21.02.1948

TheaterHelen will nicht heiraten

Es war ein Kondolenzbesuch, den die Freunde Carl Randt machten. Carl Randt ist der Oberspielleiter der Abteilung Hersfeld des Kasseler Staatstheaters, und diese Filiale beschloß mit der deutschen Uraufführung von Williams "Why marry?" ihre Abende.
Der Amerikaner Jesse Lynch Williams, der Autor von "Why marry?" (Warum heiraten?), 1871 geboren, 1929 gestorben, war Reporter, Schriftsteller und Chefredakteur bekannter Magazine und Tageszeitungen. Er hatte eine glückliche Hand, häusliche Probleme zu dramatisieren. Als er seinen Roman über die Emanzipation der Frau zu einer Komödie, eben "Why marry?", umgearbeitet hatte, bekam er den Pulitzer-Preis. Das war 1917.
Es ist eine lebendige und herzerfrischende Tragikomödie, und der Autor spricht sich darin gegen das Heiraten aus. Dies schließt nicht aus, daß er selbst glücklich verheiratet war und drei Kinder hatte. Es schloß ferner nicht aus, daß die beiden Hersfelder Hauptdarsteller, Hildburg Frese und Rolf Mamero, acht Tage vor der Aufführung zwischen den Proben zum Standesamt gingen.
"Warum heiraten?" fragt die Helen des Stückes. Eine Ehe, sagt sie, würde finanzielle Belastungen, die Teilung zwischen Retorte und Kochtopf, die Vernachlässigung der geliebten Wissenschaften bedeuten. Helen ist "modern", sie entscheidet sich für die freie Liebe.
Sie hat dabei ihre Familie vergessen, in der man durchaus anderer Ansicht ist. Auch der Mann, auf den es ankommt, hat in dieser Sache eine gar nicht revolutionäre, sondern ganz herkömmliche Meinung. Es bedarf erst eines komplizierten Komplotts, bevor die Rechnung aufgeht.
Das ist die Substanz, die aus dem alles verwirrenden Dreiakter übrigbleibt. Die Regie Carl Randts hat dem Stück die 30jährigen Falten ausgebügelt. Williams hat gewandt und rücksichtslos offen den Finger auf soziale Zustände unter den Geisteswissenschaftlern gelegt. Die Sympathien aller normalverbrauchenden Geistesarbeiter sind mit ihm.

DER SPIEGEL 8/1948
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