22.05.1948

Blau und Dur

Eine Woche lang schwelgte die provisorische Hauptstadt Westdeutschlands in 100jährigem Gedenken des ersten deutschen Reichsparlaments. Eine Woche lang wurde in Frankfurt radgefahren, gerudert, geredet, ausgestellt, getagt, musiziert, gespielt, empfangen und gefestet. Die Begabung der Deutschen zu Staatsakten - nach wie vor eingeleitet von blaustrahlendem Maihimmel und Meistersinger-Blas-Dur - feierte Triumphe.
Internationale Bande wurden wieder geknüpft oder neu gefestigt - das konnte diese geschäftige Handelsmetropole am Main als ihr Verdienst buchen. Ein Volksfest aber - wie die 48er-Bewegung eine Volksbewegung gewesen ist, wenn man den Festhistorikern glauben darf - ein Volksfest war die Paulskirchenfeier nur insoweit, als sie ein Schauspiel war mit Prominenten-Auffahrt, schwarz-rot-goldenen Fähnchen und Friedhofsblumen.
Die Feier war organisiert. Sie war gut organisiert. Sie war zu gut organisiert. Der Blick auf die wirklichen Trümmer des Römerbergs war durch wirklichkeitmildernde Tannenbäume verstellt worden. Der Blick auf die Trümmer der Gegenwart wurde verschleiert durch ein Erinnerungs-Pathos, das nur selten einmal die Wurzel der deutschen, der europäischen, der Weltkrankheit bloßlegte.
Symbol dieser geistigen Fassade war die Domuhr, von deren Zeigerwerken nur ein dem Römerberg gegenüberliegendes in Ordnung gebracht worden war, das der gerüstgeschmückten Paulskirche zugewandt ist. Die übrigen Zifferblätter starrten aufgerissen und schief in die Zeit. Der Zeiger zum Mainufer stand boshaft auf 12 gerichtet.
Der Dienstag war der eigentliche Gedenktag. Wie der Prospekt es befahl, läuteten um 8 Uhr die neuen Paulskirchenglocken, um 8.15 Uhr alle Frankfurter Glocken und um 8.30 Uhr die Gedächtnisglocke der Paulskirche.
Das Erlebnis des Vormittags war beim akademischen Festakt in der Universität die Kurzansprache des Kanzlers der Universität Chikago, Robert M. Hutchins, der in wahrhaft erfrischendem Deutsch kundtat, wie wenig irgendein Demokrat der Welt Grund zur Selbstgefälligkeit habe, solange die eine Welt oder auch beide, die westliche und die östliche Welt, in täglicher Gefahr sind. Amerika sei ein großes und reiches Land geworden, nicht wegen seines Erziehungssystems, sondern trotz seines Erziehungssystems, meint der Professor.
Nachmittags stand die schaulustige Menge dicht gedrängt. Auch auf den Dachsparren und Fensterkreuzen hockte die Neugier. Der Lautsprecher verkündete das Herannahen der Stern-Stafettenläufer, die zwanzig Minuten vor der Kirche warteten, um die Grüße der jeweiligen deutschen Heimatecke nicht zu früh zu bringen.
In der Sternspitze des dänisch angekriselten demokratischen Nordens waren beim Flensburger Start vorbereitende Worte mit leichtem Lächeln hingenommen worden. Als der 400-Meter-Hürdenmeister Kohlhoff sich vor dem Flensburger Nordtor bereitstellte, mußte er erst einer hupenden Autokolonne und dann einer klingelnden Straßenbahn den Platz freigeben. An der symbolischen Idstädter Kirche des schleswigholsteinischen Befreiungskampfes, wo auch eine Feierstunde stattfinden sollte, fehlten Läufer und Feiernde. Ein Zivilist sprang ein. Der versprochene Läufer hatte Torf stechen müssen.
Als am nächsten Stafettenpunkt der Läufer ebenfalls fehlte, entschloß man sich, den Köcher mit dem Einheitsgruß des deutschen Nordens an Frankfurt einem Motorradfahrer anzuvertrauen. Der mußte unterwegs frühstücken, damit er nicht zu früh in Schleswig ankam. Die vorgesehene Feier im Schleswiger Dom war verlegt worden, weil der Dom abgeschlossen war.
Planmäßiger wurde die Nordroute des siebeneckigen Stafetten-Sterns über Kiel nach Frankfurt weitergeführt.
Polizei in achteckiger weißer Schirmmütze ritt in der Frankfurter Kulisse auf und nieder, angetan mit der dritten neuen Uniform seit Jahresfrist. Diesmal ganz nach New Yorker Muster.
Den Main entlang parkten blechflitternde Luxuslimousinen der Besatzer und die Mercedes 170 V der Wirtschaftsratsleute. Die höheren deutschen Chargen erschienen in entsprechend ausladenderer Motorisierung.
In den kühlen Römerhallen formieren sich die Ehrengäste, denen man die Rolle von Delegierten zugedacht hat, zum historischen Zug in das weite Oval der Kirche, das in frappierender Nüchternheit zur lichtgesättigten Decke aufsteigt, alle Träume verjagend. Die Böllerschüsse und Vivat-Rufe der Menge des Jahres 1848 unterblieben diesmal.
