05.06.1948

Ohm Krüger redivivus

Zweihundertachtzehn Deutsche packten in freudiger Erregung und südafrikanischer Hitze ihre Koffer wieder aus. Der "schlaue Jannie", Südafrikas Feldmarschall-Ministerpräsident Smuts, der sie ausweisen wollte, hat das Zepter aus der Hand legen müssen. Er geht farmen.
Das war eine Weltsensation. Die ersten Meldungen hatten noch von einem "überwältigenden Wahlsieg" Smuts' gesprochen. Im Endspurt siegte dann aber doch die Partei seines Gegners und Nachfolgers Dr. Dr. Daniel François Malan. Der ist gegen die Ausweisung der Deutschen.
Was der Deutschen Nachtigall, ist vieler anderer Uhl. Malan ist gegen vieles: gegen Schwarze, gegen Gelbe, gegen Braune, gegen das rote Moskau und gegen den Empire-Gedanken. Er ist für die Isolation der Südafrikanischen Union und für die absolute Herrschaft der 2,5 Millionen Weißen über 8 Millionen Schwarze und 1 Million Mischlinge.
Der Hugenottensprößling, Theologe und Philologe ist 74 Jahre alt und Führer der Nationalisten. Seine Partei hatte bei der letzten Wahl vor fünf Jahren 43 Sitze im Parlament, während Smuts' Unionisten 89 Polster drückten. Jetzt steht das Parlaments-Match 70:65 für Malan. Smuts sieht die Früchte seiner Empire-Politik faul werden.
Die gemischten Gefühle, mit denen besonders die Engländer außenpolitische Konsequenzen aus Südafrikas innenpolitischem Wechselspiel erwarten, rühren schon von der Kenntnis der bisherigen Laufbahn Malans her Die burisch-hugenottischen Blutsbande machten den Studenten Malan bereits zum strengen "Afrikaner"*), als er sich noch in den Hörsälen von Stellenbosch, dem südafrikanischen Oxford, herumdrückte.
Des ehemaligen Journalisten und niederländisch reformierten Ex-Pfarrers Tradition sind Ohm Krüger und die Burenrepublik. "England hat in seiner Geschichte viele Sünden begangen, und seine Hände sind befleckt mit dem Blut Südafrikas, das es niemals mehr abwaschen kann", erwähnte er ohne rechten Zusammenhang, als sein Vorgänger Smuts die Deutschen aus der Union ausweisen wollte. Die Geschichte Südafrikas sei unbefleckt und solle nicht mit einem derartigen Akt der Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit besudelt werden.
Daniel Malan sind die Worte Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit fremd, wenn es sich um die farbigen Mitbewohner seines Landes handelt. Die den Weißen an Zahl fünffach überlegenen Farbigen sind nicht wahlberechtigt und sollen nach Malans National-Wünschen möglichst ganz aus dem öffentlichen Leben verschwinden. Sie sollen nicht einmal in den Städten wohnen dürfen, zumindest aber nur in bestimmten Stadtteilen, in so einer Art Ghettos.
Malan hat immer den Mut gehabt, sich zu seinen Ansichten zu bekennen. Der gefährliche Diskussionsredner wagte es während des zweiten Weltkrieges, angriffslustig durch seine Brillengläser zu funkeln und gegen die Kriegsteilnahme
der Union zu polemisieren. Die Union solle ihre Truppen lieber zur Verteidigung des eigenen Landes zurückziehen, meinte er. "Jedes Kriegsziel, das Länder wie Deutschland, Italien, die baltischen Staaten oder Finnland, die ein Bollwerk gegen die kommunistische Gefahr darstellen, zerstören will, steht nicht im Einklang mit den wahren Interessen der europäischen Zivilisation", wetterte er damals.
Afrikas Nationalisten - Führer hatte nichts dagegen einzuwenden, daß Deutschland sich für den Nationalsozialismus entschieden hatte. Dafür wurde er nach dem alliierten Siege der Verbindung mit deutschen Agenten bezichtigt. Ein Sonderausschuß klärte den Fall: zugunsten Malans.
In seinen Unabhängigkeitsbestrebungen zeigte sich D. F. Malan nicht minder offenherzig. Bei Kapstadts feierlichem Empfang zu Ehren König Georgs VI. im Februar 47 wurde er deutlich. Er blieb zu Hause. His Majesty ließ ihn im April, kurz vor der Rückkehr nach England, zu sich bitten. Der König wünschte mit Malan allein zu sein. Nach zehn Minuten der Zweisamkeit bestellte der King Sherry.
Leute, die nach diesem Drink an eine gemäßigtere Einstellung Malans der Krone gegenüber glaubten, hatten sich getäuscht. Zwei Wochen später stichelte der Burengetreue: "Meine Partei ist der Ansicht, daß die schwierige Periode des Wiederaufbaues keine angemessene Zeit für einen luxuriösen Königsbesuch war."
Auf die Frage eines "Daily Telegraph"-Reporters, ob er nach seinem Regierungsantritt die Union innerhalb des Empires belassen werde, wich Malan aus. Die Wahlen seien um andere Probleme geführt worden. Allerdings werde die Frage der südafrikanischen Selbständigkeit zu gegebener Zeit vorgelegt werden.
"Die Nationalisten wissen, daß sie nach der Zahl der abgegebenen Stimmen eigentlich in der Minderheit sind. Sie werden daher wohl recht vorsichtig vorgehen", optimistelt der konservative "Daily Graphic" aus London. Der liberale "News Chronicle" resigniert liberaler: "Man kann kaum erwarten, daß die Nationalisten sich an den Angelegenheiten des Commonwealth mit ganzem Herzen beteiligen." Der "Daily Expreß" macht kurzen Prozeß: "Im Commonwealth ist kein Platz für widerwillige Mitglieder". Und die "Daily Mail" prophezeit: "Durch einen Bruch mit England würde Dr. Malan dem Kreml den größten Erfolg seit der kommunistischen Machtergreifung in Prag bescheren".
*) "Afrikaner" nennen sich die Nationalisten mit Vorliebe und der Absicht, ihre Souveränität zu betonen. Sie kokettieren mit einem eventuellen Ausscheiden aus dem Britischen Commonwealth.

DER SPIEGEL 23/1948
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