29.05.1948

Der steinige Weg

Susanne Suhr, Hausfrau und Chefredakteur des "Frauen-Telegraf", sah ihren Mann in den letzten 14 Tagen noch weniger als sonst. Zu den Lasten des Berliner Stadtverordnetenvorstehers und dem Ballast der Herausgabe des "Sozialistischen Jahrhunderts" lud sich Dr. Otto Suhr noch die Sorgen der Berliner FDGB-Opposition auf die Schultern.
Der schlanke Mann, dessen etwas saloppe Fliege unter dem peinlich glattrasierten Kinn stadtbekannt ist, war schon immer ein redeeifriger Gewerkschaftsstreiter sozialdemokratischer Prägung. Er organisierte den Widerstand gegen die einseitig SED-beeinflußte Politik des Berliner Freien Deutschen Gewerkschafts-Bundes (FDGB). Die UGO (Unabhängige Gewerkschafts-Opposition) formte sich nach seinem Bilde. Sie soll verhindern, daß die Gewerkschaftler in Berlin eine Rolle spielen, wie sie ihnen leninistische Taktik in der Sowjet-Zone vorschrieb: eine Rolle als Instrument zur Etablierung der Volksdemokratie.
Als der Laden lief, zog sich Suhr ganz auf den unparteiischen Sessel im Stadtparlament zurück. Gleichzeitig erkaltete seine Liebe zum SPD-Vorstand. Die Differenzen mit dem verhinderten Oberbürgermeister Ernst Reuter hinterließen Spuren bei Suhr. Man munkelte von internen Ostneigungen mit Rückversicherungstendenz.
Doch Otto Suhr sprang mit einem eindeutigen Satz in die politische Arena zurück. Die Gewerkschaftswahlen in den Berliner Betrieben hatten trotz des vom FDGB-Vorstand verzwickt ausgetüftelten Wahlmodus der UGO überraschende Erfolge beschert. Der FDGB retuschierte kräftig. Mehrere Bezirke hätten das Wahlverfahren verletzt, folglich seien die Mandate ungültig.
Der UGO fehlten die politischen Köpfe, um mit den schlauen Füchsen des FDGB um die Mandate zu fechten. Da machte sich Suhr bereit. Neben ihm besann sich Jakob Kaiser auf seine politische Abstammung aus den christlichen Gewerkschaften.
Mit hundert gab die UGO die Zahl der strittigen Mandate an. Roman Chwalek, der FDGB-Chef, wußte nur von sieben Mandaten. Die anderen seien eindeutig. Eine Verständigung über die Differenzen kam nicht zustande. Folglich mußten die Köpfe auf der dritten Stadtkonferenz des FDGB aufeinanderprallen und die Berliner Gewerkschaftseinheit in den Fundamenten erschüttern.
Die Herren von der Wallstraße (Sitz des FDGB) hatten als Konferenz-Ort die "Komische Oper" gewählt. Zwei beschwörende Ansprachen am Anfang sollten leimen. Ferdinand Friedensburg, Berliner Bürgermeister, solange Luise Schröder in Mergentheim kurte, steuerte zwischen die drohenden Klippen: "Sorgen Sie dafür, daß der Gedanke der Einheit von seiten der Arbeiterschaft nicht einen neuen Stoß erhält" (FDGB klatschte). Und: "Tragen Sie die Gegensätze in Achtung vor der Minderheit aus" (UGO klatschte).
Ernst Lemmer, Mittelpunkt spekulierender Gerüchte, war Abgesandter des Bundesvorstandes: "Wer Einheit will, muß tolerant sein" (alle klatschten).
Roman Chwalek wollte die Tagesordnung starten. Suhr bremste. Mit norddeutschem Zungenschlag warf aber Toleranz-Lemmer die 100 strittigen Mandate auf den Vorstandstisch. Zur sofortigen Klärung, bevor die Konferenz beginne. Chwalek, Oberschlesier von 50 Jahren, mit USP-KPD-Tradition, sah rot: "So etwas Unparlamentarisches habe ich selten erlebt!"
Von FDGB-Seite kam der Antrag, eine Kommission zur Prüfung zu bilden. Mit lauter Namen von kommunistischem Klang. Den ließ Chwalek abstimmen, ohne sich um den UGO-Antrag zu kümmern. "Das ist ja Diktatur, was Du machst", schrie sich die UGO heiser. Vergeblich: "Der Antrag ist in dieser Form angenommen".
