15.01.2019

EINE »SPIEGEL«-SEITE FÜR ERWEIN FRH. VON ARETIN

Aus altbayerischem Adelsgeschlecht 1887 in Bad Kissingen geboren. Begann als Astronom an der Sternwarte Wien-Ottakring, wandte sich dann historischen Studien zu. Seit 1924 in der Redaktion der "Münchener Neuesten Nachrichten". Der Landesleiter des bayerischen Heimat- und Königsbundes wurde 1933 verhaftet. Ueber ein Jahr im KZ Dachau. Ließ mehrere Bücher unter einem Pseudonym in der Schweiz erscheinen. Schrieb 1946 "Die Verfassung als Grundlage der Demokratie". 2. Präsident des katholischen Deutschen Caritasverbandes.
Da das Hitler-Attentat am 8. November 1939 im Bürgerbräuhaus in München zeitlich mit der Aufdeckung einer "Monarchistischen Verschwörung" in München zusammenfiel, was zu einigen hundert Verhaftungen führte, wurde ich zu dieser Zeit wieder einmal vor die Münchener Gestapo geladen und etliche Stunden vernommen. Schließlich stellte sich nicht einmal vor diesem darin so großzügigen Forum eine Möglichkeit heraus, mich in Haft zu behalten So wurde ich endlich aufgefordert, wenigstens einen Revers zu unterschreiben, daß ich von jeder monarchistischen Propaganda künftig Abstand nehmen würde. Ich habe damals diese Erklärung selbst stilisiert und in ihr zum Ausdruck gebracht, daß ich von einer persönlichen Propaganda um so eher Abstand nehmen könne, da das bestehende Regime diese Propaganda für die Monarchie in ungleich wirksamerer Weise treibe, als es je einer Publizistik möglich wäre. Daß die Gestapo diese Erklärung gelten ließ, zeigt, daß sie sie entweder nicht verstand, oder einen ihrer ganz seltenen Augenblicke hatte, wo sie so etwas wie einen Sinn für Humor entwickelte.
Ich bin auch heute der Ueberzeugung, daß eine monarchistische Propaganda fehl am Platze wäre. Nicht der Propaganda bedarf die Monarchie, sondern ausschließlich der politischen Einsicht. Diese aber wird durch Erfahrung besser gewonnen als durch Rethorik. Was in Deutschland - fast hätte ich gesagt in der ganzen Welt - zur Wiederherstellung stabiler Verhältnisse nötig ist, ist Rechtssicherung und wieder Rechtssicherung! Rechtssicherung für jedermann: für die Lebensbedingungen und die Altersrenten des Arbeiters, für das Eigentum des Bauern, für den Pensionsanspruch des Staatsbeamten, Schutz gegen jegliche Willkür und für die vier Rooseveltschen Freiheiten der Atlantik-Charta. Einst war das Gefühl sehr stark, daß diese Dinge gewährleistet sein müßten, und man machte in den Vereinigten Staaten und in Frankreich einen Versuch zu einer solchen Garantie durch die Erklärung gewisser unantastbarer Menschenrechte.
Der Rechtsstaat bedarf eines Garanten des Rechts, da es sonst zu einer Funktion der wechselnden Gesetze herabsinkt, statt daß die Gesetze eine Funktion des, Rechtes sind. Es ist leicht, auf das Beispiel Amerikas hinzuweisen, wenn die Verfassung einen solchen Garanten nicht kennt. Aber Amerika ist nicht Deutschland - und ob wir bei schwarzweißer Uebertragung amerikanischer staatlicher Verhältnisse bei unserer deutschen Art, alles bis in die letzen Konsequenzen durchzuführen, nicht sehr bald vor einem noch vollendeteren Chaos stehen würden, als wir es heute haben, erscheint mir höchst zweifelhaft. Hitlers Herrschaft war eben eine solche letzte Konsequenz. Eine nicht geschützte, im Wolkenkuckucksheim der Theorie schwebende Demokratie wird ja ein viel besserer Nährboden für jegliche Tyrannis sein, als es eine Monarchie je sein könnte. Denn zwischen Monarchie und Tyrannis schiebt sich immer eine von sich selbst begeisterte Kerenski-Periode, die sich in Deutschland "Weimarer Republik" nannte.
