13.03.1948

ARCHITEKTURTorweg nach Südafrika

Auf dem Schreibtisch Eugène Beaudouins liegen die Grundrisse neuer moderner Städte. Was hier noch Entwürfe sind, wird einmal an Stelle der Kraal- und Hüttensiedlungen in Französich-Aequatorialafrika stehen. M. Beaudouin, Städtebauer, "urbaniste", wie man in Frankreich sagt, ist Chefarchitekt der französischen Regierung.
Städtebauprojekte für Havana, Montreal, Monaco, Paris, Marseille, Toulon und viele andere Städte Frankreichs und anderer Länder stammen von Eugène Beaudouin. Nun ist er mit der Planung des neuen Städteteils von Kapstadt betraut worden, der auf kürzlich der See entrissenem Boden entstehen soll.
M. Beaudouin, mehr als durchschnittlich groß, breitschultrig, ist fast 50 Jahre alt, hat aber den leichten Schritt und die Kraft eines um 20 Jahre Jüngeren. Wenn er spricht, werden seine regelmäßigen Züge beredt und lebendig, und während er redet, sieht er beständig nach oben, als erblicke er dort seine Visionen der Städte der Zukunft.
"Kapstadt", sagt M. Beaudouin, "liegt genau amphitheatralisch am Tafelberg. Nachdem sich die Stadt so weit ausgebreitet hatte, wie die steilen Abhänge des Berges es erlaubten, dehnte sie sich nach den Seiten aus. Nur ein schmaler Streifen zwischen Berg und See blieb. Das Geschäftsviertel, auf eine Stelle zusammengedrängt, konnte nicht verlegt werden.
"Es gab nur einen Weg, nämlich der See Land abzugewinnen oder, genauer gesagt, längs der Vorküste Land aufzubauen. Auf dieser Vorküste soll sich nun etwas wirklich Großartiges erheben, ein richtiger Eingang von der See her, ein Torweg nach Südafrika, würdig eines Landes mit einer
großen Vergangenheit und einer großen Zukunft."
"Alle Wege in Südafrika führen nach Kapstadt", sagt Beaudouin weiter. "Und Kapstadt ist durch die See und die Luft mit Südamerika verbunden. Auf der neuen Vorküste soll die "Signatur" der Stadt geprägt werden. Etwas, was nur ihr eigentümlich, charakteristisch für sie ist."
Der Besucher soll, wenn sein Schiff von See her in den Hafen einläuft, Kais mit geraden Linien vor sich haben, dahinter einen breiten freien Raum und dann, mit hohen Gebäuden eingefaßt, Alleen bis in das Herz der Stadt hinein. Der Reisende soll tatsächlich den Eindruck bekommen, daß er sich einem richtigen Torweg nach Südafrika nähert.
Ein "bewegliches Kreislaufsystem" wird imstande sein, die Bedürfnisse des Motorverkehrs zu erfüllen Die von der See her geradewegs ins Land führenden Alleen werden auf eine breite, fünf Kilometer lange Autostraße treffen, die quer durch die ganze Stadt geht.
Die Frage der Verbindungswege war ein Problem. In Kapstadt, einer Stadt von alles in allem 600000 Einwohnern, konzentriert sich alles Geschäftliche auf einen Teil der Stadt. An einer Stelle fahren während der Hauptverkehrszeit 36000 Fahrzeuge durch, und viermal am Tage gibt es einen Verkehrsandrang, denn die Kapstädter lieben es, die Mittagsmahlzeit zu Hause einzunehmen.
Der Aufbau des Vorküstengebietes, das etwa 2 km lang und ebenso breit ist, wird ungefähr 10 Jahre dauern. Eugène Beaudouin rechnet damit, daß sich der Typ einer neuen südafrikanischen Baukunst entwickelt, charakteristisch und ursprünglich und typisch für den neuen Unternehmungsgeist Südafrikas.
M. Beaudouin ist an den Kapstädter Städtebauplan erst herangegangen, nachdem er sich eingehend vertraut gemacht hatte mit dem Wesen und der Geschichte des südafrikanischen Volkes. Kapstadt ist die "Mutterstadt" aller Südafrikaner und verkörpert die Quintessenz des neuen südafrikanischen Geistes. Und Eugène Beaudouin sagt: "Niemand kann eine Stadt entwerfen, bevor er nicht weiß und versteht, wie die Bevölkerung die darin wohnt und lebt, fühlt und denkt."
*) Sicherem Vernehmen nach schreiben einige seiner Gönner an einer Parallel-Broschüre, die unter dem nicht minder beziehungsvollen Titel "Wir hielten Marek" herauskommen soll.

DER SPIEGEL 11/1948
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