07.02.1948

Unbedingt notwendig

Der Soldat, der in die Schlacht geht, weiß, daß er töten muß, aber er hat es mit einem gleichbewaffneten Gegner zu tun. Sie aber gingen, um wehrlose Leute zu erschießen. Hatten Sie dabei keine Zweifel über die moralische Berechtigung?" Das fragte Präsident Musmanno vom Militärgericht 2 in Nürnberg den Hauptangeklagten Otto Ohlendorf im Prozeß gegen die SS-Einsatzgruppen am 6. Oktober.
Der Präsident gab ein Beispiel: "Wir wollen annehmen, daß der Befehl gelautet hätte - und ich beabsichtige mit dieser Frage keine Beleidigung - Sie sollten Ihre Schwester töten. Würden Sie diesen Befehl nicht instinktiv moralisch verurteilt haben?" Ohlendorf, der zwei Brüder und eine Schwester hat, nannte diese Frage frivol. Der Präsident erläuterte weiter:
"Sie gaben zu, daß ein solcher Vorschlag in normalen Zeiten unglaublich und untragbar wäre. Sie behaupten jedoch, daß die Umstände damals nicht normal gewesen seien, und daß Sie deshalb etwas, das sonst mit Entsetzen aufgenommen werde, in solchen Zeiten als normale Ausführung einer Pflicht betrachten müßten." Ohlendorf gab nun seine Antwort: "Wenn diese Forderung unter den gleichen Voraussetzungen an mich gestellt worden wäre, d. h. im Rahmen eines mehr als militärischen, unbedingt notwendigen Befehls, dann hätte ich diesen Befehl erfüllt!"
Am 15. September 1947 wurde der Prozeß gegen die Einsatzgruppen in Nürnberg eröffnet. Viereinhalb Monate später, am 41. Geburtstag seines Mandanten, am 4. Febr. 48, begann Dr. Rudolf Aschenauer das abschließende Verteidigungsplädoyer für den ehemaligen SS-General und Kommandeur der Einsatzgruppe D, Otto Ohlendorf. Nicht weniger als 147 Schreibmaschinenseiten umfaßt dieses Plädoyer für den Mann, der im Laufe des Prozesses offen zugab, daß während seines zweieinhalb-jährigen Aufenthaltes in Südrußland an die 90000 Menschen durch seine SS-Einheit hingerichtet wurden.
Dieser Verbrecher ganz großen Stils ist ein sympathisch aussehender Mann. Mittelgroß, schlank, mit braunem rechtsgescheiteltem Haar, sitzt er auf dem ersten Platz in der Anklagebank. Sein Gesicht ist blaß, Mund und Nase sind scharf geschnitten, die hohe Stirn läßt überdurchschnittliche Intelligenz vermuten. Sie wurde schon amtlich festgestellt. Im Ergebnis einer im Nürnberger Justiz-Palast von den Amerikanern durchgeführten Intelligenzprüfung stand der hannoversche Bauernsohn zusammen mit Schacht an der Spitze aller Prüflinge.
Auch auf der Anklagebank im Gerichtssaal bleibt er der unumstrittene Führer seiner Untergebenen, die er zu decken sucht. Es erinnert an ein Marionetten-Theater, wenn Ohlendorf seinen engeren Freunden unter den Angeklagten im Verhör durch Blicke und Gesten ein "Ja" oder "Nein" als Antwort auf ihnen gestellte Fragen signalisiert. Oder wenn er bei in einem solchen Verhör gestellten verfänglichen Fragen einen eilig hingekritzelten Zettel "Verhör sofort abbrechen" zur Verteidigung hinüberreicht, worauf der Verteidiger des verhörten Angeklagten das Gericht um Vertagung auf den nächsten Morgen bittet, weil der Zeuge angeblich zu erschöpft sei. (Dem Antrag wurde stattgegeben.)
Ohlendorf selbst macht seine Aussagen ruhig und überlegt, und es ist kein Hohn, wenn Präsident Musmanno sich bei ihm für die sachlichen Auskünfte bedankt. Als Zeuge im IG-Farben-Prozeß sagte Ohlendorf über Himmlers Freundeskreis, dem er selbst angehörte: "Alkohol und gutes Essen waren 1943 bis 1945, also in der Zeit meiner Zugehörigkeit zum Freundeskreis, schon knapp. Es gab bei diesen Abenden gut angezogene Menschen, es gab recht gut zu essen, zu trinken und zu rauchen. Deshalb ging die Mehrzahl der Leute dorthin. Himmler selbst war nur an ein oder zwei Abenden dabei. So waren wir fast immer ohne Anfsicht durch die Reichsführung SS".
Ohlendorfs Antworten frappieren, so wenn er im gleichen IG-Prozeß erklärt: "Der SD war unter meiner Leitung konzern- und also auch IG-feindlich. Die Industrie wußte über den SD genau so wenig oder noch weniger als die Kläger hier. Ich würde also gern einmal einen Vortrag darüber halten".
So kommt es, daß dieser Massenmörder sich bei weiblichen Zuhörern unverhüllter Sympathien erfreut, was sich in Blicken und Gesten kundtut. Aber der SS-General unterscheidet sich wirklich von allen bisherigen Nürnberger Angeklagten dadurch, daß er zu seinen Taten steht, was auch das Gericht beeindruckt. Nach eigenen und nach Zeugenaussagen hatte er weder für das Soldatische, noch für den Polizeibütteldienst jemals das geringste Interesse. Er protestierte zweimal bei Heydrich gegen seinen Einsatzgruppen-Auftrag. Aber dann schob er beim Empfang des Hitler-Befehls, der 1941 die Exekution sämtlicher Kommissare, Zigeuner und Juden anordnete, alle Hemmungen beiseite und hatte für die Hinrichtung hilfloser Menschen die Begründung: "Aus Frauen und Kindern hätten uns einmal Rächer entstehen können."
Der juristisch und ökonomisch beschlagene PG aus dem Jahre 25 haßte die bloßen Partei-Bonzen. Aus seiner Zeit als Austauschstudent an der Universität Pavia datiert seine Abneigung und sein Kampf "gegen faschistische Auswüchse im Nationalsozialismus", den er bis zum Zusammenbruch geführt haben will.
1934, als Assistent von Prof. Jensen am Weltwirtschaftsinstitut in Kiel, wurde er einige Tage von der Polizei inhaftiert, weil er sich mit Jensen gegen "nationalbolschewistische Ideen von Kollegen und Studenten" gewandt hatte. Kultusminister Rust erwirkte seine Entlassung.
Die Handelshochschule in Berlin wollte er zu einer nationalsozialistischen Wirtschaftshochschule umbauen. Rosenberg erhob Einspruch und machte den Plan zunichte. 1936 stieß Ohlendorf zum SD, wo er den wirtschaftlichen Nachrichtendienst Inland aufzog. Die letzten beiden Kriegsjahre verbrachte er im Wirtschaftsministerium. Er hatte seinen Mord-Auftrag erfüllt.
Sein weiteres Schicksal scheint Otto Ohlendorf zu kennen. "Die Rübe is' ab", weiß er schon heute. Seine Mitangeklagten zittern vor dem 24. Februar, dem Tag der Urteilsverkündung.

