21.02.1948

Weil ich Christ bin

Zweieinhalb Jahre war Hans Sube zweiter Vorsitzender der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft bei der britischen Zonenleitung in Hamburg, ohne für einen Urlaub Zeit zu finden. Nur über Weihnachten und Neujahr konnte er ein paar Tage in Herford ausspannen. Jetzt ist er schon seit über zwei Wochen beurlaubt, und er soll auch wohl nicht wiederkommen.
Subes Feiertagsreise war kein glücklicher Jahresabschluß. Für die Herforder Tage hatte er den Wagen der DAG benutzt. "Das war allgemein so üblich", meint er. Als er am 2. Januar nach Hamburg zurückkam, belastete DAG-Finanzboß Krißmann die Fahrt mit 119. - RM. Sube faßte das als persönliche Kränkung auf. Er verlangte gleiches Recht für alle und brauchte schließlich die 119. - RM auch nicht zu bezahlen.
Von da an hatte er aber das Gefühl, man wolle ihn loswerden. Mit dem ersten Vorsitzenden Wilhelm Dörr war er gut befreundet gewesen. Noch am 5. Dezember hatte der DAG-Chef am Grabe von Frau Sube gesprochen. Im Januar warnte Subes Sekretärin: "Seien Sie vorsichtig, die wollen Ihnen etwas." Und eine andere Dame, die CAG-Archivarin, Frau Frieda Wolf, wußte ihm Kompakteres mitzuteilen: Hans Bechly, ehemaliger Verbandsvorsitzender des Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verbandes, 76 Jahre alt, habe im September mit Dörr über Sube verhandelt. Dabei soll Dörr gesagt haben: "Wenn Sie mir einen anderen Mann präsentieren können, werde ich Sube fallen lassen."
Sube will wissen, diese Abneigung gründe sich gerade auf seine frühere Zugehörigkeit zum DHV, der in dem Verruf steht, antisemitisch gewesen zu sein, eine Art völkische Gruppe in der Gewerkschaftsbewegung. Sein Gegenspieler war der Zentralverband der Angestellten (ZdA) mit sozialistischer Führung. Nach 1933 gaben die Nationalsozialisten dem DHV den Auftrag, die Geschäftsstellen des ZdA zuzumachen.
Beim einjährigen Geburtstag der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft (DAG) 1946, wurde durch den Pressechef der SPD Kähler, die Frage aufgeworfen, ob ein früherer DHV-Geschäftsführer für die neue Angestellten-Gewerkschaft als hauptamtlicher Funktionär tragbar sei. Die Frage wurde damals im Sinne Subes entschieden.
Besonders unangenehm stieß Sube mit dem Vorstandsmitglied Geiger (Rückkehrer aus London), dem Neffen Karl und Enkel Wilhelm Liebknechts, zusammen. Geiger ist Gegner des alten DHV. Bei der Januar-Tagung, die in Celle den Zonen-Angestelltenstreik beschloß, verlangte Geiger vor 100 Zonen-Funktionären "weltanschauliche Ausrichtung" zum sozialistischen Staat.
Sube, der in dieser Sitzung als Präsident fungierte, schwieg. "Ich wollte nicht das Schauspiel der Uneinigkeit zweier Gewerkschaftsmitglieder innerhalb einer Bewegung geben." Nach der Tagung wandte er sich schriftlich an den Vorsitzenden Wilhelm Dörr, einen alten Sozialdemokraten und ZdA-Funktionär, und verlangte vom Hauptvorstand eine Entscheidung. "Es ging um die Wahrung der Satzungen und um die politische Neutralität unserer Gewerkschaft."
Sube wirft Dörr heute vor, er sei diesem Verlangen ausgewichen. In dem ganzen Vorgang sieht er "ein Zeichen mehr dafür, daß der Hauptvorstand aus SPD-Mitgliedern zusammengesetzt ist." Er zitiert einen Brief des früheren DHV-Geschäftsführers Bartels, der vor kurzem mit 17 zu 4 Stimmen zum Geschäftsführer der DAG gewählt wurde: "Der Hauptvorstand bestätigt meine Wahl nicht. Unsere Gegner sitzen auf der Linken, sie wollen mich nicht, nur weil ich Christ und CDU-Mitglied bin. Hilf mir bitte, die Anschläge zunichte zu machen."
Dies sei die Atmosphäre in der DAG seit zwei Jahren gewesen, erläutert Sube. Er deutet auch kurz Auseinandersetzungen und Meinungsverschiedenheiten in der Versorgungspolitik an. Die Versicherungsgesellschaft "Deutscher Ring", ehemals dem DHV gehörend und dann von der DAF übernommen, firmiert heute als "Neue Welt". Vorsitzender des Aufsichtsrates ist Wilhelm Dörr. Sube ist nicht im Vorstand, da er von Mil.-Gov. als Treuhänder eingesetzt ist. Er wirft Dörr vor, umstrittene Mitarbeiter in die "Neue Welt" zu holen: Raloff, Mitglied der SPD, der von der Militärregierung vor der Umwandlung aus dem "Deutschen Ring" hinausgeworfen wurde, weil er einen politisch Belasteten deckte. Raloff ist heute Sozialdirektor der "Neuen Welt".
Sube sieht darin einen Beweis, daß einseitige Parteipolitik in die Betriebe hineingetragen werde, gerade wie unter den Nationalsozialisten. "Es gab laufend mir gegenüber Gehässigkeiten im Hauptvorstand", erzählt Sube. "Geflachst wurde natürlich auch nach Herzenslust, und ich habe tüchtig mitgemacht."
Er hat zuviel geflachst. Am 30. Januar gab er einem Reporter verschiedene Informationen über Dörr. Der stellte ihn zur Rede. "Wenn Du keinen Sinn mehr für Flachs und Humor hast, tust Du mir leid", meinte Sube zu seinem Chef. "Du mußt aus Deinem Verhalten die Konsequenzen ziehen", antwortete der. Sube ging. "Tu, was Du nicht lassen kannst."
Am gleichen Tage erklärte der Vorsitzende des Hauptvorstandes der DAG, Herbert Dau, dem 2 Vorsitzenden, Sube, man könne mit ihm nicht mehr zusammenarbeiten. Am 2. Februar wurde ihm geraten, auf Urlaub zu gehen.
Sube will sich nicht abschieben lassen. Er habe viel zu viel für die DAG geleistet. In einer Sitzung des geschäftsführenden Vorstandes und des Hauptausschusses am 6. Februar wurde er mit sofortiger Wirkung beurlaubt. Bis zur endgültigen Entscheidung, die am 23. Februar in Dortmund fallen soll.
"Ueber den Ausgang der Entscheidung kann kein Zweifel bestehen, wenn man weiß, daß von 50 Ausschußmitgliedern nur vier CDU-Mitglieder sind", sagt Sube. "Man hätte mich seinerzeit zum 1. Vorsitzenden in der Zone gemacht, wenn ich SPD-Mann gewesen und aus dem ZdA gekommen wäre."

DER SPIEGEL 8/1948
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