21.02.1948

DIE MEMOIREN MIKOLAJCZYKS

(5. Fortsetzung.)
"Unsere Beziehungen mit der Sowjetunion", sagte er zu mir, "sind wichtiger als die Grenzen."
Dann machte er mir ein Angebot, das von besonderem Zynismus zeugte. Wenn ich bereit wäre, nach Warschaus Befreiung dorthin als Ministerpräsident einer kommunistisch kontrollierten polnischen Regierung zurückzukehren, würde er drei anderen unabhängigen Parteiführern kleinere Kabinettsposten in dieser Regierung geben. Die Regierung würde aus 18 Mitgliedern, davon 14 Lublin-Polen, bestehen.
"Darüber kann ich mit Ihnen nicht einmal diskutieren", sagte ich ihm. "Erstens bin ich bereits der Ministerpräsident einer legal gebildeten Regierung, die, zusammen mit ihrer Untergrundbewegung, schon gegen die Deutschen kämpfte, als Sie - als Kommunist - mit Hitler verbündet waren. Unsere Regierung wurde unter einer Verfassung gebildet, für die ich keine besondere Vorliebe habe. Aber immerhin war sie die Verfassung einer legalisierten Regierung. Meine Regierung hat sich der Atlantik-Charta angeschlossen, die Pacht- und Leihverträge, unsere Zugehörigkeit zur UNRRA und andere Abkommen unterzeichnet. Was Sie von mir verlangen, hieße das polnische Volk verraten. Ich würde noch heute nacht nach Polen zurückkehren, wenn ich wüßte, daß wir uns mit dem polnischen Untergrund-Parlament zusammensetzen und ein Abkommen schließen könnten, das der Verfassung entspräche und Polens bestem Interesse diente."
Bierut musterte mich feindselig.
"Wenn Sie nach Polen als Freund und in völliger Uebereinstimmung mit uns gehen wollen, werden Sie uns genehm sein", sagte er. "Sollten Sie versuchen, als Ministerpräsident dieser polnischen Regierung zu kommen, die von der Sowjetunion nicht länger anerkannt wird, werden wir Sie verhaften."
Ich erhob mich. "Ich habe hier nichts mehr verloren", sagte ich. "Mein einziger Wunsch ist jetzt, nach London zurückzukehren und meiner Regierung zu berichten, was ich gesehen und gehört habe."
An der Tür wandte ich mich noch einmal um, da ich die verlöschende Hoffnung, Warschau könnte doch noch irgendwie Hilfe gebracht werden, nicht aufgeben wollte.
"Ich bitte Sie um zweierlei", sagte ich. "Helfen Sie Warschau ... und veranlassen Sie die Sowjets, mit den Verhaftungen in der Heimatarmee aufzuhören, die hilft Polen zurückzuerobern."
Er antwortete nicht.
Ich sprach noch einmal mit Molotow und Stalin, bevor ich Moskau verließ. Molotow traute offenbar den Lublin-Polen nicht so weit, daß er von ihnen die Wahrheit erwartete, und ließ mich - mit ihnen zusammen - in sein Büro kommen, um mit eigenen Ohren meine Ansichten zu hören.
Was Stalin betraf, so war er noch weniger gastlich als zuvor.
"Können Sie mir Ihr Ehrenwort geben", fragte er, "daß in Warschau Kämpfe stattfinden? Die Lublin-Polen berichten mir, es werde überhaupt nicht gekämpft." Er wußte natürlich von seinen Vertretern in Warschau selbst, daß dort die verzweifeltsten Straßenkämpfe des zweiten Weltkrieges im Gange waren.
"Ich kann Ihnen mein Ehrenwort geben: dort wird gekämpft", sagte ich ihm. "Es ist ein verzweifelter Kampf, und ich bitte Sie, der Sie in einer guten strategischen Lage dazu sind, uns zu unterstützen."
Ich hatte aus Washington und London erfahren, daß die Russen die gemeinsamen Generalstabschefs ersucht hatten. Warschau keine weitere Hilfe zu gewähren - eine Aufforderung, die von den westlichen Alliierten zurückgewiesen war - , aber ich hoffte noch immer, Stalins Herz zu rühren, da ich seinen übermächtigen Wunsch kannte, die Deutschen zu schlagen.