Das Kardinalsrot von Käppchen und Umhang des apostolischen Visitators Aloisius Munch, die bizarren Roben der ausländischen Magnifizenzen, die Generalkäppis hoher französischer Offiziere und die neue graue Homburg-Bombe von Wirtschaftsrat-Präsident Erich Köhler sind Augen-Blick-Fänge.
Glockengeläut von allen Seiten. Die Schlußläufer der 20000-Mann-Stafette werden ebenfalls in das abgesperrte Heiligtum gelassen und überreichen die Grußbullen deutscher Städte und Länder. Der Berliner Renner war mit dem Flugzeug gekommen. An der Mark zwischen Berlin und der Sowjetzone hatte seine Botschaft in den Luftkorridor gehoben werden müssen. Aus der französischen Zone war keine Botschaft angekommen. Aus der russischen wetterte Pieck inoffiziell, die Paulskirchen-Zentenarien seien die "Staffage für die Bildung eines Weststaates".
Die Stadt Frankfurt hatte ein Frankfurter Konzert 1948 von Harald Genzner schreiben lassen. Es wurde gespielt. Dann stand ein Mann am Mikrophonpult und am Ziel seiner Wünsche: Walter Kolb. Ein gut Teil seiner unverwüstlichen Arbeitskraft hatte Deutschlands bekanntester Oberbürgermeister seit langem für "diese historische Stunde" und für die Paulskirche geopfert. Knapp drei Stunden zuvor war er zum Ehrendoktor der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität geschlagen worden. Das hat zur Folge, daß Konrad Adenauer ihn künftig nicht mehr wegen seiner Neigung apostrophieren kann, sich widerspruchslos "Herr Doktor" nennen zu lassen.
Ueber zehn Reden mußte der imposante Neu-Doktor während seiner Pauls-Woche halten, und er mußte sogar den Fußball anstoßen in dem Spiel zwischen Eintracht und dem Fußballsportverein. Dabei pfiff nicht nur der Schiedsrichter.
Walter Kolb spricht. Die Einsegnung des Tempels (so nennt er die Kirche) ist für ihn die wichtigste seiner vielen bisherigen Reden. Er spricht von der Geburtsstunde der deutschen Demokratie vor hundert Jahren. Er spricht davon, daß "unser Volk sich zu den Feierstunden versammelt" habe. Er spricht nicht davon, daß und warum die Demokratie 1848 und die von 1918 vom Winde verweht wurden. Er spricht nicht von dem Tornado, der die Anfänge des dritten Versuchs bereits jetzt umherwirbelt, davon hatte der Kanzler aus Chikago gesprochen.
Dem Festredner des Tages, Fritz von Unruh, merkte man schon bei Beginn die große Bewegung des nach 16 Jahren Zurückgekehrten an. Der Dramatiker gab ein ergreifendes Bild seines eigenen Weges als Friedensfreund, aber er zeigte keinen Ausweg für die Zukunft. Zulange war er nicht unter denen gewesen, für die er sprach. Seine Erkenntnisse waren längst ihre Erkenntnis geworden, soweit sie überhaupt bereit waren zu erkennen.
Dem 73jährigen, der trotz einer schweren Operation die 4000 Meilen herübergefahren war, wurde in der zweiten Hälfte das Sprechen sichtlich schwer. Immer mühsamer formte er sein ermutigendes, von idealem Pathos getragenes Selbstbekenntnis.
Da werden ihm die Lippen plötzlich schwer. Das stark gefurchte, eckige Gesicht unter den weiß herunterhängenden Haaren wird fahl. Der Blick geht ins Leere. Zwei Streicher aus dem Orchester schieben ihm einen Stuhl hin, auf dem er eine halbe Minute ausruht. Lautlose Spannung im Saal. Unruh rafft sich wieder auf, krallt seine Hände in die Pultseite und versucht weiterzusprechen. Er stockt, wird noch leiser und sinkt in sich zusammen.
Die Musiker legen ihn auf den Boden. Ein Arzt stürzt im Laufschritt durch das Plenum, die Frau des Dichters kommt mit einer Krankenschwester, der Schrecken des Augenblicks läßt unter den zwölf brennenden Wachskerzen das Schlimmste befürchten. Man trägt Unruh zur Orgelempore. Die Fotografen - etwa zwanzig - haben ihre Verblüffung überwunden und laufen sternartig auf das Orchester zu, um das Bild des Tages festzuhalten. Empörte Rufe wie: "Dieses Pack" und "Fotografen weg".
Dann rettet Kolb die Situation. Das Schlußlicht, Leonoren-Ouvertüre, wird vorverlegt. Dann kommt Unruh unter begeistertem Klatschen wieder und liest sein Manuskript zu Ende. Starker Beifall der Jugend auf den Stehplätzen, als er von den Taktstockschwingern spricht, die unter Wilhelm, unter Ebert, unter Hitler und nun vor Hammer und Sichel Beethoven dirigieren. "Hinweg mit ihnen", Aufruf an das deutsche Gewissen mit dem alten Zitat vom Boxeraufstand her: The Germans to the front. (Die Deutschen an die Front).
Die Wirkung ist stark, aber noch nachhaltiger erklingt den Zuhörern der letzte Satz vor dem Kollaps in den Ohren, der als Motto über der ganzen Dichterrede hätte stehen können: "Was vermag ein lauteres Herz in dieser arglistigen Welt?"

DER SPIEGEL 21/1948
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