23.11.1970

INDUSTRIE / ROLLS-ROYCEHungrige Gesellschaft

Was die Regierung da gemacht hat", resümierte Anthony Wedgwood Benn, Londons Ex-Minister für Technologie, "bedeutet, eins der großen, weltweiten Unternehmen als lahme Ente zu brandmarken."
Die lahme Ente ist Rolls-Royce. Denn vorletzte Woche offenbarte Luftfahrtminister Frederick Corfield bestürzten Abgeordneten im britischen Unterhaus, daß Englands Prestige-Konzern (Flugzeugtriebwerke, Motoren, Automobile) nur noch mit einem Zuschuß von 526,8 Millionen Mark lebensfähig bleibt.
In der bislang größten Hilfsaktion für ein einzelnes Unternehmen müssen Britanniens Steuerzahler 368,8 Millionen Mark aufbringen. Privatbankiers der Londoner City legen noch einmal 158 Millionen Mark dazu.
Noch Ende Oktober hatten die RR-Manager In der City kursierende Gerüchte über eine schwere Finanz- und Liquiditätskrise mit der Beteuerung abzuwehren versucht: "Wir haben keinen unmittelbaren Geldmangel."
Jetzt mußten sie eingestehen, daß der Motoren- und Triebwerkgigant (über 80 000 Beschäftigte, 2,6 Milliarden Mark Umsatz, 582 Millionen Mark Aktienkapital) tief in die roten Zahlen treibt: In einem Halbjahresbericht über die Finanzlage des Unternehmens verkündete Rolls-Royce einen Verlust von 422,3 Millionen Mark.
Davon schreiben die Rolls-Royce-Bosse allein 307,3 Millionen Mark ihrem bisher größten Turbinen-Projekt zu, dem Triebwerk RB.211, das die Motoren-Männer für den dreistrahligen Airbus "Tristar" der amerikanischen Lockheed Aircraft Corporation entwickeln.
Die Kosten für diese Düse hatten die RR-Direktoren vor zwei Jahren noch auf 571 Millionen Mark geschätzt. Inzwischen aber stiegen sie auf fast 1,2 Milliarden Mark.
Da die Turbinenbauer den Lieferpreis des Triebwerks auf Grundlage der niedrigeren Schätzungen kalkuliert hatten, bleiben die höheren Kosten bei ihnen hängen. Sie verkaufen daher in den nächsten fünf Jahren 600 bestellte RB. 211-Triebwerke mit Verlust.
Angesichts dieser trüben Aussichten knüpften Londons Regierung und Finanzmagnaten ihre gemeinsame Stützungsaktion für die angeschlagene "geldhungrige Gesellschaft" ("International Herald Tribune") an harsche Bedingungen.
So mußte Rolls-Royce-Chef Sir Denning Pearson, 62, zurücktreten. Er soll den Konzern künftig nur noch beraten. Pearsons Job als Aufsichtsratsvorsitzender übernahm Lord Cole, 64, bis vor kurzem Unilever-Chef -- "eine der größten Überraschungen der letzten Jahre" -- so die "Times". Mit Denning Pearson nahm auch Sir David Huddie, 54, Chef der Flugmotoren-Abteilung, "aus Gesundheitsgründen" den Hut. Künftig will Londons Regierung mindestens einen der Direktorensessel mit einem eigenen Mann besetzen. Außerdem schickt die Regierung Rechnungsprüfer in die Direktionsetagen von Rolls-Royce.
An die Spitze der Geschäftsleitung jedoch tritt ein Ausschuß von vier Geschäftsführern, unter ihnen ein Vertreter der Industrial Reorganization Corporation. Jene staatliche Finanzierungsgesellschaft, die Premier Edward Heath jetzt auflösen will, hatte bis zum Sommer dieses Jahres 412,7 Millionen Mark bei RR vorgeschossen.
Als Gegenleistung für die Regierungshilfe mußte sich Rolls-Royce nun verpflichten, "angemessene Abgaben" (Luftfahrtminister Corfield) auf alle Triebwerkverkäufe an den Staat zu zahlen. Die Aktionäre schockte das RR-Management mit einer rigorosen Dividendenkürzung (Dividende im letzten Jahr: sechs Prozent). Der Kurs der Aktien sackte daraufhin auf einen neuen Tiefstand von 3,62 Mark. Der Marktwert des Konzerns fiel damit um 88 Millionen Mark.
Manche Experten zweifeln, ob sich Rolls-Royce allein überhaupt noch unter den großen Drei im Triebwerkbau -- neben den Briten die US-Giganten Pratt & Whitney und General Electric -- wird halten können. Sie rechnen für Rolls-Royce eine profitablere Zukunft nur in einem größeren europäischen Verbund aus, etwa mit Westdeutschlands Motoren- und Turbinen-Union und Frankreichs Snecma und Turbomeca.
Daß ihr Gelddurst womöglich auch mit der jüngsten Kreditspritze noch immer nicht gestillt ist, gaben die Rolls-Royce-Herren inzwischen schon zu erkennen. Für den Fall, daß Großbritannien an dem Airbus-Projekt BAC 3-11 (dem Rivalen des kontinentaleuropäischen Vorhabens A 300 B) festhalte, so ließen sie verlauten, "müssen zusätzliche Abmachungen getroffen werden. Denn für die BAC 3-11 will Rolls-Royce die Triebwerke liefern.
Der voraussichtliche zusätzliche Kapitalbedarf hierfür: noch einmal über 520 Millionen Mark.

DER SPIEGEL 48/1970
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