Da war die Uhr 11.13, und es reichte der UGO. SPD-Chef Franz Neumann erhob sich zu voller Breite, und 180 Mann zogen an einem Strang. Geschlossen klappten die Sitze der UGO zurück.
Im Foyer gab Otto Suhr das neue Ziel. Die Opposition wollte die komische Oper nicht mehr mitmachen. Sie zog zum Meistersaal, vom sowjetischen in den amerikanische Sektor. Zwei Russen in Zivil zogen mit.
Im Meistersaal klärte Suhr die Situation. Der FDGB habe die Zusammenarbeit sabotiert, die UGO wolle nicht nur Statist spielen. Doch beschloß sie in interner Sitzung, noch einmal die Hand zu reichen.
Eine Verhandlungskommission mit Suhr und Kaiser an der Spitze zog zurück zur Stadtkonferenz.
Der FDGB konnte nicht glatt "nein" sagen zum Verständigungsversuch. 250000 Wähler der 726000 Gewerkschaftler Berlins haben UGO gestimmt. Dabei gibt es noch mehr Oppositionelle. Aber Existenzfurcht und Gemüseopportunismus brachten sie in FDGB-Reih-und-Glied.
Von Kommission zu Kommission verhandelten die Streitparteien in einem engen Garderobenraum des Theaters. Ohne Einigung. UGO forderte, die Stadtkonferenz auszusetzen und nach Neuwahlen in allen strittigen Bezirken und Verbänden in neuer Zusammensetzung fortzusetzen. Der FDGB lehnte ab.
Er forderte Anerkennung seiner Satzungen und Beschlüsse durch die Opposition, Auflösung des Aktionsausschusses der UGO und Einstellung ihrer eigenen Zeitung, Einigung über Marshall-Plan und Volksbegehren. Die UGO lehnte ab.
Im Meistersaal war Einmütigkeit. Otto Suhr referierte: "Wir schlagen keine Tür zu. Wir sind weiter bereit mitzuarbeiten, aber nicht bereit, unsere grundsätzliche Haltung aufzugeben."
Zur selben Stunde las Roman Chwalek sein breitzeilig geschriebenes Redemanuskript mühsam vom Blatt. Wie einer, der einen unbekannten Text liest. Betonungswürdige Stellen waren unterstrichen. Zum Beispiel dies: "Die Einheit Berlins ist nur noch eine Fiktion". Der UGO seien die Ursachen des Krieges und die Pläne der amerikanischen Hochfinanz dunkel und nebelhaft. Sie habe keine Klassenorientierung.
Drei Tage später mußten wegen Ueberfüllung von Kliems Festsälen sogar alliierte Offiziere stehen, als Jakob Kaiser die ideologischen Schlußfolgerungen zog: "Die erste Bedingung ist: Wir haben eine deutsche Gewerkschaftsbewegung zu sein." Von der Sorge, daß die Gewerkschaften Hilfstruppen für den Sieg des Kommunismus seien, müsse vor allem Berlin befreit werden. Verständigung mit Rußland - ja. Aber keine Kapitulation vor dem Kommunismus.
Die praktischen Schlußfolgerungen addierte Otto. Suhr: "Die Beschlüsse und Wahlen der Stadtkonferenz sind rechtsungültig. Den gewählten Vorstand können wir nicht als rechtmäßig anerkennen. Wir haben den kühnen Griff zu tun, einen Verweser, einen Treuhänder für den FDGB zu bestellen."
Der kühne Griff erschien den meisten unkühn. Sie wollten sofortige und klare Trennung von der kommunistischen Hilfstruppe FDGB. In der Diskussion rief einer: "Es geht nicht mehr um Stullenpakete, es geht um unsere Freiheit." Ein anderer: "Aus dem Gemüseland müssen wir jetzt in das steinige Land der Entbehrungen gehen." Aber die UGO's wollen nicht gehen.
Sie wollen weiter in gemeinsamer Konferenz mit dem FDGB sitzen und um keinen Preis die Spalter der Gewerkschaftseinheit sein. Eine eigene Gewerkschaft hätte keine Aussicht auf große Erfolge. Im sowjetischen Sektor würde sie sofort als illegal erklärt werden. In vielen Betrieben ist die Macht der Betriebsräte zu stark, um den Kurs umzusteuern. Stullenpakete und Gemüse nicht zu vergessen.

DER SPIEGEL 22/1948
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