02.11.1970

GESTORBENRENÉ SCHNEIDER

RENÉ SCHNEIDER, 56. "Sein Respekt für die Verfassung kostete ihn das Lehen", sagte Chiles neuer Präsident Salvador Allende nach der Ermordung des chilenischen Armee-Oberbefehlshabers. 48 Stunden vor der Präsidentenwahl im chilenischen Kongreß hatten Rechtsextremisten am vorletzten Donnerstag General Schneider durch mehrere Schüsse aus einer automatischen Pistole schwer verletzt. Die Attentäter hofften, einen Putsch der -- seit 38 Jahren loyalen -- chilenischen Armee provozieren und damit den Machtantritt des Marxisten Allende verhindern zu können. Der deutschstämmige General, vor einem Jahr zum Oberkommandierenden bestellt, stand ihren Umsturzplänen im Weg, denn er hatte zugesichert, daß die Armee auch bei diesen Wahlen den "Spruch der Urnen" respektieren werde, wer auch immer gewinne. Am vorletzten Sonntag erlag Schneider im Militärhospital von Santiago seinen Verletzungen -- das Attentat freilich schien die Militärs eher in ihrer Loyalität bestärkt zu haben: Präsident Allende wurde ohne Zwischenfälle gewählt.
JOAQUIM CÁMARA FERREIRA, 57. Der brasilianische Guerilla-Führer organisierte das erste Polit-Kidnapping eines ausländischen Diplomaten in Brasilien: Im September vergangenen Jahres entführten von ihm ausgesuchte Revolutionäre den "US-Botschafter in Rio de Janeiro, Charles Burke Elbrick, der später im Austausch gegen 15 politische Häftlinge wieder freigelassen wurde. Gemeinsam mit Carlos Marighela, dem Verfasser eines "Handbuchs der Stadtguerrilleros", hatte Ferreira eine der wichtigsten Widerstandsgruppen gegen Brasiliens Militärregierung organisiert -- die "Aktion für die Nationale Befreiung" (ALN). Kampfgefährte Marighela wurde vor einem Jahr in einem Hinterhalt von der Polizei erschossen, und auch Ferreira -- verraten von einem gefangenen Genossen -- geriet in eine Polizisten-Falle. Dabei "erlag er", so die offizielle Version, "einem Herzschlag". Das Greifkommando befehligte ein Mann, gegen den bereits ein Ermittlungsverfahren läuft: Sergio Fleury, Kommissar der politischen Polizei von Säo Paulo. Er gilt als einer der Gründer und Leiter der "Todesschwadron", einer Vereinigung von Polizisten, die in ihrer Freizeit Lynchjustiz betreiben.
RICHARD HOFSTADTER, 54. Der Professor für amerikanische Geschichte an der New Yorker Columbia-Universität, zweimaliger Pulitzer-Preis-Träger und Autor von 13 Büchern, gehörte zu den seltenen Geschichtsschreibern, die Beschäftigung mit der Vergangenheit als Bewältigung der Gegenwart verstehen. Hofstadter bewegte sich bewußt in dem Grenzgebiet zwischen politischer Historie und Soziologie, weil nach seiner Auffassung vor allem in der Sozialgeschichte Amerikas die Urgründe für die Malaise der heutigen US-Gesellschaft zu finden sind Er schrieb grundlegende Werke über die Ursachen amerikanischen Fehlverhaltens: In einem Buch über den "paranoiden Stil amerikanischer Politik" entlarvte Hofstadter die pseudokonservativen Bewegungen eines McCarthy oder Goldwater als Produkte sozialer Wurzellosigkeit und Status-Rangelei, die gerade die Minderheiten aller Art für den reaktionären Chauvinismus besonders anfällig machen; in einer Studie über den "Anti-Intellektualismus im amerikanischen Leben" diagnostizierte er die Geistfeindlichkeit der US-Gesellschaft, nicht ohne freilich den Intellektuellen vorzuwerfen, daß sie "in unserer politischen Geschichte meist die Rolle eines Außenseiters, Dieners oder Sündenbocks gespielt haben". Der Intellektuelle Amerikas, so die These Hofstadters, sei selber zum Teil dem Anti-Intellektualismus verfallen, weil er allzusehr dem Dogma der Anpassung und des Mittuns gefolgt sei. Hofstadter starb an Leukämie in einem New Yorker Krankenhaus.
GEORGE SMITH, 65. Die Londoner "Times" nannte ihn einen "Spionefänger ohnegleichen", die Queen zeichnete ihn mit der Polizeimedaille aus, und selbst FBI-Chef Hoover sandte ihm einen überschwenglichen Dankesbrief. Doch Smith -- Superintendent und Leiter der gefürchteten Sonderabteilung von Scotland Yard -- blieb immer zurückhaltend und ein Meister des Understatement. Der große Unauffällige entlarvte Klaus Fuchs, brachte den Atomspion Nunn May hinter Gitter, verhaftete den Admiralitäts-Beamten John Vassall, hob den Spionagering des sowjetischen Meisteragenten Gordon Lonsdale aus. Selbst monatelange Tag-und-Nacht-Jagd konnte ihn nicht zu theatralischen Gesten verführen. Als er endlich Lonsdale (Smith: "Ein liebenswerter Kerl") festnehmen konnte, ging er freundlich auf ihn zu, klopfte ihm auf die Schulter und sagte: "It's Scotland Yard for you, my lad." Smith, seit 1964 im Ruhestand, überlebte sein prominentestes Jagdopfer nicht lange: Zwei Wochen nach Lonsdales Tod starb er im englischen Kurort Bath -- am gleichen Leiden: Herzschwäche.

DER SPIEGEL 45/1970
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RENÉ SCHNEIDER

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