08.05.1948

Feuer-Zauber

Die olympischen Zeiten, zu denen Beamte mit Gehrock und Zylinder knieend und mit aufgestützten Händen, am Erdboden kauernd, die Geher-Wettbewerber beobachteten, ob sie auch immer die Füße auf dem Erdboden hätten, sind vorbei. Auf der Olympiade 1948 in London soll es auch nicht mehr passieren, daß kriegerische Torhüter Mannschaften beim Einzug der Nationen nicht in das Stadion hineinlassen, wie es den französischen Olympioniken 1928 in Amsterdam zugestoßen ist. Dafür wird das Olympische Organisationskomitee sorgen.
In der Londoner Upper Brook Street herrscht schon Hochbetrieb. 48 Nationen haben olympische Zusagen gegeben. Kanada und Iran "mit dem größten Vergnügen."
Rußland hat noch nicht zugesagt. Die angekündigte "baldige" Antwort zur Einladung des Olympiapräsidenten Edstroem in St. Moritz liegt noch immer nicht vor. Der Freistaat Irland ist sich auch nicht im klaren, ob oder nicht. Vorerst kämpft er am grünen Tisch mit dem englischen Leichtathletikverband darum, daß die Nordirländer in der Mannschaft des Freistaates übernommen werden dürfen.
Die Nachricht, daß die Olympiaflamme nicht den vorgesehenen Weg vom griechischen Olymp über die Balkanländer getragen werden kann (Jugoslawien, Bulgarien und das sowjetisch besetzte Oesterreich waren dagegen), hat dem Olympischen Komitee nicht nur in ideeller Hinsicht weh getan, sondern auch schwierige reale Aufgaben gestellt.
Lord Burghley, Chef des IOK und olympischer Goldmedaillenträger, organisierte um. Britische Kriegsschiffe werden das Feuer von Griechenland nach Italien befördern. Angezündet wird die erste Fackel am Altarfeuer eines alten Tempels in Jupia. Der Weg führt 1635 Läufer vierzehn Tage lang durch Griechenland nach Athen und über Italien, die Schweiz, Frankreich, Luxemburg. Belgien, schließlich per Kriegsschiff nach England. Der 100-Meter-Schlußläufer Burghley wird mit der letzten Fackel das olympische Feuer im Wembley-Stadion anzünden.
Die Flamme wird vom 29. Juli bis 14. August unaufhörlich Tag und Nacht und bei jedem Wetter weiterbrennen. Wissenschaftler knobelten mit langen Mühen einen geheimnisvollen, auch durch Wetterunbilden nicht zu löschenden Brennstoff aus.
Der Kreuzer "Liverpool" bringt die Aluminiumfackeln nach Griechenland, sie werden von dort aus auf die Strecke verteilt. Jeder Läufer behält seinen Fackelstiel mit der Inschrift "Olympia an London mit Dank für den Träger" als Andenken.
Die wachsende Papierflut der Nachfragen und Kartenbestellungen für die Sommerolympiade brachte 14 Londoner Sachbearbeiter an den Rand der Verzweiflung. Die Briefträger weigerten sich, ohne Transportarbeiterzulagen noch Postsäcke in die 4. Etage der Athlympic*) zu wuchten.
Der Plan, für London Einzelkarten zu verkaufen, wurde aufgegeben. 2 1/2 Millionen Eintrittskarten werden zwangsweise wieder zu Serienkarten - für alle Veranstaltungen gültig - zusammengetragen.
Die Hälfte davon sollen die Engländer behalten. Um den Rest wird das Ausland werben müssen. Wer zuerst kommt und mit Pfund-Sterling bezahlen kann, wird bevorzugt.
Finnland hat vorausschauend 4000 Pfund überwiesen. Aus den USA liegen Bestellungen über 100000 Pfund vor, neue Anforderungen sind angekündigt.
"Ich weiß", schrieb Clement Attlee aus der Downing-Street an den olympischen Ausschuß, "daß das Organisationskomitee die XIV. Olympiade nicht nur zu einem sportlichen Ereignis machen wird, sondern auch dafür sorgt, daß alles klappt. An unserem guten Willen soll es nicht fehlen."
*) Telegramm und Kabelanschrift des Londoner Organisationskomitees.

DER SPIEGEL 19/1948
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