"Nachdem ich vor einigen Tagen mit Ihnen gesprochen hatte, ließ ich zwei meiner Nachrichtenoffiziere über Warschau absetzen", sagte er und rauchte seine Pfeife, "aber die Deutschen töteten beide." Einige Tage später erfuhr ich, daß beide den Boden gut erreicht hatten und ihm vom Untergrund-Hauptquartier aus zahlreiche Depeschen geschickt hatten.
Aber zu diesem Zeitpunkt wußte ich noch nichts davon und brachte mein Bedauern zum Ausdruck. Stalin seufzte. "Ich werde trotzdem mein möglichstes tun, um Warschau zu helfen", sagte er. "Die Deutschen machen uns größere Schwierigkeiten, als wir erwarteten. Aber wir werden die Stadt bald befreien."
Ehe ich Stalin verließ, konnte ich es mir nicht versagen, ihm eine Begebenheit aus der Warschauer Untergrundbewegung zu erzählen. Es handelte sich dabei um drei gefangengenommene Deutsche und deren Ansichten über Deutschlands Zukunft. Einer der Gefangenen prophezeite voller Zuversicht, daß sich das Nachkriegsdeutschland dem Kommunismus mit solchem Eifer in die Arme werfen werde, daß Deutschland bald zum führenden kommunistischen Staat werden und dann zur Weltherrschaft schreiten würde.
Stalin war empört.
"Der Kommunismus paßt zu einem Deutschen wie ein Sattel auf eine Kuh", sagte er. Dann fügte er hinzu, die Sowjetunion, die Vereinigten Staaten, Großbritannien und Frankreich müßten für viele Jahre nach dem Kriege gute Freunde bleiben, "weil man damit rechnen muß, daß Deutschland nach etwa 25 Jahren wieder einen Krieg anfängt."
Am 10. August fingen meine wenigen Begleiter und ich an, uns zu fragen, ob wir nicht stillschweigend zu Gefangenen der Kommunisten geworden waren. Zwei Tage vorher hatten wir um ein Flugzeug ersucht, aber inzwischen kein Wort gehört.
Am 11. August um 2 Uhr nachts erhielten wir jedoch ganz plötzlich einen Anruf. Es wurde uns mitgeteilt, daß wir um 4 Uhr vom Moskauer Flugplatz nach Teheran abfliegen würden.
Nachdem meine wiederholten Appelle an Stalin, die dem sowjetischen Botschafter in London, Lebiedow, überreicht worden waren, ungeöffnet an mich zurückgeschickt wurden, bat ich dringend um anglo-amerikanische Hilfe.
In Warschau wurden unserer unverzagten Heimatarmee von den Deutschen furchtbare Verluste zugefügt. Wir bekämpften Tiger-Tanks mit wenig mehr als selbstgefertigten Benzinhandgranaten. Warschaus Zivilbevölkerung wurde zu Hunderttausenden nach Deutschland verschleppt. Stalin hatte mir in den ersten Augusttagen des Jahres 1944 zugesagt, die Rote Armee werde Warschau im Laufe der nächsten Tage einnehmen. Dennoch verhielten die Russen unmittelbar vor der Stadt und rührten keinen Finger.
Der Erste, der handelte, war Churchill. Auf sein Eingreifen hin begann die RAF von Flugplätzen in Italien aus die Versorgung mit dringend benötigten Waffen, Lebensmitteln und Sanitätsmaterial. Zahlreiche polnische Flieger nahmen an diesen Einsätzen teil.
Die Verluste der RAF waren groß. Deutsche Nachtjäger forderten ihre Opfer. Stellungen schwerer deutscher Flak in Warschau schossen viele Flugzeuge ab. Geschütze der Roten Armee nahmen manchmal an den Angriffen gegen die Hilfe bringenden Flugzeuge teil.
Ich erzählte Churchill vom Vorhandensein polnischer, von den Russen besetzter Landebahnen in der unmittelbaren Nähe Warschaus und schlug vor, er solle mit Stalin eine Uebereinkunft treffen, um den Flugzeugen der RAF dort eine Möglichkeit zur Zwischenlandung zu eröffnen; denn sonst mußten sie versuchen, die außergewöhnlich lange Strecke nach Italien zurückzufliegen, wobei vielen das Benzin ausging.
