02.11.1970

WAHLEN / HESSENDavid ohne

In Nordhessen -- zwischen den Hügeln des Rothaargebirges und dem Knüll, rings um die Edertalsperre -- fällt die Entscheidung. Weit ab von Ballungszentren, in nordhessischen Kleinstädten und Fachwerkdörfern, wo die Schwalm-Bäuerinnen noch im Plusterrock und mit schwarzem Umschlagtuch zur Kirche gehen, steht am nächsten Sonntag auf dem Spiel, was in Bonn am Rhein geschieht -- oder doch geschehen könnte.
Wenn sich bei der bevorstehenden hessischen Landtagswahl die in Nordhessen besonders zahlreichen FDP-Anhänger national-konservativen Gepräges von ihrer angestammten Partei abkehren, dann ist die Rückkehr der Liberalen in den hessischen Landtag fraglich.
Wird die FDP aber in Hessen ausgeflippt, dann könnte auch die SPD! FDP-Koalition in Bonn zerbrechen. Vier weitere enttäuschte oder frustrierte FDP-Abgeordnete, die sich wie Erich Mende von der Partei trennen würden, reichten hin für das Ende der sozialliberalen Ära.
Das Menetekel könnte ausgerechnet aus Hessen kommen, aus einem Bundesland besonderer politischer Stabilität, das nach nunmehr fünfundzwanzigjähriger SPD-Vorherrschaft die stärkste Steuerkraft (2629 Mark je Einwohner) und das höchste Brutto-Sozialprodukt (10 620 Mark je Einwohner) aller Flächenstaaten in der Bundesrepublik aufweist, zudem das fortschrittlichste Schulsystem -- mit den meisten Abiturienten, mit den wenigsten Zwergschulen -- und ein wegweisendes gesundheitspolitisches Konzept, wie es sich im Projekt des ersten bundesdeutschen klassenlosen Krankenhauses (in Hanau) exemplifiziert. Eine Woche vor der Wahl stellt sich die politische Konstellation in diesem Bundesland so dar:
* Die SPD bangt um ihre absolute Mehrheit im Landtag (jetzt 51 Stimmprozente, 52 von 96 Parlamentsmandaten), trotz der optimistischen Parolen ihres Ministerpräsidenten Albert Osswald ("Hessen immer einen Schritt voraus").
* Die CDU rechnet damit, aus dem "Minderheiten-Getto" von jetzt 26,4 Prozent (26 Sitze) -- so der stellvertretende hessische Landesvorsitzende Dr. Christian Schwarz-Schilling -- heraus- und an das Ergebnis der letzten Bundestagswahl (38,4 Prozent) heranzukommen (CDU-Landesleiter Dr. Alfred Dregger: "Die SPD hat abgewirtschaftet").
* Die FDP hofft, von ihren jetzt 10,4 Prozent (zehn Sitze) wenigstens so viel zu behalten, daß der Einzug in den Landtag gesichert und womöglich -- so der um Parteiprofilierung bemühte hessische FDP-Landesvorsitzende Wolfgang Mischnick -- "eine erneute Alleinherrschaft der Sozialdemokraten verhindert wird".
* Die NPD, die dank ihrer 7,9 Prozent Stimmanteil bei der Landtagswahl von 1966 acht Sitze im Wiesbadener Schloß belegte, ist seit den Ordnerschüssen von Kassel, seit dem Verdammungsurteil eines Landtags-Untersuchungsausschusses ("NPD-Ordnerdienst verfassungswidrig") und wegen innerparteilicher Macht- und Richtungskämpfe auf Exodus und Exitus eingestellt. Daß die SPD auch bei erheblichen Stimmenverlusten stärkste Partei in Hessen bleibt, erscheint genauso sicher wie ein Zugewinn der CDU (gemessen an den letzten Landtagswahlen). Die gewisse Ungewißheit schafft die FDP, die sich mit kernigen Sprüchen * Mit Walter Scheel; In Kassel.
("Wählen Sie das Hirn, nicht das Sitzfleisch") wie populären Verheißungen ("Wir zwingen Vater Staat aus dem Schlafzimmer raus") um Provinz-· Profil bemüht und auch gegen "sozialistische Experimente" jener Partei stänkert, mit der sie nach der Landtagswahl gern ins Regierungsbett steigen möchte.
Bereits vier Monate vor dem Wahltermin diente sich die Hessen-FDP im Versailles-Zimmer der Kongreßhalle zu Gießen, wo sonst Hochzeiten gefeiert werden, durch offiziellen Beschluß ihres Landeshauptausschusses der SPD als Koalitionspartner an. Der vorwiegend in Bonn -- als Fraktionsvorsitzender im Bundestag -- tätige FDP-Landeschef Mischnick rechtfertigte den Antrag so: "Die FDP ist eine moderne Partei, die SPD ist relativ modern, die CDU ist unmodern."
