21.02.1948

Schwarz-rot-gold umrahmt

Wenn die termingerechte Renovierung des bombenzerkratzten Symbols der deutschen Embryonal-Demokratie von 1848 ebenso feststände wie der Kulturspeisezettel zur Frankfurter Jahrhundertfeier, dann wäre dem blankpolierten Stadtoberhaupt wohler. So aber geht Walter Kolb schon jetzt beschwörend reihum. Die Amerikaner sagten höflich nein zu seinem Anliegen, dem Frankfurter Paulskirchensymbol bizonale Prioritäten zu gewähren. Und so fürchten die Bürger der Main-Metropole, die Behelfsdemokratie werde sich beim feierlichen Zentenarium des Frankfurter Reichsparlaments von 1848 am 18. Mai mit einem Behelfsbau begnügen müssen.
Das heißt, fürchten ist eigentlich zuviel gesagt, denn sie interessieren sich bei weitem nicht so sehr für die pfingstliche Weihewoche wie ihr Oberbürgermeister. Sie ärgern sich höchstens, daß sie ihnen noch einige Monate länger undichte Dächer beschert. Auch aus dem Rathaus verlautet inoffiziell, daß man trotz vierzonaler Beiträge zum Paulskirchenbau auf den Frankfurter Wohnbausektor zurückgreifen mußte.
Die "Fränkische Landeszeitung" hatte schon vor einem Jahr gefunden, es sei der Demokratie bekömmlicher, wenn erst Wohnungen und dann demokratische Symbole gebaut würden, als ihr die von Ansbach gespendeten Schnittholzscheine über fünf Kubikmeter nicht paßten. Trotzdem verband sich Niederlahnstein der Demokratie mit vier Zentner Verbundnägeln. Rudolf Paul, damals noch Thüringen-Premier, stiftete der Namensbase 20 Waggons Bauholz, Braunschweig machte ein Kirchenfenster locker. Wittlich an der Mosel beschloß, eine deutsche Eiche zu pflanzen, und die SED gab 10000 Mark.
"Den Vorkämpfern der deutschen Einheit" steht auf dem Doppel des obeliskartigen Denkmals vor dem zerstörten Kuppelbau. Dahinter leuchtet unter den elf Schildern beteiligter Baufirmen die Reklame der Firma Philip Holzmann AG, deren Verdienste um Bauten aus großer Zeit noch unvergessen sind.
Unter dem Schutz von Gewehrträgern in der grünen Uniform der Interniertenwächter wird an der demokratischen Aufrüstung emsig geschanzt. 416 Zusatzverpflegungsempfänger turnen auf dem dünnen Stahlrohrgerüst umher. Auf seiner Spitze sprüht Funkenregen.
Während die Steinmetze mit ihrer Termin-Skepsis vorsichtshalber anonym zu bleiben wünschen, zeigt die Stadtverwaltung bürgermeisterinspirierten Optimismus.
Das Programm jedenfalls steht. Es wird mit allerhöchster Genehmigung eine Woche lang schwarz-rot-gold umrahmt sein. Diesmal werden die Reichsfarben nicht unerwünscht wehen, wie vor einem Jahr bei der Gründung Bizoniens. Auch sonst wird viel zuwege gebracht werden, von Oertels Dokumentarfilm bis zu Beethovens Neunter, von Martin Niemöller bis Victor Gollancz, vom Kunstradfahren bis zum Feuerwerk. Thomas Mann allerdings, der sich gerade eben mit Goetheschem Stolz neben André Gide und Bernard Shaw selbst einen Platz im Triumvirat der größten lebenden Dichter einräumte, wünscht statt eines rhetorischen Beitrags dem lieben alten Frankfurt die Erneuerung seines einstigen Ruhmes.
Dafür wird am 18. Mai Walter Kolb nach Glockengeläut und Vier-Zonen-Stafette festreden. Der Oberbürgermeister, dessen beleibte Fülle der Kommunist Emil Carlebach despektierlich als eine "Fettspende aus dem Rheinland" ansprach, ist ein Stadtoberhaupt von La-Guardia-Prägung. Mit deftiger Popularität taufte er kürzlicher eigenhändig den sibirischen Zoobären Karli, wobei es allerdings zeitweise so schien, als würde der "Ober" von Karli getauft (siehe Titel). Bauarbeitern händigt er persönlich ihre Stiefelspende aus.
Wenn er im Sommer spät abends in seinem Höchster Bolongaro-Palais zurück ist, pflegt er mit seinem schwarzen Schäferhund durch den Main zu schwimmen.
Eine Lokalzeitung übertrieb nicht, als sie schrieb, der Mann mit der unverhohlenen Vorliebe für repräsentative Gesten arbeite wie ein Stier. Wogegen die Herren aus seiner Umgebung ein wenig übertreiben wenn sie vertraulich erzählen, er bevorzuge beim Genuß von Flüssigkeiten Selterwasser.