Ich wandte mich nun an die Vereinigten Staaten und bat Roosevelt um einen besonderen Versorgungseinsatz der VIII. amerikanischen Luftflotte von den britischen Flugplätzen aus, die damals benutzt wurden. Ich hob jedoch hervor, daß angesichts der großen Entfernung ein Erfolg nur dann möglich sei, wenn die amerikanischen Flugzeuge auf den in unmittelbarer Nähe Warschaus gelegenen polnischen Flugplätzen landen könnten.
Die Verhandlungen zwischen Washington und Moskau begannen Mitte August 1944 - zu einem Zeitpunkt, als sich die Armee des Generals Bor-Komorowski in äußerster Gefahr befand. Diese Streitkräfte wurden zusammengehalten durch die Sendungen, die von der RAF abgeworfen wurden. Da die Einsätze der RAF in der Nacht stattfanden, landeten einige dieser Nachschubsendungen so weit ab von ihrem Ziel, daß sie aus einer Entfernung bis zu 130 Kilometer unter großen Gefahren in die Hauptstadt gebracht werden mußten.
Die amerikanischen Flugzeuge, die bei Tage flogen, hätten vielleicht eine größere Chance gehabt, ihre "Ziele" mit ihren Nachschubsendungen zu treffen. Aber hier war als gewaltiges Hindernis Stalins Haltung zu überwinden.
Nachdem die Russen erst eine Reihe von Botschaften aus Washington ignoriert hatten, erklärten sie sich in der ersten Septemberwoche bereit, den amerikanischen Flugzeugen einen Zwischenlandungs-Einsatz zu gestatten.
Aber selbst nachdem der Kreml seine Zustimmung gegeben hatte, nahm er sich Zeit, ein bestimmtes Datum für diesen Einsatz festzulegen. Die Tage wurden kürzer und die Aussichten für einen Entsatz schlechter.
Mitte September kam aus Moskau die Nachricht, daß die VIII. amerikanische Luftflotte sofort kommen könne. Aber fast im gleichen Augenblick, als die Flugzeuge für den Start warmliefen, beladen mit Waffen und anderen dringend benötigten Nachschubgütern, wurde die Einwilligung zurückgezogen. "Technische Schwierigkeiten" hätten sich ergeben. Ein Aufschub um drei oder vier Tage sei notwendig.
Während dieser Verzögerung erschienen in der Nacht zum 14. September - nach dem 44. Tage des Aufstands - plötzlich die Roten Luftstreitkräfte über Warschau und warfen Nachschubmaterial ab.
Die Munition paßte aber nicht in die von ihnen gleichzeitig abgeworfenen Gewehre. Die Nahrungsmittel, die sie brachten - amerikanische Pacht - Leih - Rationen - wurden entweder mit defekten oder überhaupt ohne Fallschirm abgeworfen, zerschellten an den Ruinen Warschaus und waren verschwendet.
Nachdem die Amerikaner in ihrer Hilfe für Warschau "überrundet" worden waren, erklärte Moskau durch seine Propaganda, daß die Sowjetunion der treue Freund des polnischen Volkes sei, während die Amerikaner schnell im Versprechen und langsam im Liefern seien.
Schließlich wurde es den Amerikanern gestattet, am 18. September zu kommen. Mit 104 Maschinen vom Typ B 17 ("Fliegende Festungen"), auf einem Teil des Weges von 200 Jagdflugzeugen begleitet, dröhnten sie herüber. Zwei der mit Nachschub beladenen Kampfflugzeuge und zwei Jagdflug euge gingen verloren. Die überglückliche Bevölkerung von Warschau kam aus ihren Ruinen und den unterirdischen Kanälen heraus, um den Amerikanern zuzujubeln. Nun konnten sie noch etwas länger gegen die Deutschen kämpfen.
Zur gleichen Zeit sprach ich über den Londoner Rundfunk und sagte: "Heute habt ihr die Amerikaner gesehen, die dem kämpfenden Warschau Hilfe bringen. Dies ist ein Symbol für die Bemühungen der Alliierten, euch in eurem verzweifelten Kampfe beizustehen. Ich hoffe, diese Hilfe wird euch euren historischen Kampf gegen die Deutschen etwas erleichtern ... euren Kampf für ein wirklich freies und unabhängiges Polen."
