02.11.1970

UNTERNEHMEN / ROLLS-ROYCEHöchst ungewöhnlich

"Eher früher als später", prophezeite vor drei Monaten der Londoner "Economist" dem britischen Motorenbauer Rolls-Royce Ltd., "gibt es eine neue Liquiditätskrise."
Damals hatten sich die HR-Manager mit Hilfe einer staatlichen Kreditspritze von 176 Millionen Mark angeschickt, die Finanzen neu zu ordnen. Jetzt taumelt Englands Prestige-Konzern (Flugzeugtriebwerke, Motoren, Automobile) schon wieder am Rande einer finanziellen Krise.
In der vorletzten Woche ging Sir Leslie O'Brien, Gouverneur der Bank von England, in einer "höchst ungewöhnlichen Stimmenwerbung" (The Times") Privatbankiers und Finanzmagnaten der Londoner City um eine neue Rolls-Royce-Finanzhilfe an, diesmal in Höhe von 263 Millionen Mark.
Der Bittgang des obersten britischen Bankiers offenbart das Ausmaß der finanziellen Misere der Motor-Männer. Denn "ohne Sir Leslies Prestige und gewaltigen Einfluß", so der "Economist" " wäre es heute für Holls-Royce "so gut wie unmöglich, Geld aufzunehmen".
Tatsächlich steht HR bei Englands Geldgebern nur noch niedrig im Kurs, seit der Motoren- und Triebwerkgigant (über 80 000 Beschäftigte, 2,6 Milliarden Mark Jahresumsatz) immer mehr im Abwind trudelt.
Im letzten Jahr sanken die Profite auf 56,2 Millionen Mark nach 139,7 Millionen Mark im Jahr zuvor. Die HR-Aktie -- lange Zeit begehrtes Spekulationsobjekt -- sackte vorige Woche auf 4,55 Mark -- den niedrigsten Stand aller Zeiten. Für dieses Jahr erwartet Rolls-Royce-Chef Sir Denning Pearson "eine weitere Gewinnschmälerung".
In die Klemme geriet Englands Renommier-Unternehmen, das durch seine Prestige-Karossen weltberühmt wurde, aus technischem Übermut. So setzte Holls-Hoyce seine Ingenieure auf immer neue und kostspielige Entwicklungsprojekte an, ohne sie aus den Gewinnen der ausgereiften Produktion finanzieren zu können.
Selbst in seiner gegenwärtigen Finanz-Not entwickelt HR neun verschiedene Antriebsaggregate für Flugzeuge -- mehr, als es sich irgendein amerikanischer Triebwerkbauer vergleichbarer Größe leisten würde. Ergebnis des Ehrgeizes: Bei Holls-Hoyce wird heute "kein Triebwerk ohne Pein entwickelt" ("The Economist").
Bei ihrem bislang größten Turbinen-Objekt beispielsweise, dem Triebwerk HB. 211 für den dreistrahligen Airbus "Tristar" der amerikanischen Lockheed Aircraft Corporation, mußten die Rolls-Royce-Bosse eingestehen, daß die Entwicklung "schwieriger als ursprünglich angenommen" (Pearson) ist. Höher als ursprünglich geschätzt sind auch die Kosten: Statt 615 Millionen Mark voraussichtlich über 870 Millionen Mark.
Davon hat Rolls-Royce laut einem Vertrag mit der Regierung zwar nur etwa die Hälfte -- 450 Millionen Mark -- zu tragen (die andere Hälfte schießt London aus Steuermitteln zu). Aber auch diese Ausgaben sind für Rolls-Royce kaum noch erschwinglich. Sir Denning legte daher der Regierung nahe, noch einmal 527 Millionen Mark für die Version Dash 61 des HB.-211-Triebwerks zuzuschießen, die von den Motorenbauern für den britischen Airbus HAG 3-11 geplant wurde.
Frankreich, die Bundesrepublik und Holland indes trugen den Briten an, auf den Airbus-Rivalen BAC 3-11 zu verzichten und sich wieder an dem europäischen Airbus-Projekt A 300 B zu beteiligen. Aus diesem Gemeinschaftsvorhaben waren die Engländer vor zwei Jahren ausgeschert.
Jetzt erkannte die "Financial Times", ein Verzicht auf Dash 61 wäre wahrscheinlich vollends "verheerend für Rolls-Royce". Und obgleich sich die kontinentaleuropäischen Partner bereit zeigten, womöglich 176 bis 263 Millionen Mark zugunsten von RR-Triebwerken zu berappen, verkündete der Londoner "Observer" gar: "Die Franzosen sind entschlossen, die britische Flugzeugindustrie abzuschlachten." Denn bei dem Gemeinschaftsprojekt seien es Frankreichs Industrielle, "die den Ton angeben".
Dagegen suchten die Rolls-Royce-Manager die derart aufgeheizte Krisen-Stimmung zu dämpfen: "Wir haben keinen unmittelbaren Geldmangel", ließen sie verlauten. Aber:" Gespräche werden geführt über unseren künftigen Bedarf."
Wie hoch der sein dürfte, wußte die "Financial Times" zu berichten: "Die 263 Millionen Mark (für die Bankgouverneur Leslie O'Brien werbend durch die City zog) sind wahrscheinlich nur ein Drittel des gesamten Kapitalbedarfs von Rolls-Royce."

DER SPIEGEL 45/1970
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