der Fibag-Affäre schon als hoffnungslos galt. Die Sucks, vormals Geschäftsstellenleiter der Kapfingereigenen "Landauer Neuen Presse", erinnerten sich daran, wie ihr Dienstherr Im Frühjahr oder Sommer 1960 mit ihnen im örtlichen Gasthaus "Zur Post" speiste und dabei plauderte, er habe mit der Fibag das Geschäft seines Lebens gemacht und müsse mit Franz Josef Strauß teilen.
Einwände, die Kapfinger gegen die Sucks vorbrachte, betrachtet die Staatsanwaltschaft durchweg als unzutreffend. Ermittlungsführer Dr. Klemens Potthoff: Die Aussagen des Ehepaars seien "als glaubhaft und nicht widerlegt anzusehen".
Auch ohne die Aussagen des Ehepaars Suck hatte die Fibag-Affäre das politische Ansehen von Franz Josef Strauß ramponiert. Es darf seither öffentlich von ihm gesagt werden, er stehe im "Ruch der Korruption".
Nach diesen trüben Erfahrungen sollte nun im Fall Geldner nicht einmal ein Schein an Franz Josef Strauß hängenbleiben. Sechs Tage will Richard Stücklen das Geheimnis um die 400 000-Mark-Verträge gewahrt haben. Und Strauß behauptet: "Ich habe von diesen Verträgen nichts gewußt."
Derweil arbeitete Stücklen fieberhaft, den bevorstehenden Übertritt Geldners zur CSU vom Ruch der Korruption zu befreien. Als Geldner vier Tage nach der Hessenwahl, am 12. November um elf Uhr, wieder in Stücklens Büro auftauchte, überfiel ihn der sofort mit der Frage: "Was ist mit den Verträgen?" Geldner wich aus: Sie seien von der Gegenpartei gar nicht unterschrieben, mithin auch nicht gültig. Stücklen ließ sich auf nichts ein und beharrte: "Die Verträge müssen aus der Welt, sonst gibt es keinen Übertritt."
Jetzt wies Geldner darauf hin, daß er gar kein Exemplar besitze, die Verträge seien bei Mader hinterlegt. Als Geldner schließlich auf Stücklens Drängen bei Mader anrief und keine Verbindung bekam, übernahm es Stücklen, die Annullierung zu veranlassen. Sein Eifer wurde angestachelt durch ein Gerücht aus Düsseldorf, der FDP-loyale Wirtschaftsminister Riemer sei über "alle drei Verträge im Bild.
Noch rechtzeitig vor dem zweiten Termin um 17 Uhr, an dem Geldner seinen Übertritt endgültig zu Protokoll geben sollte, erreichte Hilfsadvokat Stücklen den NLA-Notar Mader in dem FDP-Stammlokal "Chez Ernesto" auf der Bad Godesberger Cäcilienhöhe.
Mader nahm den Stücklen-Wunsch entgegen, machte den Anrufer jedoch darauf aufmerksam, daß Geldner noch die Verwahrungsquittung besitze, die ihn jederzeit berechtige, von ihm, Mader, ein Vertragsexemplar anzufordern.
Als Geldner um 17 Uhr zum zweitenmal bei Stücklen erschien, fand er dort auch den bayrischen Amtsrichter a. D. Hermann Höcherl vor. Stücklen meldete Vollzug: "Karl, ich habe die Sache erledigt."
Dann ging er Geldner erneut an: "Aber wo ist die Verwahrungsquittung?" Geldner durchwühlte zum Schein seine Taschen und gab vor, das Dokument liege im Safe seines Büros. Stücklen hieß ihn die Quittung "vernichten und verbrennen".
Doch das verräterische Dokument lag längst im Safe des FDP-Fraktionsvorsitzenden Mischnick, den Geldner seit dem 6. November auch über das Geldgeschäft auf dem laufenden gehalten hatte.
Hastig legte der ahnungslose Stücklen nun die vier Dokumente aufs neue vor. Auf Geldners Bitte und entgegen der ursprünglichen Strauß-Planung, die für Geldner bestimmten Durchschriften bei Mader zu hinterlegen, händigte Stücklen dem vermeintlichen neuen Parteifreund die Dokumente aus.
Er fiel auf Geldners Vorschlag herein, die Papiere in ein Kuvert einzusiegeln. Geldners scheinheilige Begründung: Die Texte seien "bei einem bayrischen Notar noch besser aufgehoben als bei Mader". Statt dessen trug er das Kuvert zu FDP-Fraktionsgeschäftsführer Mertes.
So hatten die Freien Demokraten endlich Beweise in der Hand und konnten in Ruhe abwarten, bis Richard Stücklen den Geldner-Übertritt am Freitag, dem 13. November in Nürnberg öffentlich bekanntgab.
Nur Minuten später konterte Wolfgang Mischnick mit der Gegendarstellung, Geldner habe mit seiner und Wehners Zustimmung alles nur zum Schein getan, um CSU und NLA unsaubere Abwerbungstaktiken nachweisen zu können.
Bloßgestellt und der Lächerlichkeit preisgegeben, schlug Strauß grimmig auf seinen politischen Wunschfreund ein: "Die finanzielle Gier hat auf seinen Verstand abgefärbt."
Strauß und Stücklen streuten die Version aus, Geldner habe sich zumindest bis zum 6. November ernsthaft mit dem Gedanken an einen Übertritt getragen und Mischnick die Loyalität nur vorgespielt. Erst als Stücklen ihm das 400 000-Mark-Geschäft verdarb, sei er umgefallen und reumütig zur Regierungskoalition zurückgekehrt.