DER SPIEGEL 6/1948
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


Video 00:50

Größer geht nicht Kreuzfahrtschiff im Kanal von Korinth

  • Video "Stillgelegtes Kraftwerk: Vier Kühltürme gleichzeitig gesprengt" Video 00:56
    Stillgelegtes Kraftwerk: Vier Kühltürme gleichzeitig gesprengt
  • Video "Brexit-Angst auf Rügen: Kein Deal, kein Fisch" Video 05:57
    Brexit-Angst auf Rügen: Kein Deal, kein Fisch
  • Video "Hightech-Mode für Gehörlose: Musik fühlen statt hören" Video 01:23
    Hightech-Mode für Gehörlose: Musik fühlen statt hören
  • Video "Umstrittenes Staudammprojekt: Historische Stadt in der Türkei versinkt" Video 04:00
    Umstrittenes Staudammprojekt: Historische Stadt in der Türkei versinkt
  • Video "Wir drehen eine Runde: Elektrisch surfen" Video 07:46
    Wir drehen eine Runde: Elektrisch surfen
  • Video "Lady Liberty: Demokratie-Aktivisten errichten Statue in Hongkong" Video 01:13
    "Lady Liberty": Demokratie-Aktivisten errichten Statue in Hongkong
  • Video "Filmstarts: Man kriegt, was man verdient hat." Video 07:02
    Filmstarts: "Man kriegt, was man verdient hat."
  • Video "Webvideos der Woche: Kajakfahrer entgehen Felssturz knapp" Video 03:31
    Webvideos der Woche: Kajakfahrer entgehen Felssturz knapp
  • Video "Abenteurer-Hotspot: Mysteriöser Autofriedhof in walisischer Höhle" Video 01:54
    Abenteurer-Hotspot: Mysteriöser Autofriedhof in walisischer Höhle
  • Video "Türkische Offensive in Syrien: Die Menschen wissen nicht, wohin sie fliehen könnten" Video 02:10
    Türkische Offensive in Syrien: "Die Menschen wissen nicht, wohin sie fliehen könnten"
  • Video "Extreme Regenmengen erwartet: Japan rüstet sich für den Supertaifun" Video 00:51
    Extreme Regenmengen erwartet: Japan rüstet sich für den Supertaifun
  • Video "Neuer Rover: Auf Spinnenbeinen über den Mond" Video 01:47
    Neuer Rover: Auf Spinnenbeinen über den Mond
  • Video "Trump über Biden: Er hat es verstanden, Obama den Arsch zu küssen" Video 01:55
    Trump über Biden: "Er hat es verstanden, Obama den Arsch zu küssen"
  • Video "Halle am Tag danach: Ihr Leben ist leider in Gefahr" Video 02:33
    Halle am Tag danach: "Ihr Leben ist leider in Gefahr"
  • Video "Nach dem antisemitischen Attentat in Halle: Die Gefahr des rechten Terrors" Video 03:05
    Nach dem antisemitischen Attentat in Halle: Die Gefahr des rechten Terrors
  • Video "Größer geht nicht: Kreuzfahrtschiff im Kanal von Korinth" Video 00:50
    Größer geht nicht: Kreuzfahrtschiff im Kanal von Korinth