20.03.1948

Albanische Unschuldsengel

In der Volksrepublik Albanien wurden die Gemeindewahlen durchgeführt. Den Wählern war die Wahl leicht gemacht worden. In den Stimmlokalen waren zwei Urnen aufgestellt: eine für die "Demokratische Front" und eine zweite ohne Auflage einer Wahlliste, es hatte sich keine andere Partei beteiligt.
So kam Ministerpräsident Hodschas Demokratische Front "in geheimer und vollkommen freier Wahl" zu dem traditionellen Sieg von 95 Prozent. Es war das gleiche Ergebnis wie im Dezember 1945. Damals hatten die Alliierten verlangt, daß der ehemalige Sprachlehrer, der sich selbst zum Regierungschef und militärischen Oberbefehlshaber des kleinen 27000 Quadratkilometer umfassenden Landes der Skipetaren ernannt hatte, sich und sein Kabinett vom Volke bestätigen lasse.
Der Aufstieg Hodschas kam überraschend. In Moskau wollte man eigentlich den bestens geschulten Kommunisten Seyfulla Malleslova protegieren. Hodscha hatte zwar zu kommunistischen Kreisen Kontakt gehabt, ohne jedoch hervorzutreten. Zu Beginn der italienischen Invasion beteiligte er sich am Guerillakrieg gegen die Faschisten. Und er avancierte schnell unter den Partisanen. Im Jahre 1944 war er Chef der Nationalen Befreiungsfront und ernannte sich zum General.
Nach Italiens Kapitulation im Oktober 1944 schwang Hodscha sich zum Ministerpräsidenten auf. Er hat diesen Posten nicht mehr abgegeben und dazu noch das Außen- und das Verteidigungsministerium übernommen.
Sein großes Vorbild ist sein Nachbar Tito. Wie Jugoslawiens Diktator begann Hodscha, eine Eisenbahnlinie durch die Berge zu bauen, die er "Jugendbahn" nannte. Zum Bau der Jugendbahn meldeten sich angeblich nicht nur die Jugendlichen, sondern auch 50jährige Frauen, wie Amida Kudra aus Tirana und Abida Arapi, die sich mit ihren Söhnen als Arbeiter registrieren ließen. Und wie Tito liebt auch Hodscha Uniformen und Ordensbrust. Hodschas graugrüner Waffenrock ist mit goldenen Tressen und Schnüren dekoriert. Seine Medaillensammlung hat Göringsches Format.
Für die Geistlichkeit ist Albanien zum gleichen Schreckensland geworden wie Jugoslawien. Die Meldungen über plötzlich verschwundene Priester reißen nicht ab. Erst in diesen Tagen gab der Vatikan bekannt, daß zwei Bischöfe als Verräter hingerichtet wurden.
Hodscha gehört zu den 69 Prozent Albanern, die im Moslem-Glauben erzogen sind. Sein Glaube hindert ihn jedoch nicht daran, den beliebten starken Raki-Schnaps in angemessenen Portiönchen zu sich zu nehmen. Er braucht das auch. Als kleinen Trost dafür, daß es ihm noch immer nicht gelungen ist, sein Land in der großen Völkerfamilie der UNO couleurfähig zu machen. Obgleich er oft genug die Angelschnur ausgeworfen hat und sein Inspirator im Kreml das gern sehen würde.
Durch seine Außenpolitik kam Hodscha bei den kremlfreien Ländern etwas aus dem Tritt. Außer einem französischen Gesandten gibt es in Albanien keinen diplomatischen Vertreter der westlichen Welt mehr. Besonders ernst ist ein Konflikt mit Großbritannien, seit am 22. Oktober 1946 im Korfu-Kanal zwei britische Zerstörer auf Minen liefen und 44 britische Seeleute getötet wurden. Die albanische Regierung betonte ihre Engelsunschuld. Andere sprechen von Kreml-Minen, um Albanien noch stärker zu isolieren.
In der internationalen Politik betrachtete man es als ein großes Rätsel, daß die bewährten Kommunisten sich ohne weiteres dem 38jährigen Neuling Hodscha unterordneten. Albaner, die aus der Volksdemokratie emigrierten, lüfteten etwas den Schleier. Nach ihren Angaben bekämpfen sich in dem Land der Berge die Kommunisten gegenseitig.
Erziehungs- und Propagandaminister Malleslova ist verschwunden. Man weiß nur, daß er "wegen Verrat" ins Gefängnis gesteckt wurde. Seitdem ist er verschollen. Man glaubt, daß der Begründer der albanischen kommunistischen Partei, der 15 Jahre lang in Moskau geschult worden ist, nicht mehr lebt.
Auch aus seiner eigenen Demokratischen Front läßt Hodscha Mißliebige durch das Oberste Militärgericht in Tirana als "Mitglieder geheimer Organisationen bestehend aus Spionen, Verrätern und Agenten des anglo-amerikanischen Imperialismus" zum Tode verurteilen. Der Industrieminister Nako Spiru war eines der letzten Opfer. Das amtliche Kommunique belegte sein Ableben: während einer Besprechung mit Beamten seines Ministeriums habe Spiru mit einem Revolver gespielt. Dabei sei der tödliche Schuß losgegangen.
Seit dem Machtantritt des roten Diktators sollen über 30000 Männer legal oder illegal umgebracht worden sein. Ebenso viele sind lebenslänglich eingekerkert. Da weitere 75000 Männer, zum Teil zwangsweise, ständig unter Waffen gehalten werden, wird die Arbeit des Einmillionen-Volkes vielfach von Frauen und Kindern ausgeführt. Die wirtschaftlichen Verhältnisse sind dementsprechend.
Die Albaner erzählen gern eine Anekdote, die die Verhältnisse illustriert. Als der Herrgott sich einmal die Erde ansehen wollte, mußte er sich einen Fremdenführer nehmen, weil sich alles zu sehr seit den Schöpfungstagen verändert hatte. Zuletzt kam er nach Albanien. Als er die Landesgrenze überschritten hatte, entließ er den Fremdenführer. Er kannte sich wieder aus, denn es war alles noch so, wie er es einst geschaffen hatte.

DER SPIEGEL 12/1948
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