Kolb ist nicht nur Oberbürgermeister, sondern sitzt auch in der Leitung der evangelischen Kirche und ist Vorsitzender des Jugendherbergs- und des Tierschutzverbandes.
Die 190 Zentimeter des 46jährigen Bonner Rechtsanwalts wiegen gut und gerne ihre drei Zentner. Dem Hang zur Politik frönte er schon 1923 als Vorsitzender des republikanischen Studentenverbandes in Frankfurt, und noch vorher als Bonner Student im Ruhrkampf ("Das Rheinland gehört zu Deutschland"). Er kam dafür auch ins französische Gefängnis.
Die Nationalsozialisten warfen 1933 den jüngsten preußischen Landrat hinaus. 1941 holte ihn Preußen als Flakkanonier wieder. "1943 wurde er zur Dienstleistung bei der Militärverwaltung Nordfrankreichs abkommandiert", heißt es kurz in seiner presseamtlichen Lebensgeschichte. Als man aber einmal einen CDU-Minister ablehnte, weil er Kriegsverwaltungsrat in Belgien gewesen war, sagte Konrad Adenauer spitzig: "Der jetzige Oberbürgermeister von Frankfurt - läßt er sich eigentlich immer noch Her Doktor nennen? - war doch auch Kriegsverwaltungsrat." Walter Kolb war als Kriegsverwaltungsrat, angeblich wegen Soldatenaufhetzung, ins KZ geschickt worden.
Als es ihm nicht mehr paßte, neben dem für ihn zum Oberbürgermeister gewordenen Karl Arnold Oberstadtdirektor von Düsseldorf zu sein, widmete er sich den historischen Möglichkeiten Frankfurts (in Klein-Amerika gibt es keine Oberstadtdirektoren).
Die wird er zur Mai-Feier mit dem bekannten Pathos seiner offiziellen Reden noch einmal um und um drehen. Er kann allerdings auch anders reden, nämlich mit federnder Elastizität (die übrigens auch seinem Schritt eigen ist), so daß ihn die Frankfurter Karnevalisten sogar für die Stadtmannschaft aufstellten, die das traditionelle Turnier der Büttenredner mit Mainz durchfechten sollte.
Kolbs größte Sorge ist, daß Frankfurt von Berlins März-Gedenken in den Schatten gestellt werden könnte. Die Berliner bekommen Vier-Sektoren-Sitten gemäß den Festakt zur Erinnerung an die 1848er März-Revolution in zwei verschiedenen Programmfolgen serviert. Der mit westdemokratischer Mehrheit operierende Magistrat und der ostinfizierte Volkskongreß rivalisieren. Beide zusammen rivalisieren mit Frankfurt. Der Berliner Bär, neuerdings heraldisch und politisch arg beschnitten, ist ausgesprochen böse.
Eigentlich wollten die Stadtväter ihre Gedenkfeier am 18. März in der Staatsoper veranstalten, aber als sie beim Opernchef Ernst Legal vorfragten, schnaufte der Vierkantschädel zurück. In der Oper tagt am 17. und 18. März der Volkskongreß zum zweiten Einigungsversuch mit Blickrichtung auf 1848. Das Atelier Harald Becker in Friedenau arbeitet unentwegt an den geforderten Dekorationsentwürfen. 78 Sitze stehen für den Kongreßvorstand auf dem Karton, bis auf den letzten Buchsbaum wird geplant.
Der Berliner Magistrat landet statt dessen in der Städtischen Oper. Vielleicht auch noch auf dem Gendarmenmarkt, wo 1848 die März-Gefallenen aufgebahrt waren. Aber das ist im Sowjetsektor, und man befürchtet Teilnehmersteuerung. Meterhoher Schutt bedeckt zur Zeit noch trostreich den umstrittenen Platz.
Die Magistratsausstellung "1848" im Berliner Schloß hat in der "1848-Ausstellung" der Zentralverwaltungen der Sowjetzone Konkurrenz. 500000 Mark Gedenkunkosten veranschlagte der Magistrat im Etat. Die Kommandantur strich. Die Stadtväter veranschlagten neu. 900000 Reichsmark sind inzwischen für Märzfeiern bewilligt.
Einen demonstrativen Zug zu den Gräbern lehnen SED und SPD ab. Sie hätten keine Schuhe, sagten die Sozialdemokraten. Außerdem erlaube der kleine Friedhof in Friedrichsheim keine Demonstrationen.
Die werden in der Zone um so eindrucksvoller sein, denn schon am 2. Februar sicherte Marschall Sokolowski kraft allerhöchsten Befehls den Kindern für den 18. März schulfrei und dem werktätigen Volk einen Nationalfeiertag.

DER SPIEGEL 8/1948
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