21.02.1948

RUNDFUNKKeine drei Groschen wert

Heinz Erhardt hatte einen Einfall. Heinz Erhardt hat oft Einfälle, er lebt davon, als Humorist des NWDR, und die NWDR-Hörer haben ihren heitersten Profit davon. Soweit sie, schätzungsweise aber nur eine Minderheit, nicht mißbilligen. Erhardts spaßig-witzige Einfälle, zu denen der Song vom unvergleichlich englisch auszusprechenden Fräulein Mabel gehört, haben etwas von der Originalität skurriler Kakteen. Kakteen sind unter Umständen nicht jedermanns Sache.
Erhardts neuer Einfall war, daß er die hochkomische "Zehn-Pfennig-Oper" dichtete und komponierte. In Peter von Zahns "Abendgesellschaft" ging, mit dramatischer Musik von Anfang bis Ende, die "Zehn-Pfennig-Oper" zum ersten Male durchs Mikrophon. "Ich nannte sie so, weil sie keine drei Groschen wert ist", sagt Heinz Ehrhardt in seiner unnachahmlich pomadigen Art, extra dry.
Die anachronistische Sache ist die: Zwei Raubritter leben in modernen Villen. Ausdrücke und Gebräuche aus der Raubritterzeit sind in die heutige Zeit verpflanzt. Nahrungssorgen spielen eine erhebliche Rolle.
Und dann geht's Schlag auf Schlag: Raubritterfrau läßt sich in Abwesenheit des Gatten willig vom benachbarten Raubritter Geierblick verführen, wird dabei überrascht, Duell, Gatte stirbt, Geierblick stirbt, Raubrittersgattin stirbt, Page stirbt. Chor: "Da liegt er nun, der Gute, und schwimmt in seinem Blute". Schluß.
Stapel von Briefen beweisen die Sympathie der Hörerschaft für Ehrhardts extremen Humor, "Ich brauchte diese Idee auch dringend, da selbst dem besten Humoristen bei dem ewigen Eiweißmangel nichts mehr einfällt", erklärt er.
Die "Zehn-Pfennig-Oper" sollte eigentlich schon zu Weihnachten herauskommen. Aber sie wurde nicht frist gemäß fertig, da Ehrhardt mit einem Prozeß beschäftigt war. Es handelte sich um eine Beleidigungsklage, die Ehrhardts Hauswirt gegen ihn erhoben hat.
Durch eine Ehrhardtsche "Glosse der Woche" hatte der Hauswirt sich beleidigt gefühlt. Die Glosse wurde 1947 gesendet, die Klage wurde gleich erhoben, der Prozeß fand letzthin statt.
Ehrhardt hatte in seiner Glosse generell die Rechte der Untermieter verteidigen wollen, was ihm Hunderte von Dankesbriefen eintrug. Er nannte den Hauswirt in seiner Glosse Strüwer. Und es hieß von Strüwer, er sehe nur von weitem wie ein Mensch, von nahem wie ein Tier aus, habe einen Sonnenstich und könne Kinder nicht spielen sehen, weil er selbst keine habe.
Ehrhardts Hauswirt heißt Struwe. In Blankenese, wo Ehrhardt in einer Villa wohnt, wollte das Gelächter nicht enden.
Peter von Zahn und andere NWDR-Prominente, die auf den vollbesetzten Zuhörerbänken des Gerichts saßen, hatten in der Verhandlung allerhand zu schmunzeln. Ehrhardt erklärte, er habe nur gesteigert: Struwe, strüwer, am strüwesten. Herr Struwe brauche den Namen Strüwer nicht auf sich zu beziehen. Damit sei generell die Gattung unverständiger, hartherziger Hauswirte gemeint. Denn, so argumentierte Ehrhardt, wenn er statt Struwe Mai auf Maier und am meisten gesteigert hätte, könne ja jeder Hauswirt, der Mai hieße, ihn verklagen.
Das Gericht verurteilte den Humoristen Ehrhardt zu 5000 Mark Geldstrafe oder bei Zahlungsunfähigkeit zu 14 Tagen Haft. Ehrhardt ist zahlungsfähig. Der Verteidiger forderte Revision, und für die Revisionsverhandlung will Ehrhardt die ganze Presse einladen. Den Widerruf im NWDR, der ihm vom Gericht auferlegt wurde, gedenkt er in einer Glosse mit einem Musterhauswirt in der Hauptrolle zu bringen.
Bis 1938 war Heinz Ehrhardt in einem Musikverlag in Riga. Mit 50 Mark kam er nach Berlin und beschloß, Kabarettist zu werden. "Gott sei Dank war gerade jemand erkrankt, für den ich einspringen mußte", sagte Ehrhardt in seinem Stil. Willi Schaeffers vom "Kabarett der Komiker" entdeckte Ehrhardts Talent. Mit La Jana, Marita Gründgens und Ludwig Schmitz ging Ehrhardt auf Tournee.
1941 wurde er einberufen und kam in ein Marine-Musik-Korps. In einer Feierstunde schlug er nach 187 Takten Pause die Trommel an einer falschen Stelle. Dies rief bei dem Musikmeister und seinem Orchester völlige Verwirrung und bei den anwesenden Braunen Wutausbrüche hervor. Ehrhardt wurde bis Kriegsende zur Wehrmachtsbetreuung abkommandiert.
Beim NWDR begann er dann mit Will Meyen die Sendereihe "So was Dummes". Er produzierte eine Unzahl von Kabarettsendungen. Nebenbei spielte er mit Erfolg Theater, in "Verzeih, daß ich Dich liebe" und "Frauen haben es gern".
"Das Schwierigste für mich ist das Rollenlernen", sagt Heinz Ehrhardt. "Es wird verlangt, daß man die Rolle schon in den Proben beherrscht. Es genügt doch, daß man sie zur Premiere spielen kann. Nachdem ich das Stück "Verzeih, daß ich Dich liebe", achtzigmal gespielt habe, kann ich den Text schon fast so gut wie den vom Fräulein Mabel".

DER SPIEGEL 8/1948
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