Vom Boden her wurde der einzige Angriff, den die nahe Rote Armee zur Unterstützung unserer Heimatarmee machte, von einer der polnischen Kosciusko-Divisionen General Berlings unternommen. Die Rote Armee nahm bestimmte deutsche Stellungen in Warschau, die von Männern der heimatarmee ausfindig gemacht worden waren, einige Male unter Geschützfeuer. Aber als die Kosciusko-Polen über die Weichsel vordrangen, um ihren Blutsbrüdern in der Stadt zu helfen, hörte das Artilleriefeuer plötzlich auf. Da sie ohne Feuerschutz blieben, wurden die vorgehenden Polen von den deutschen Verteidigern vernichtet. General Berling wurde seines Postens enthoben und zur "weiteren Ausbildung" nach Moskau zurückgeschickt.
Im September begann Radio Moskau einen gehässigen Angriff gegen General Bor-Komorowski. Am 29. Juli hatte Radio Moskau selber die Heimatarmeen dazu verleitet, sich gegen die Deutschen zu erheben, - um den Einzug der Roten Armee zu erleichtern. Jetzt beschuldigte es den General und mich, "einen sinnlosen Aufstand" befohlen zu haben.
Den Amerikanern wurde kein weiterer Zwischenlandungs-Einsatz gestattet. Die Briten wurden ebenfalls gezwungen, zu resignieren. Nach übermenschlichem Ausharren ergab sich General Bor-Komorowski am 3. Oktober 1944 den Deutschen und sandte eine letzte Botschaft aus der Hauptstadt:
"Dies ist die nackte Wahrheit", sagte eine erschütterte Stimme. "Wir wurden immer als Hitlers Satelliten behandelt, schlimmer als Italien, Rumänien, Finnland. Möge Gott in seiner Gerechtigkeit sein Urteil über die furchtbare Ungerechtigkeit sprechen, die die polnische Nation erduldet. Möge er alle Schuldigen entsprechend strafen.
Eure Helden sind die Soldaten, deren einzige Waffe gegen Tanks, Flugzeuge und Kanonen Revolver und mit Benzin gefüllte Flaschen waren. Eure Helden sind die Frauen, die sich der Verwundeten annahmen und im Feuer Nachrichten überbrachten, die in ausgebombten und eingefallenen Kellern kochten, um Kinder und Erwachsene zu versorgen, und die die Sterbenden trösteten.
Eure Helden sind die Kinder, die zwischen den rauchenden Ruinen weiter spielten. So ist das Volk von Warschau.
Unsterblich ist die Nation, die zu einem so vielseitigen Heldentum fähig ist. Denn die, die gestorben sind, haben überwunden, und die Lebenden werden weiterkämpfen, werden siegen und wiederum davon Zeugnis ablegen, daß Polen lebt, wenn die Polen leben!"
Von London aus sagte ich in einer Rundfunkansprache: "Helden von Warschau! Die 63 Tage des Kampfes werden nicht vergeblich sein. Durch euren heldenhaften Widerstand hat die Welt erneut erfahren, daß Polen lieber sterben als in Sklaverei leben wollen.
Ihr werdet jetzt von zwei Seiten bedrängt. Zu den Deutschen haben sich jetzt diejenigen gesellt, die versuchen, von Angriffen auf eure Führer zu profitieren. Ich übernehme die volle Verantwortung. Der Kampf gegen einen Feind, der euer Land besetzt hat, war unvermeidlich. Es war unsere Pflicht. Es geschah in unserem nationalen Interesse.
Wir haben eine weitere Schlacht verloren, nicht den Krieg. Der Kampf gegen die Deutschen geht weiter, und der Sieg war noch nie so nahe wie heute."
Als der Aufstand gegen die Deutschen begann, lebten eine Million Menschen in Warschau. Ende September war eine Viertelmillion Menschen gefallen, verwundet oder vermißt. Etwa 350000 wurden während der Kämpfe verschleppt, meist nach Deutschland. Als die Russen schließlich im folgenden Januar einrückten, fanden sie menschliches Leben nur noch in der Vorstadt Praga ... 120000 Polen, die dort geblieben waren, während die zurückgehenden Deutschen die Stadt systematisch dem Erdboden gleichmachten.

DER SPIEGEL 8/1948
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