Trotz solchen -- wie Herbert Wehner sagen könnte -- Schnickschnacks ist just Mischnick, den selbst Parteifreunde als "Erfinder der Farblosigkeit" bewitzeln, aus hessischer Optik eine besonders schwache Bastion des dünnen liberalen Limes von Trendelburg im Norden bis Hinterbach im Süden. Der zwischen Bonn und Frankfurt pendelnde Sachse Mischnick figuriert als Nummer 1 der FDP in Hessen wohl nur deshalb, weil der Landesverband seit eh und je eines so auslegenden FDP-Politikers wie Willi Weyer (Nordrhein-Westfalen) entraten muß.
Der zweite Mann der hessischen FDP, der Textil-Großhändler Heinz Herbert Karry, 50, wirbt von Dialekt und Statur her eher als ein Babba Hesselbach um Wählergunst. Um sich und die FDP-Fraktion im Hessenland populär zu machen, bereiste Karry mit seinen neun Landtags-Liberalen während der Sommerpause mehrere Wochen lang Städte und Dörfer. In 42 öffentlichen Arbeitssitzungen diskutierte das "Häuflein der zehn Aufrechten" ("Wiesbadener Kurier") mit Bauern und Bürgermeistern, mit Stadträten und Studenten, mit Hausfrauen und Hilfsarbeitern.
Nach der Rückkehr von der Kreuz- und-Quer-Fahrt zog Karry eine Schreckensbilanz: "Drama der Gemeindezusammenschlüsse", "katastrophale Verhältnisse auf dem Gebiet des Kindergartenwesens", "Vernachlässigung des Fremdenverkehrs". Quintessenz: "Die Landesregierung regiert nicht, sie verwaltet Mißstände. Wir sind die bestinformierte Fraktion."
Die SPD zeigte volles Verständnis. Ein Osswald-Genosse aus der Staatskanzlei in Wiesbaden: "Herr Karry gehört Gott sei Dank zu den Leuten, die das Wasser nicht halten können."
Freidemokrat Karry, dem FDP-Wahlkampfleiter Zeiss einen "beachtlichen Bekanntheitsgrad" bescheinigt, vermag freilich instinktsicher zu reagieren, wenn die FDP in politische Balanceschwierigkeiten gerät. Als mancher Freidemokrat nach den drei Pleite-Wahlen im Juni (Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Saar) kopflos und CDU-hörig zu werden drohte, packte Karry seine Parteifreunde am Portepee: "Diese Durststrecke müssen wir durchstehen."
Als liberaler Ehren- und Biedermann drängte Karry den IOS-Liberalen Erich Mende -- beim FDP-Bundesparteitag in Bonn -- ins Abseits: "Ich habe Sie immer für einen Ehrenmann gehalten, aber das sind Sie nicht mehr." Und nachdem Mende und seine Gesinnungskameraden dann im Oktober fahnenflüchtig geworden waren, rief ihnen Karry nach: "Daß Mende und Zoglmann abgewirtschaftet hatten, das wußten wir alle."
Karrys nordhessischer Fraktions- und Vorstandskollege Heinrich Kohl, Landrat in Frankenberg und gleichfalls Mischnick-Stellvertreter, enthielt sich solch prononcierter Äußerungen zum Uni-Fall Mende. Der ehemalige Jagdflieger verhalf der hessischen FDP im Wahlkreis 10 zu einem der höchsten Stimmenanteile (1966: 22,4 Prozent). Und womöglich kann nur ein Politiker vom bürgerlich-konservativen Zuschnitt des gelernten Juristen Kohl im Edertal als Staudamm gegen den Abfluß rechtsliberaler Wähler wirken, die jüngst der eigens dazu angereiste Franz Josef Strauß umwarb und die von der unlängst auch in Hessen gegründeten National-Liberalen Aktion (NLA) der CDU zugetrieben werden.
Der NLA-Bundesvorsitzende Siegfried Zoglmann und der hessische NLA-Führer Udo Ströher, 31, zu dessen Landesverband bislang freilich erst drei FDP-Mitglieder übergelaufen sind, forderten ihre Anhänger öffentlich auf, CDU zu wählen. CDU-Chef Dregget lieferte das Echo: "Wir sind die demokratische Sammlung für soziale, liberale und nationale Politik" -- einleuchtende Selbsteinschätzung einer Partei, die nach kurzer Regierungsmitbeteiligung von 1946 bis 1950 zwanzig Jahre lang als Mini-Opposition in Hessen dahindämmerte und ihre permanenten Personalsorgen erst Ende 1967 durch die Wahl eines neuen Führungs-Kollektivs in den Griff bekam.
