12.10.1970

FERNSEHEN / UFAKnüller drin

Acht Jahre lang hat der Kölner Kritiker Reinold E. Thiel, 36, in Presse und Fernsehen gegen das "schlechte deutsche Filmförderungsgesetz" polemisiert -- vergebens. Jetzt fühlt er sich "ein bißchen resigniert" und wandert nach Singapur aus.
Doch Thiel, sechs Jahre Leiter der Filmredaktion beim Dritten WDR-Fernsehprogramm, will dem deutschen Film zum Abschied "ein Kuckucksei hinterlassen" -- eine Trilogie über die Misere der Bonner Nachkriegs-Filmpolitik mit "ein paar schönen Knüllern drin".
Die Sendereihe, die auch noch die Filmförderung und die Filmzensur kritisch behandelt, beginnt am 14. Oktober um 21.15 Uhr (WDR III) mit einer Untersuchung der Frage: "Was wurde aus Goebbels' Ufa?" und enthüllt "ein deutsches Trauerspiel" aus "Unfähigkeit, Bürokratie und Umgehung der Gesetze" (Thiel). Streitobjekt ist die "Ufa-Film-GmbH" (Ufi), jener von Hitlers Propagandaminister aufgebaute Staatsfilm-Konzern, dessen 138 Einzelfirmen (Ateliers, Verleih, Kinos Verlage) für das nazistische Horror- und Durchhaltekino vom Typ "Jud Süß" und "Kolberg" zuständig waren.
Diesen bei Kriegsende noch immer größten europäischen Medienverbund hatten die alliierten Sieger liquidieren und privatisieren wollen: Ursprünglich binnen 18 Monaten sollten alle Betriebe und Kinos in kleinen Portionen an die Meistbietenden verkauft und der Name "Ufa" auf immer vom Filmmarkt verschwunden sein.
Doch Adenauers Bundesregierung, von 1949 an im Amt, konterkarierte
*1965 in München.
den Siegerwillen. Sie schleuste 1952 zwar ein eigenes Liquidationsgesetz durch den Bundestag, hatte aber "weder vor der Verabschiedung noch danach die Absicht, es auszuführen" (Thiel).
Denn statt das von Thiel auf 84,5 Millionen Mark geschätzte Ufa-Vermögen zu entflechten, hat Bonn den Staatsbesitz von neuem, diesmal in Privathand, konzentriert: Trotz der finanziell günstigeren Angebote filmwirtschaftlicher Gruppen wurde das Ufi-Imperium gegen den Sinn des Gesetzes drei von der Deutschen Bank angeführten Konsortien übereignet. Und zwar so billig, daß der Bund, der laut Gesetz den Erlös an die deutsche Filmwirtschaft weitergeben soll, nach Thiels Ermittlungen dabei einen "Betrag zwischen 30 und 45 Millionen Mark" einbüßte.
Was sich damals als "glatter Verstoß gegen die Vorschriften des Bundesrechnungshofes" heim Verkauf des Münchner Atelier-Terrains Geiselgasteig (für sechs "statt 20 Mark pro Quadratmeter) abgespielt hat, das etwa wagt Rudolf Vogel (CDU), einst Filmbeauftragter der Bundesregierung, heute "gar nicht mehr laut zu sagen".
Das bislang geheime Motiv für dieses Minusgeschäft haben Thiels Interview-Partner jetzt erstmals offen vor der Kamera bekannt: Der Hamburger Filmpublizist Heinz Kuntze-Just vermutet beispielsweise, Adenauer habe die neue Ufa, ähnlich wie das später von ihm angestrebte Staats-Fernsehen, als "riesiges propagandistisches Machtinstrument" gewinnen wollen.
Arno Hauke, erster Generaldirektor der neuen Nachkriegs-Ufa, erinnert sich gleichfalls an "sehr eindeutige Bekundungen des Regierungsinteresses an einem funktionierenden Konzern für die Öffentlichkeitsarbeit". Und Hans Janberg, kürzlich einem Herzinfarkt erlegenes Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, bestätigt Demarchen "aus der Richtung der Bundesregierung, über Herrn Pferdmenges" vor dem Verkauf.
Daß die neue Ufa trotz solcher Manipulationen nicht zum Regierungswerkzeug werden konnte, hatte sie weniger ihren dubiosen Praktiken als der kinofeindlichen Fernsehkonkurrenz und ihren erfolglosen Eigenproduktionen zu verdanken. So kostete etwa die Produktion von Bernhard Wickis Ufa-Film "Das Wunder des Malachias" vier Millionen Mark, aber nur eine Million wurde eingespielt.
Mittlerweile ist der abgewirtschaftete Konzern in der Gütersloher lßuchfabrik Bertelsmann aufgegangen. Diese neuerliche Transaktion ist ebenfalls zu Lasten der öffentlichen Hand gegangen. Doch neuerdings tritt der Name Ufa im deutschen Filmgeschäft kaum noch in Erscheinung -- dennoch ist die gesetzlich vorgeschriebene Liquidation des Goebbels-Erbes nicht abgeschlossen, der Verbleib eines Rest-Vermögens von "57 Millionen oder einer Zahl in dieser Größenordnung" (Thiel) völlig ungeklärt, weil "Bundesregierung und Bundestag nie eine Abrechnung verlangt haben".
Dieses Versäumnis will der CDU-Kulturpolitiker Berthold Martin demnächst wettmachen: Schon vor der Erst-Sendung des Thiel-Reports hat der Abgeordnete Textproben aus dem reichhaltigen Material des WDR-Mitarbeiters angefordert und erwägt, so Thiel, "eine neue Ufa-Debatte im Bundestag herbeizuführen".

DER SPIEGEL 42/1970
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 42/1970
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

FERNSEHEN / UFA:
Knüller drin

  • Videoanalyse aus Brüssel: "Der Gipfel droht zum Frustgipfel zu werden"
  • Nordsyrien: 120 Stunden Gefechtspause
  • Weltall-Tourismus: Virgin Galactic stellt Raumanzüge vor
  • Walkadaver in der Tiefsee: Gefundenes Fressen