21.02.1948

La belle France

Innerhalb von zehn Wochen hat sich Walter Fitz aus Mannheim neu eingekleidet. Nicht auf krummen Wegen, sondern regulär von seinem Arbeitsverdienst. Allerdings in Frankreich.
Der 22jährige Gärtner und ehemalige Kriegsgefangene ist jetzt Arbeiter in einem nordfranzösischen Bergwerk. "Wir haben in jeder Hinsicht die gleichen Rechte wie die Franzosen", versichert er und vergräbt die Hände in den Taschen des hellen Gabardine-Mantels, der mit einer dunklen Baskenmütze der charakteristische Dreß für die aus Frankreich beurlaubten deutschen Zivilarbeiter ist.
Die rund 150000 deutschen Arbeiter haben allerdings auch die gleichen Pflichten wie die Franzosen. "Wenn wir beim Streiken nicht mitmachen, werden die Kumpels rabiat und ziehen gleich mit Schießknüppeln auf Streikwache", erzählt Walter Fitz. Beim großen Streik haben die Deutschen also mitmachen müssen, aber sie ärgerten sich nur über den ausgefallenen Lohn. Die Streikleitung bezahlte nämlich nur die Streikposten, und das mußten Kommunisten sein.
Eifer und Akkordleistung der Deutschen werden allenfalls von polnischen, italienischen und spanischen Kollegen erreicht, nicht aber von den Franzosen selbst. In einigen Gruben bestanden darum die Franzosen auf Entfernung der deutschen Kollegen, weil sie mit ihrem Tempo die Unternehmer verwöhnten.
Immerhin hat die CGT (Confédération Générale de Travil) erreicht, daß die deutschen Arbeiter bei Unfall oder Krankheit einen Ausgleich von 50 Prozent ihres Lohnes bekommen.
Für die Jugend von Kaiserslautern, die mit Leiterwagen in zwei militärisch ausgerichteten Reihen vor dem Hauptbahnhof auf die Frankreich-Urlauber wartet, ist Fitz der Mann, für den sich das Gepäckbefördern lohnt. Die ankommenden Poilus müssen ihr Bündel selber tragen. Den deutschen Zivilarbeitern wird das Gepäck aus der Hand gerissen und zur Barbarossa-Schule, dem Durchgangslager, gebracht. Sie zahlen freigebig mit Zigaretten, Orangen, Schokolade.
Die jungen Dienstmänner wünschen, das Urlaubslager möge eine Dauereinrichung bleiben. Andere wünschen es weit weg. Eine Million Mark Lager-Unkosten hat die Stadt für die 1500 Durchreisenden täglich bereits aufbringen müssen. Jeder Zivilarbeiter bekommt im Durchgangslager 40 Mark und Verpflegung.
Nur der geringere Teil der Zivilarbeiter will den Arbeitskontrakt, der in einem Jahr abläuft, verlängern. Er soll ihnen nur dienen, sich einzukleiden und die Kriegsgefangenschaft ein wenig zu verkürzen. Wer für eine baldige Entlassung günstig eingestuft ist, bleibt im Lager. Nach Deutschland wollen fast alle wieder, allerdings haben sie keinen Begriff vom Leben in Deutschland, wenn sie in den französischen Schaufenstern deutsche Schuhe, Lederwaren, Textilien und feinmechanische Erzeugnisse zum freien Verkauf sehen.
Man will schließlich auch mal Familie haben, sagt Walter Fitz. Eine Französin möchte er nicht heiraten. Sie sind ihm zu anspruchsvoll und haben ihm zu französische Vorstellungen von Häuslichkeit. In Südfrankreich sind die zierlichen Französinnen zudem sehr stolz, und der deutsche Arbeiter ist dort noch immer der Boche. Im Norden haben sich zwar manche mit einer petite chérie verlobt, aber die meisten denken doch wie Walter Fitz.
Die französische Regierung hat grundsätzlich gestattet, daß Zivilarbeiter ihre Familien nach Frankreich holen, wenn Wohnraum nachgewiesen wird. Sie bezahlt sogar die Fahrtkosten. Deutsche Bräute allerdings dürfen nur nach Frankreich einreisen, wenn sie ebenfalls einen Arbeitskontrakt für ein Jahr unterschreiben.
Eine Wohnung nachweisen ist schwer. Die meisten Zivilarbeiter hausen mit fünfzig Mann in Baracken, für fünf Franc täglich. Sie dürfen sich ein möbliertes Zimmer mieten, aber sie bekommen keins. Die Unverheirateten behaupten, in Frankreich angenehm zu leben. Der Monatsverdienst eines Bergarbeiters beträgt durchschnittlich 18000 Francs. Davon bleiben einige tausend für Anschaffungen übrig.
Viel geht allerdings auch für Lebensmittel-Schwarzkäufe drauf. Die Lebensmittelkarte T 4 allein langt nicht. So spart sich dann doch ein Anzug für 16000 Francs oder ein Paar Schuhe für 2000 Francs in einem Monat nur unter Mühen.
Die ehemaligen Kriegsgefangenen können sofort nach Abschluß ihres Arbeitskontraktes einen einmonatigen unbezahlten Urlaub in Deutschland beantragen. Nur die russische Zone ist gesperrt. Man hat zu schlechte Erfahrungen gemacht. Die Russen sollen die Urlauber in die sächsischen Gruben und Uranbergwerke gesteckt haben. Andere wurden ausgeplündert, in abgerissene deutsche Uniformen gekleidet und zurückgeschickt. Jetzt bestechen die Urlauber die russischen Grenzposten. Ohne Paß soll es zudem sicherer sein. Nur auf prallgefüllte Rucksäcke müssen die Grenzgänger verzichten. Jeder Urlauber kann sonst 30 kg zollfreies Gepäck mitnehmen. Darunter 15 kg Lebensmittel und 400 Zigaretten.
Viele Kriegsgefangene haben sich verpflichtet, um Frankreich als Sprungbrett für eine Auswanderung nach Südafrika oder Australien zu benutzen. Der Wunsch wird besonders lebhaft, wenn sie von ihrem Deutschland-Urlaub zurückkehren. Die vier Wochen genügen, um aus ihnen wieder Deutsche zu machen. Als solche fahren sie ausgehungert zurück in die "belle France", mit Verspätung vielleicht, aber in der Mehrzahl doch ohne ein Gelüst zu vorzeitiger Desertion nach Deutschland zu spüren.

DER SPIEGEL 8/1948
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