21.02.1948

Das monozonale Gegenstück

Karlshorsts Antwort auf die jüngste angroamerikanische Aufforderung, sich an einer vierzonalen Neuordnung der Wirtschaft zu beteiligen, trug die Unterschrift Wassilij Danilowitsch Sokolowskis und die des bislang unbekannten Generalleutnants Lukjantschenko. Das Schriftstück ging nicht nach Frankfurt, sondern nach Berlin-Weißensee. Zum Sowjetischen Nachrichtenbüro. Darüber stand "Befehl Nr. 32, Zusammensetzung und Vollmachten der deutschen Wirtschaftskommission".
Das monozonale Gegenstück zum bizonalen Wirtschaftsrat besteht schon seit Juni 1947. Damals sollte der Egoismus der fünf partikularistisch nebeneinander stehenden deutschen Länder, die vom Sowjetstern beschienen sind, gebrochen werden.
Die Zentralverwaltungen als oberste Behörden und Mittler zwischen SMA und Landesregierungen waren gegen die landesherrlichen Parlamentsbeschlüsse ohnmächtig gewesen. Karlshorst zog daraufhin die Präsidenten der sechs mit Wirtschaftsfragen befaßten Zentralverwaltungen und die Chefs der Gewerkschaft und der Gegenseitigen Bauernhilfe in einer Wirtschaftskommission zur zentralen Steuerung der Ostzonenwirtschaft zusammen. Unter direkter Sowjet-Aufsicht, ohne parlamentarische Kontrolle. Jetzt mußten die Länder parieren, aber die Zentralverwaltungen gehorchten nicht so, wie sie sollten.
Befehl 32 schafft Klarheit: Was "Wiko" sagt, ist verbindlich für alle deutschen Organe, ohne Widerspruch. Ihre Hauptaufgabe ist die termingerechte Warenlieferung auf Reparationskonto und die Befriedigung der sowjetischen Besatzungsbedürfnisse. Die Westreparationen werden stetig dünner. Die Sowjets müssen also die eigene Zone noch schärfer einspannen.
Auch die neue Autorität ist ohne parlamentarische Kontrolle, alle Winke kommen von oben. Diese wirtschaftliche Koordinierung am sowjetischen Gängelband ist ein Fazit des Versagens. Zu oft hatte Sokolowski seinen 14 Zentralverwaltungspräsidenten vorwerfen müssen, sie arbeiteten ohne sichtbaren Erfolg.
Zwölf Verwaltungspräsidenten (bislang sechs) und auch die Länder müssen neuerdings mit Gewerkschaften und der Bauernhilfe am sowjetischen Strang ziehen. Sie alle entsenden ihre Vertreter in die Wirtschafskommission.
Schöne Posten sind frei: ein Vorsitzender und zwei Stellvertreter. Ueber die Besetzung kursieren zwei Versionen: die eine gefestigte Wiko nur als wirtschaftliches Machtinstrument sehen, tippen auf Sachsens Wirtschaftsminister Selbmann. Oder auf Bruno Leuschner, der bisher ohne den Titel eines Vorsitzenden der schweigsame Sprecher der alten Wiko war, mit der er im Haus der Zentralverwaltungen an Berlins Leipziger Straße ein Schattendasein führte. Oder endlich auf Josef Orlopp, der erst im vorigen Jahr die Verwaltung für Interzonen- und Außenhandel aufbaute.*)
Die zweite Version sieht - trotz Volkskongreß - Wiko an der Spitze des zentralisierten politischen Ostzonengefüges. Hier wird Walter Ulbricht genannt, der dritte Mann der SED, Mitgründer des Nationalkomitees, Bodenreform- und FDGB-Initiator und Verbindungsmann der SED zur Moskauer Zentrale.
Hickmann, der neue CDU-Zonen-Kaiser, vermißt die parlamentarische Kontrolle, aber LDP-Külz ist froh, daß die "Länder-Sauwirtschaft" nun aufhört. Westzeitungen hatten zum Teil vergessen, daß es ja schon die alte Wiko gab, und kommentierten übertrieben ein angeblich neues Gegenstück zu Frankfurt. Andere sehen in der Wiko-Spitze den Treuhänder sowjetischen Vertrauens für die Angliederung der Zone an das Vaterland der 16 Vaterländer.
Dieser Version gibt ein "Kurier"-Bericht besondere Aspekte. Darin heißt es, der Berliner CDU-Gewaltige Georg Dertinger habe in einer internen Konferenz gesagt, man müsse die Leute bis zum Ueberdruß mit dem Wort Einheit behämmern. Durch diesen psychologischen Kniff könne man die Schockwirkung auffangen, die ein etwaiger Anschluß an die Sowjetunion auslösen würde.

Stufen zur Einigung
Der Alliierte Kontrollrat prüft zur Zeit ausdauernd die Einigungsmöglichkeiten in der Frage einer gesamtdeutschen Währungsreform. Dem ausschließlichen Notendruck in Berlin und nicht, wie bisher gefordert, in Berlin und Leipzig, sollen die Sowjets schon zugestimmt haben. Nach dementierten, aber hartnäckig wiederholten Meldungen ausländischer Korrespondenten in Berlin finden gleichzeitig Geheimbesprechungen über alle deutschen Probleme und das Ende des Nervenkrieges statt, dessen Schwergewicht sich von Deutschland nach dem Balkan verlagert habe. Um allerdings einstweilen den Schein der alliierten Uneinigkeit zu wahren, nannte die sowjetamtliche "Tägliche Rundschau" Frankreichs drei-Zonen-freundlichen General König (rechts) "eine klägliche Marionette der britisch-amerikanischen Vertreter im Kontrollrat" (Clay und Robertson Mitte). König hatte mit ihnen gegen den nicht mehr ganz neuen Antrag Sokolowskis (links) gestimmt, den Punkt "Entmilitarisierung" noch einmal auf die Tagesordnung zu setzen. Pierre König revanchierte sich, indem er die "Tägliche Rundschau" und "Neues Deutschland", das ganz zufällig denselben Angriff aufgriff, in seinem Berliner Sektor beschlagnahmen ließ.
*) Der Hamburger "Welt" genügte die Vermutung ihrer Berliner Redaktion, Brandenburgs Wirtschaftsminister heinrich Rau werde an die Wiko-Spitze treten, ihren Artikel zweispaltig "Heinrich Rau Ostzonen-Chef" zu überschreiben.

DER SPIEGEL 8/1948
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