Sie begründeten ihren Anwurf gegen den "ehrlichen Handwerksmeister und aufrechten Demokraten" (Geldner über Geldner), dem die Spitzen der Koalitionsfraktionen ihre Reverenz erwiesen (Wehner: "Hut ab vor Herrn Geldner"), mit einer Zeit-Rechnung.
Ungeklärt blieb nämlich, ob Geldner nach dem Strauß-Termin am 6. November schlafen gegangen ist, wie Mader und Beyer sich erinnern, ob er -- wie die FDP meint -- sich zuerst Mischnick anvertraut hat oder ob er zuerst zu Stücklen gekommen ist. Das behauptet der CSU-Mann und schließt daraus, erst nach dem enttäuschenden Besuch bei ihm habe Geldner den Übertritt aufgegeben.
Vorsorglich mauerten die Geldner-Geschädigten den Kronzeugen der Koalition mit einstweiligen Verfügungen ein. Auf Antrag Beyers untersagte das Landgericht Arnsberg, auf Antrag der CSU die 17. Zivilkammer des Landgerichts München I Geldner-Behauptungen, die er aus Angst vor juristischen Fallen und auf Anraten des Bonner Kanzleranwalts Erich Schumann bis dahin nicht gewagt hatte: daß ein direkter Zusammenhang bestehe zwischen den NLA-Offerten und dem CSU-Werben um Geldner.
Zugleich zogen die Christsozialen angeblich gleichartige Fälle, die sich die FDP geleistet habe, aus der Schublade: Mit gutdotierten Posten hätten die regierenden Freidemokraten ihre Rechten Heinz Starke und Siegfried Zoglmann zur Aufgabe ihrer Bundestagsmandate bewegen wollen.
CSU-Vorwurf: Die Regierung habe Starke mit der 160 000-Mark-Position des Präsidenten der Staatlichen Kreditanstalt für Wiederaufbau und Zoglmann mit der Stelle eines beamteten Staatssekretärs für Vertriebene im Innenministerium aus dem Parlament locken wollen. In beiden Fällen wären zuverlässige Freidemokraten nachgerückt.
Die Offerte an Starke ist unbestritten, die Zoglmann-Behauptung zweifelhaft. Der Düsseldorfer Werbe-Kaufmann "hat sich nach Aussagen des FDP-Innenministers Genscher Hoffnung auf eine Stelle gemacht, "die es gar nicht gibt". Der Vertriebenen-Obmann im Genscher-Ministerium ist lediglich als Ministerialdirektor eingestuft.
Überdies ist das Wegloben lästig gewordener Partei-Fossilien alte Usance bei allen Parteien und mit der Lockung zum Überlaufen oder der Zusage eines Wahlmandats kaum vergleichbar.
Bösartig zog Strauß auch noch das Staatsoberhaupt in seine Verdächtigungskampagne hinein: "Ich bin überzeugt, der Heinemann hätte bestimmt seine Partei nie aufgelöst oder in die SPD übergeführt, wenn damit das Ende der politischen Wirksamkeit verbunden gewesen wäre*." Und: "Er soll ja, wie ich höre, Inzwischen Bundespräsident geworden sein."
In Gerhard Löwenthals ZDF-Magazin verstieg sich Strauß sogar zu der Rechnung: "Er hat doch in der Zwischenzeit zwei Bundestagsmandate bekommen und das Amt des Bundespräsidenten. Wenn Sie das alles zusammenzählen, dann kommt beinahe eine Million raus dabei." In Wahrheit hatte Heinemann bei Eintritt in die SPD kein Bundestagsmandat, und später erlangte er es wie andere Sozialdemokraten.
Am Ende der letzten beiden Bonner Skandal-Wochen gab es zwar keine Sieger und Besiegten, aber weniger und mehr Blamierte:
* Am wenigsten gerupft waren Mischnick und Wehner; sie können nun CSU und NLA unsaubere Abwerbungspraktiken beweisen und zugleich darauf hoffen, daß potentielle FDP-Dissidenten künftig wegen Scheu vor dem Korruptionsverdacht vor einem Parteiwechsel zurückschrecken. FDP-Vize Hans-Dietrich Genscher: "Die Tatsachen sprechen für sich."
* Am schwersten getroffen wurde die NLA, deren Bundesvorsitzender Siegfried Zoglmann seinen NRW-Schatzmeister Beyer sofort von seinem Amt suspendieren ließ; sie wird es nach dem Eklat schwer haben, politische Überzeugungstäter gewinnen und weitere Industriespenden kassieren zu können. Auch die Chancen für eine Bundes-NLA unter dem Namen "Deutsche Union" stehen schlechter denn je. Zoglmann: "Ich gründe doch keine Partei mit der Lötlampe. Welche Bank rückt jetzt noch was raus, wenn solche schlimmen Sachen passieren."
* Rundherum blamiert haben sich die CSU-Führer Strauß und Stücklen, die auf das Doppelspiel Geldners so bereitwillig eingegangen waren, daß sie sich nun gleichzeitig politischen Dilettantismus und Skrupellosigkeit vorwerfen lassen müssen. Strauß: "Wir werden uns bei der FDP künftig noch gründlicher erkundigen als bisher." --
Wie gründlich die CSU prüfen kann, zeigt ein älterer Fall versuchter Abwerbung. Schafkopf-Spieler Stücklen im letzten Sommer zu dem Kasseler Bauunternehmer und FDP-Bundestagsabgeordneten Richard Wurbs: "Du alter Hirsch, eh daß du zu uns kommst, mußt du erst noch Schafkopfen lernen."
* Gustav Heinemann hatte 1957 die von ihm gegründete Gesamtdeutsche Volkspartei (GVP) aufgelöst und war der SPD beigetreten.

DER SPIEGEL 48/1970
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