Dazu gehören: Fuldas Oberbürgermeister Alfred Dregger (Ex-Panzerkommandant, Verwaltungsexperte, Putten- und Madonnensammler), Christian Schwarz-Schilling aus Büdingen (Akku-Fabrikant, Sinologe), der Kronberger Versicherungskaufmann Walther Leisler Kiep, der als nahezu liberal eingeschätzte Entwicklungshilfe-Experte der Bonner CDU-Fraktion.
Einer aus der CDU-Führungsmannschaft, der Marburger Landrichter Dr. Walter Wallmann, konturiert sich als politischer Rechtsaußen, der den Nationaldemokraten und dem in Hessen früher erfolgreichen BHE Anhänger wegzuschnappen sucht.
Die CDU-Spitzenmannschaft, die sich auf blaustichigen Plakaten in Django-Manier und in der Killer-Pose der "Glorreichen Sieben" von Hollywood darbietet (Wahlparole: "Wir kommen"), bemüht sich, mit einem Programm von "25 Schritten in die Zukunft Hessens" den Vorsprung der Regierungspartei aufzuholen und "der Selbstgefälligkeit, der rigorosen Machtausüburig, der Parteibuchwirtschaft und dem sozialistischen Dogmatismus der SPD konsequent und mutig entgegenzutreten
Was die hessische CDU als Konzeption für Schul- und Universitätsplanung, für Wohnungs- und Gesundheitsvorsorge, für Verwaltungs- und Verkehrsreform anbietet, wird von der SPD als Augenwischerei der "ewigen Neinsager" (Osswald) abgetan. Und es scheint, als tue sich die CDU schwer gegen das von der Regierung Osswald in Gestalt von bebilderten Einzelplänen jedes Ressorts -- Gesamtgewicht: elf Kilo -- vorgelegte Zukunftsprogramm "Hessen 80" Sturm zu laufen.
Dabei böte der sozialistische Schweden-Punsch durchaus Anlaß zu Kritik, vor allem hinsichtlich der Finanzierung und Terminierung. Der in der Bundesrepublik einmalige Projekt-Katalog, der auf dem "Großen Hessenplan" des langjährigen SPD-Ministerpräsidenten Georg August Zinn aufbaut, verheißt Hessens Bürgern mehr Naturparks und Badeseen, verdoppelten Wohlstand und sichere Arbeitsplätze, einen Gesamtschul-Boom und kostenlose Vorsorgeuntersuchungen -- kurzum, soziale Sorge von der Wiege bis zur Bahre.
Ministerpräsident Osswald: "Ein Hessen als Schweden der Bundesrepublik kommt meinen Überlegungen zumindest in der Daseinsvorsorge für die Bürger schon sehr nahe." Oppositions-Lautsprecher Wallmann: "Die Auseinandersetzung mit der SPD ist heute weithin eine Auseinandersetzung um den Sozialismus marxistischer Prägung." Wallmann bezichtigte denn auch Teile der SPD, nicht mehr "auf dem Boden "des demokratischen Rechtsstaates" zu stehen.
Die FDP gibt sich derweil betont fröhlich. Grund zur Hoffnung sehen die Freidemokraten in Bürgerkomitees, die sich aus Sorge um den Bestand der Bonner Koalition und ihre Gefährdung bei einem Scheitern der FDP vielerorts konstituiert haben.
Ihre wichtigste Zielgruppe sehen die Komitees, die linken Mitgliedern der um die absolute Mehrheit bangenden Hessen-SPD nicht gerade recht sind, in bisherigen SPD-Wählern, die nun zum Votum für die sieche FDP animiert werden sollen -- etwa mit dem Slogan: "Mende macht es möglich! Jetzt kann man F.D.P. wählen!" (so eine Anzeige in der "Frankfurter Rundschau").
Die FDP selber wirbt auf ihren Plakaten mit dem Bild zweier biblischer Figuren und mit einer Aufforderung: "Wählt David -- Goliath schläft."
Auf der Zeichnung des kleinen David haben die FDP-Wahlkämpfer ein Detail vergessen: seine einzige Waffe, die Schleuder.

DER SPIEGEL 45/1970
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 45/1970
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

WAHLEN / HESSEN:
David ohne

  • Korallenforscherin Verena Schoepf: Im Wettlauf gegen den Klimawandel
  • Aufregender Trip: Kajak-Tour durch leuchtendes Wasser
  • Künstliche Welle: Profitour kommt zur Surf Ranch in Kalifornien
  • Höchstes Wohnhaus der Welt: Helles Zimmer mit Aussicht - aber teuer