01.05.1948

LITERATURKomplizierter Lebensweg

Mit seiner Brille Kreise beschreibend und mit leichtem Pathos sprach in Hamburg der Dichter Hans Henny Jahnn über sein Schaffen. Er führte sich damit in der Stadt ein, in der Mitte Juni sein Drama "Armut, Reichtum, Mensch und Tier", gleichzeitig mit Wuppertal, uraufgeführt werden soll. In Kürze wird es auch in Zürich herauskommen.
Hans Henny Jahnn, ein kräftig gebauter 54jähriger, weiß nicht, welches sein Hauptberuf ist: Dichter, Orgelbauer, Hormonforscher. Sein Lebensweg war kompliziert. Von Haus ist er technisch belastet. Sein Großvater war Schiffsbauer in Hamburg, sein Vater hatte eine Schiffstischlerei, mecklenburgische Vorfahren haben astronomische Uhren gebaut.
Jahnn sollte auch Schiffsbauer werden. Aber er hatte andere Neigungen. In seinem kleinen Laboratorium hatte er als Schüler Gift genug, um eine ganze Stadt zu vernichten. Er wollte künstlich Pflanzen schaffen. Schon damals hat er die Natur auf eigene Weise betrachtet.
Er war der schlechteste Schüler in Deutsch. Trotzdem verfaßte er als 14jähriger einen Roman. Ein Wettbewerb unter den Mitschülern war der Anlaß. Der Roman sollte geschrieben werden, um dem Deutschlehrer zu sagen, daß er Wurstfinger habe. Bis zu dieser Stelle des Romans ist Jahnn aber nicht gekommen.
Als 16jähriger schrieb er eine dramatische Szene. Sie geriet sogar zu Luise Dumont, der großen Theaterprinzipalin, auf die Probebühne nach Düsseldorf. Vor dem Abiturium dichtete er sein erstes Drama. Der S. Fischer-Verlag in Berlin schickte es zurück. Für das zweite Drama, "Pastor Ephraim Agnus", erhielt Jahnn den Kleist-Preis. Er war 20 Jahre alt.
"Noch nie ist ein Autor wegen eines Stückes so beschimpft worden", meint Hans Henny Jahnn. Das Stück behandelt das Problem des Zerfalls, des Verwesens im Gegensatz zum Begriff Ewigkeit. Julius Bab, der Berliner Kritiker, schrieb: "Dieses Buch gehört in den Giftschrank, weil es vor keinem überlieferten Gefühl haltmacht".
Jahnn will das Stück nicht in die Gesamtausgabe seiner Werke aufnehmen, die jetzt im Willi Weißmann-Verlag in München erscheint.
Die geistige Reaktion in Deutschland sei heute viel schlimmer als 1918, sagt er. Damals habe es überall lebendige neue Geistesströmungen gegeben. Jahnn sieht heute überall nur Mystik, schwärzestes Mittelalter, verbunden mit dem deutschen Idealismus des vorigen Jahrhunderts. Er sieht schwarz für die deutsche Kultur.
Vor dem ersten Weltkrieg ging Jahnn nach Norwegen. Während des Krieges hatte er in der Einsamkeit die Idee, Orgeln zu konstruieren, und verbesserte ihre Klangfarbe. In Hamburg wurde er später ein bekannter Orgelbauer. Seine letzte Orgel hat er für Island gebaut.
Zwischendurch schrieb er mehrere Dramen und auch den ersten Teil eines Romans "Perudja". Darin hat er damals schon auf die Gefahren der Atomwissenschaft hingewiesen. Das war 1929. Der zweite Teil sollte jetzt erscheinen. Inzwischen ist die Atomwissenschaft über die Dichtung hinausgediehen. Es ist zu spät, um zu warnen. Die Dichtung ist überholt.
Als 1931 Jahnns Drama "Straßenecke" in Berlin aufgeführt werden sollte, ging es wieder sehr bewegt zu. Das Stück behandelt ein Rassenthema. Die Nazis waren schon nahe. Das Stück wurde nicht aufgeführt.
1933 emigrierte Jahnn zuerst in die Schweiz, dann nach Dänemark. Auf der Insel Bornholm hatte er einen Hof. Dort betrieb er Hormonforschung und züchtete Pferde. Er meint, seine größte natürliche Begabung sei, Pferde nach dem Geruch zu beurteilen.
Als Deutschem wurde ihm 1945 sein Hof auf Bornholm konfisziert. Aber er lebt noch weiter dort mit seiner Familie. Er möchte ein Dauervisum für Deutschland haben. In Hamburg will man ihm nur zwei Zimmer geben, zu wenig zum Dichten, Orgelbauen und Hormonforschen.
Das dichterische Ergebnis der Emigrantenjahre ist u. a. eine Roman-Trilogie "Fluß ohne Ufer". Jahnn geht auch hier eigene dichterische Wege. Der erste Teil ist eine Seefahrtsnovelle, die fast ein Kriminalroman ist.
Der zweite Teil spielt 30 Jahre später. Der junge Mann aus der Novelle gibt in einer ganz neuartigen Form der Schilderung verschiedenartige Deutungen der damaligen Ereignisse.
Den dritten Teil nennt Jahnn Epilog. Er ist der Schlüssel der Trilogie. Der Dichter meint: Die Handlungen des Menschen sind bestimmt durch die Beschaffenheit seiner Hormone. Die Seele des Menschen aber ist erweiterbar.
Franz Kafka hat einmal in bezug auf Jahnns Werke gesagt: "Ein Buch, das nicht wie ein Hammerschlag auf den Kopf wirkt, ist nicht wert, gelesen zu werden." Auch mit seinem Drama "Armut, Reichtum, Mensch und Tier" wird Jahnn einige solcher Schläge austeilen.
Das Stück, von dem der dänische Zensor gesagt hat, es sei von der ersten bis zur letzten Zeile von dramatischem Genie getränkt, hat den Totalitätsanspruch einer Liebe zum Thema. Es spielt in einer einsamen norwegischen Gebirgslandschaft. Geister und Tiere spielen mit.
Vor dem Berliner Krach sollte Jürgen Fehling das Stück im Hebbel-Theater inszenieren. Nach dem Krach sprach man von einer Fehling-Inszenierung in Hamburg. Jürgen Fehling war einverstanden, Arthur Hellmer, der im Gehen begriffene Hamburger Schauspieler und Intendant, nicht. Er telegraphierte ab. Mit vieler Mühe hat man sich jetzt dem Essener Regisseur Haerten verschrieben.
Jahnn fürchtet, daß die Schauspieler das "magisch Unwegbare der Dichtung" nicht treffen werden. Er hat Angst vor der Premiere.

DER SPIEGEL 18/1948
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