10.07.1948

Paragraphenritt

Den westdeutschen Versicherungsmännern hat die Durchführungsverordnung zur Währungsreform die Sprache verschlagen. Dabei geht ein Versicherungsmann eher durch das biblische Nadelöhr, als daß ihm die Worte ausgehen. Der Paragraph 24 des dritten Währungsgesetzes, der die Umstellung der Verträge auf Deutsche Mark regelt, ist für das zungengewandte Gewerbe ein harter Schlag. "Ein unfairer Tiefschlag" konstatieren die reisigen Versicherungswerber.
Die gehortete "Ware" der Kapitalversicherungsunternehmen sind ihre Deckungsreserven (Schadensreserven). Paragraph 24 des Währungsgesetzes läßt ihnen auch davon nur den geläuterten Zehnten.
Die Prämien zur Lebensversicherung setzen sich nach uralter Versicherungsweisheit aus der "Risikoprämie" und der "Sparprämie" zusammen. Die Risikoprämie ist der Beitrag des einzelnen für Versicherungssummen, die bei vorzeitigen Todesfällen gezahlt werden müssen. Die Sparprämie ergibt, Jahr für Jahr gesammelt, am Ende der Vertragsdauer die auszuzahlende Versicherungssumme.
Seit Jahrhunderten flochten die Versicherer nach dieser Methode und dem Gesetz der großen Zahl ihren Bund mit des Geschickes Mächten. Bis jetzt durch das Währungsgesetz der Sparprämienanteil im Verhältnis eins zu zehn abgewertet wurde. Je länger eine Versicherung also bereits läuft, desto kleiner wird die neue Summe.
Für 1000. - RM Versicherungssumme, die in 25jähriger Vertragsdauer durch Prämienzahlung aufgebracht werden sollte, sind beispielsweise im zehnten Jahr etwa 400. - Reichsmark an Sparprämien eingezahlt worden. Diese 400 RM schrumpfen jetzt auf 40 D-Mark zusammen. Künftige Prämien müssen in neuer Mark gezahlt werden, damit die restlichen 600 Mark der Versicherungssumme neu aufgebracht werden. Die vorherige Versicherungssumme von 1000 Reichsmark senkt sich auf 600 DM plus 40 aufgewerteter Mark, also insgesamt 640 DM.
Der härteste Schlag aus dem Währungs-Clinch trifft ältere Versicherte, die bei privaten Gesellschaften Rentenversicherungen abgeschlossen hatten. Im Gegensatz zur Sozialversicherung werden auch diese Rentenbeträge 1:10 abgewertet. Aber im Endergebnis kommt es dabei auf dasselbe heraus, ob der Staat jetzt diese Rentenversicherungen subventioniert oder später die Versicherten selbst unterstützt.
Für die Sachversicherungen (Feuer, Wasser, Einbruch usw.) schlugen die alliierten Reformatoren freundlichere Thesen an die Währungstafel. Die Hollerith-Maschinen der Versicherungsfirmen arbeiten auf Hochtouren, um für sämtliche Sachversicherungen die Uebergangsprämien anzurechnen. Von den bereits gezahlten Jahresprämien werden alle Tage ab 20. Juni bis zur nächsten Fälligkeit auf ein Zehntel reduziert. Für die neu errechneten Tage gilt die Versicherung als in neuer Währung bezahlt.
Lebensversicherungen von Nachkriegsevakuierten aus der Ostzone werden den westdeutschen Verträgen gleichgestellt. Für die Ostzone selbst gelten andere Bestimmungen. Die ganze Privatversicherungswirtschaft der russischen Besatzungszone ist der Sozialisierung anheim gefallen. In jedem Lande wurden zwei öffentliche Versicherungsträger eingerichtet: Eine Gesellschaft für Sachversicherungen und eine für Lebensversicherungen. Die alten Bestände der einzelnen Privatfirmen wurden diesen Körperschaften einfach übertragen. Alle Einrichtungen, Gebäude und Vermögen ebenfalls. Entschädigungslos.
Der Erfolg der Verstaatlichung des ostdeutschen privaten Versicherungswesens war verblüffend. Die Jahresbeiträge stiegen durchschnittlich auf das Doppelte.

Oesterreich im Währungsfieber
Die Preise des österreichischen schwarzen und grauen Marktes sind seit Abschluß der Währungsreformmaßnahmen durchschnittlich um zwei Drittel gefallen. Fast alle Industrien führten Preissenkungsaktionen durch. Die Industriezweige Eisen, Elektrotechnik und Chemie kürzten um 10 bis 33 Prozent.
[Grafiktext]
PREISE AUF DEM FREIEN
MARKT IN ÖSTERREICH
VOR D. WÄHRUNGSREF. (14.11.47) = 100 % PREIS IN SCHILLING NACHHER (21.5.48.) IN %
MEHL 37, - 37
BROT 10, - 65
FETT 200, - 36
OEL 230, - 41
FLEISCH 95, - 48
PFERDE FLEISCH 90, - 25
ZUCKER 40, - 45
TEE 375, - 29
BOHNENKAFFE 150, - 43
H.-SCHUHE 850, - 65
STOFFE 750, - 77
ZIGARETTEN 1, - 72
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 28/1948
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