14.02.1948

TheaterChinesische Legende

Albrecht Haushofer hat seine "Chinesische Legende" 1943 Heinz Dietrich Kenter anvertraut, dem heutigen Göttinger Schauspieldirektor. Nun wurde die späte Uraufführung zum Gedenken an den noch in den letzten Kriegstagen in Moabit Ermordeten.
Freunde und Verehrer Haushofers hatten sich in Göttingen zusammengefunden. In einer Gedenkstunde gab der niedersächsische Kultusminister Adolf Grimme die Stiftung eines Albrecht-Haushofer-Stipendiums aus staatlichen Mitteln und privaten Spenden bekannt, für Studenten bestimmt, in deren Arbeiten Haushofers Geist wirkt.
Der Göttinger Physiker Prof. von Weizsäcker sprach über seinen Freund Albrecht Haushofer, den Wissenschaftler, Politiker und Dichter. Er war ein Mensch von äußeren Gegensätzen, sein Leben war reich an scheinbaren Widersprüchen. "Elefant" nannten ihn die Freunde manchmal, seiner mächtigen Erscheinung wegen und wegen seines festen Charakters, der ihn treu in der Freundschaft, beständig im Haß sein ließ.
Der Geopolitiker, der an allen Orten der Erde zu Haus war, hatte hoch über den Dächern von Berlin seine Dienstwohnung, zu der nur eine schmale Wendeltreppe führte, in einem Hause der Wilhelmstraße, mitten im Zentrum einer von ihm gehaßten und von ihm bekämpften Staatsführung.
Der Sohn Karl Haushofers*) fiel als einer der letzten Opfer der Diktatur. In der Hand des Toten fand man die "Moabiter Sonette".
Die "Chinesische Legende" ist nicht das einzige Bühnenwerk Albrecht Haushofers. In seiner "Römischen Trilogie" gestaltet er das Schicksal der großen Machthaber Scipio, Sulla und Augustus, in seinen "Diadochen" das des großen Alexander. Stets diente ihm die Geschichte als Spiegel der Gegenwart.
Die "Chinesische Legende" faßt Zeitkritik und Aufruf zur Wandlung in das Gewand eines ostasiatischen Märchens. Korruption und Verbrechen der Staatsführer haben das Volk der gelben Erde bis an den Abgrund geführt. Rettung kommt aus der Kraft reiner Menschlichkeit. Toleranz und Humanismus sind die tragenden Ideen dieses Gleichnisses aus östlicher Weisheit und europäischer Aktualität.
Haushofer macht in dieser "dramatischen Dichtung in 12 Verwandlungen" der Bühnenwirksamkeit keine Zugeständnisse. Seine Gestalten mit ihrer sehr gedankenreichen Sprache verkörpern Ideen. Die Göttinger Inszenierung entschied sich nicht eindeutig für Legende oder Allegorie. Heinz Dietrich Kenter spielte das Stück zum Teil als stilisierte Chinoiserie, mit Trippelschritten und offenen Verwandlungen, zum Teil als naturalistische Staatsaktion.

DER SPIEGEL 7/1948
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