06.03.1948

PRESSEBAM - Boom

Im Dachgeschoß des Druckhauses Linienstraße 139-40 im alten Berliner Norden bemühen sich die Sekretärinnen, ein freundliches Gesicht zu machen Trotz der zahlreichen Gläubiger, deren geldheischende Finger an die Tür klopfen. Ein Zeitungsverlag steckt in der Liquidation.
Der dicke Berliner Zeitungsstrauß verlor eine besondere Blüte: "Berlin am Mittag", allgemein kurz "BAM" genannt. Sie ist die erste deutsche Zeitung, die durch ein Totalverbot platzte.
Gerade ein Jahr lang bamte es an den Zeitungsständen. Mit reißerischen Ueberschriften lockte das Boulevard-Blatt die Mittagsleser, ohne zu verhehlen, daß die Lizenz sowjetischen Ursprungs war.
In besonderen Rubriken "Jetzt schlägt's 12", "Wovon Berlin spricht" und "Aufgespießt" walzte BAM seine Druckerschwärze aggressiv gegen alles, was sich in der westlichen Hemisphäre angreifen ließ, ohne Scheu vor Verzerrung und vor Verbalinjurien gegen West-Alliierte Einige Geldstrafen und zwei Kurzverbote standen in ihrem Strafregister.
Die Politik der SMA-eigenen "Täglichen Rundschau" wurde von "Berlin am Mittag" mit frecher Schnauze kopiert, doch war unter den verantwortlichen "BAM"-Schlägern kein Einheitssozialist. Der leicht greise Chefredakteur Ewald Mendel ist sogar Träger des SPD-Parteibuches; seine Frau gehört zum Funktionärstamm der CDU. Aber Mendels Schlagfluß hemmte seinen Einfluß auf die Zeitung.
Der Außenpolitiker Karl von Wülcknitz saß früher im "Tagesspiegel", bis er wegen militärischer Vergangenheit über ein kurzes Zwischenspiel beim "Kurier" zu "BAM" absteigen mußte. Der Lokalchef Albrecht Albert wurde oft genannt, als er das Verschwinden des Berliner "Abend"-Journalisten Dieter Friede mit Hilfe von Fälschungen bagatellisieren wollte. Wegen brauner Flecken wurde er aus dem Presseverband ausgeschlossen.
Als Lizenzträger und Chef de facto residierte Dr. Georg Honigmann, der 1932 als Ullstein-Mann nach London ging. Dort wurde er Mitglied der KP England. 1946 kam er mit einem britischen Kriegsschiff nach Deutschland. Aber er war kaum an Land, da frühstückte er schon in Karlshorst. Er baute das sowjetisch kontrollierte Allgemeine Deutsche Nachrichtenbüro (ADN) auf und gründete im Februar 47 "BAM". Der verbindliche, aber raffinierte Mann ist noch immer parteilos.
Mit scheelen Augen blickten die SED-Journalisten auf "BAM", die sich ihre Leserschaft vor allem vom einheitssozialistischen Mittagsblatt "Vorwärts" holte. Das SED-Blatt blieb bei den Zeitungshändlern gleich stoßweise liegen.
"Darauf beschloß die SED unsere planmäßige Ruinierung", erzählt man bei "BAM". "Befehle von ganz oben" spielten eine große Rolle. Der kommunistische Glossenschreiber Harald Hauser, den Morgenhörern des Berliner Rundfunks als "Jack Morell" bekannt, brachte als Mittelsmann die druckfertigen Befehls-Manuskripte in die Redaktion. Alle Beteuerungen "Unmöglich, das verletzt Kontrollratsdirektiven" hießen nichts.
"BAM" roch den SED-Braten. Sie versuchte noch Anfang Januar 1948, sich in den Herrnstadt-Konzern unter die Fittiche der "Berliner Zeitung" zu flüchten. Honigmann glaubte, so dem verhängnisvollen Einfluß entgehen zu können. Doch es ging daneben.
Zu Nr. 50 legte Hauser einen Artikel "SS-Offiziere mit Spezialaufträgen Bidaults" an die Setzmaschine, in dem von militantem Neofaschismus und einer fratzenhaften Karikatur von Demokratie in der französischen Zone die Rede war. Bidault wurde als ein Henlein tituliert, die Generale Koeng und Ganeval als Operetten-Cäsaren. Hauser blieb dabei, bis der Artikel gedruckt war.
Im zuständigen Ausschuß des Kontrollrates verlangten die Franzosen befristete Bestrafung der "BAM". Aber die sowjetischen Lizenzgeber verboten auf immer. "Eine SED-Intrige", knurrte man in der verödeten "BAM"-Redaktion. An eine neue Zeitung mit gleichen Zielen ist nicht zu denken. "Sie hätte sonst sicher 'BUM' geheißen", witzelt man in der Berliner Journalistik.
Der Vorwärts-Verlag freut sich. Er hat ein paar tausend Leser geerbt.

DER SPIEGEL 10/1948
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