21.02.1948

Kino im Kassenraum

Eine Malerleiter stand noch vor dem gläsernen, von Scheinwerfern unerbittlich angestrahlten Kassenhäuschen. Man war noch immer nicht ganz fertig. Dabei hatte man das neue Uraufführungskino "Studio", das vierte, das die Eagle-Lion jetzt am Kurfürstendamm hat, eigentlich schon Weihnachten eröffnen wollen.
Nicht nur die Verzögerung ist ein Symptom der Zeit, auch der Grundriß des Theaters. Es ist der geschickt ausgebaute Kassenraum des alten "Luxor-Palastes" (noch früher "Universum"), einst eines der größten und schönsten Berliner Kinos, das der Architekt Erich Mendelssohn Ende der zwanzig Jahre baute.
Gleich hinter der Leinwand des Theaters, dessen Direktion hochfliegende Kabarett- und Nachtvorstellungspläne hat, liegt das, was früher ein riesenhafter Zuschauerraum war und heute eine Ruine ist. Man will es wieder aufbauen, wenn es mit dem Berliner Aufstieg weiter so flott vorwärtsgeht.
Modisch und selbstsicher schritt Film-Bonvivant Erich Fiedler durch die Parkettreihen, begrüßte die Gäste, ein Gläschen 32prozentigen Zuteilungsschnapses in der Hand, und lehrte es auf Wohl und Gedeihen des Hauses. Das roch noch sehr nach frischem Schwarzmarktmörtel. Es war auch ein bißchen fußkalt, und der übersteuerte Ton schepperte noch etwas hohl in dem fast kreisrunden und übermäßig hohen Raum.
Das "Studio" eröffnete mit "Nicholas Nickleby" nach Charles Dickens. Es zeigte sich wieder, daß Dickens-Romane eine verlockende, aber auch trügerische Drehbuchgrundlage sind, und daß ihre überreiche Figurenwelt, aus dem Wort, aus der Erzählkunst heraus entwickelt, sich nicht einfach in 2000 m Zelluloidband erfassen läßt.
Wenn man sich mit dem Abspulen der Romanhandlung so beeilen muß, kommt die vereinfachende Schwarz-Weiß-Manier des Sittenrichters Dickens zum Vorschein: Schneeweiß-strahlend der Neffe Nickleby, der den Schultyrannen Squeeres verprügelt, ebenso die Nichte, der ein dekadenter Tunichtgut von Lord nachstellt. Rabenschwarz der Onkel (Sir Cedric Hardwicke mimt den heuchlerischen Bösewicht). Die Tugendhaften sind weniger einprägsam, bis auf Bernard Miles, dem Darsteller knorrig-ländlicher Rechtschaffenheit.
Der Regisseur ist Cavalcanti, ein Mann, der vor 20 Jahren in Paris kühne Experimente mit Kulturfilmen und surrealistischen Spielfilmen machte. Er hat der Dickens-Welt auch nicht das eigentlich Filmische abringen können. Es ist nur eine Art Bilderbuch entstanden.

DER SPIEGEL 8/1948
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