Wenn wir uns heute versprechen, daß eine künftige Deutsche Republik sich von den Fehlern ihrer Weimarer Vorgängerin freihalten wird, so darf wohl erwähnt werden, daß diese Weimarer Vorgängerin sich das Gleiche versprach und sich doch nicht halten konnte oder zu Polizei-Maßregeln hätte greifen müssen, deren Grenzen dann ganz im Belieben der Parlamentsmehrheit lagen. Womit wir wieder bei der Willkür angelangt sind. Etwas anderes kommt noch dazu: Demokratie verlangt allgemeines Interesse an den politischen Vorgängen, andernfalls entartet sie zur Oligarchie einiger Partei-Büros und ihrer Führer.
Wir erinnern uns, daß die Häufung der Aemter auf die Person des Augustus ihn deshalb zum Tyrannen machte, weil die allgemeine Interessenlosigkeit der bisher führenden Schicht die Aemter der Republik nicht mehr zu besetzen vermochte oder diese nur mit Leuten besetzte, deren Geltungsbedürfnis jedem Machthaber gegenüber zu jedem Zugeständnis bereit war. Genau das gleiche Phänomen zeigte sich am Ende des mittelalterlichen Stände-Staates, der durch diese Interessenlosigkeit von selbst in die absolute Monarchie und den Staat der bezahlten Beamten hinüberglitt.
Wie ist aber unsere heutige Situation? Man mache in München oder in jeder anderen deutschen Landeshauptstadt das Experiment, die Menschen zu fragen, was der Landtag im einzelnen treibt, ja auch nur, in welchem Gebäude er tagt. Von tausend weiß das kaum einer! Diese Beobachtung ist viel ernster, als sie aussehen mag. Es ist verständlich, wenn im heutigen Deutschland die Frage nach einem weiteren Zentner Kartoffeln wichtiger erscheint, als etwa die Frage der Schulreform. Aber wir dürfen uns kein Hehl daraus machen, daß diese politische Uninteressiertheit der denkbar schlechteste Untergrund für eine wirksame Demokratie ist, und daß alles Gerede von einer Demokratie bis auf lange Zeit leeres Geschwätz bleiben muß. Was uns aber auf den Nägeln brennt, ist die Wiederherstellung des Rechtsstaates und der Kampf gegen den allenthalben schon kaum mehr erträglichen Sumpf der Korruption, von der wir uns nicht verhehlen dürfen, daß sie hinter der ungeheuerlichen Korruption des Dritten Reiches kaum mehr zurückbleibt.
Die unbeschützte Demokratie der Weimarer Republik hat völlig versagt. Es hat etwas länger gedauert als anno Kerenski, aber eine Wiederholung dieses Experimentes wäre vernünftigerweise nur bei einer nicht mehr zu erreichenden tätigen Mitarbeit eines ganzen in seinem Kern noch gesunden Volkes möglich.
Politisch stehen wir vor der Wegkreuzung: Absturz in eine neue Tyrannis oder Schutz der Demokratie durch die Autorität der Krone, die anzurufen uns zur Zeit noch - jedenfalls in Bayern - möglich ist. Einen anderen Ausweg vermag ich nicht zu sehen. Nur die Krone vermag in unserer gegenwärtigen Lage einen Rechtsstaat zurückzuführen, und mit Hilfe der Parlamente, wo der gute Wille ist, die Korruption zu unterdrücken. Machen wir uns klar: der Diktator erreicht sein Recht durch seine Macht, er wird also immer einen Hauptwert auf den Ausbau der Macht legen, und Konzentrationslager, Gestapo und Gewalt werden die Waffen sein, die er sich zulegen muß. Der Monarch nimmt seine Macht von seinem Recht. Für ihn wird das Recht das schlechthin unantastbare sein, da er sich sonst selbst gefährdet. Einst führte das zu einer Hypertrophie des Privilegien-Staates, der heute nicht mehr denkbar ist. Für den König wird es das Recht des Parlamentes geben, das Recht des Arbeiters auf seinen gesetzmäßigen Lohn, das Recht des Bauern auf sein Eigentum. Wir sind in einer Lage, wo ein auf dem Recht basierendes Erbkönigtum gefunden werden müßte, wenn nicht die Weisheit der Jahrhunderte es längst geschaffen hätte.
Seine Aussichten sind im hereingebrochenen Zeitalter der Massen sehr fragwürdig, wie alle Maßnahmen, die die denkende Vernunft erfordern und als Notwendigkeit erkennen. Wo immer aber eine innerlich gesunde Bevölkerung noch eine Krone zu tragen vermag, dort und nur dort kann - wenigstens auf deutschem Boden - eine wahre Demokratie von einiger Dauer entstehen. Sonst nirgends.
Von Erwein Aretin

DER SPIEGEL 8/1948
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