28.09.1970

SCHULEN / ERLANGENWie Kolportage

Der Studiendirektor Heinz Koehler, 51, Leiter des Albert-Schweitzer-Gymnasiums (ASG) in Erlangen, wurde von allen gelobt. ASG-Kollegen nannten ihn "den progressivsten Schulleiter von Erlangen". Konservativen Eltern galt er als "begabter Pädagoge". Fortschrittliche Eltern sahen ihn "unermüdlich und mit seltenem Idealismus". Sogar die meisten Schüler mochten ihn.
Zu Beginn des neuen Schuljahres, Anfang September, nahm sich auch das bayrische Kultusministerium des Vielgepriesenen an: Er wurde seines Amtes enthoben, zum Gymnasiallehrer degradiert und in das Städtchen Hof abgeschoben. Ober die Gründe für diese Strafversetzung schwiegen sich die Beamten des Münchner CSU-Kultusministers Ludwig Huber aus.
Die meisten Erlanger Eltern freilich schwiegen nicht. Sie sahen in der Schul-Affäre ein Schulbeispiel für Behördenwillkür und rebellieren seither unermüdlich und gemeinsam mit Lehrern, Schülern und Studenten. Bei Demonstrationen wurden Transparente geschwenkt, auf denen Huber und Hitler miteinander verglichen wurden. Der Erlanger Allgemeine Studenten-Ausschuß (Asta) verkündete, seines Wissens sei seit Hitlers Zeiten noch kein Schulleiter in Deutschland so mutwillig gefeuert worden. Und Schülerstreiks, Elternproteste, parlamentarische Anfragen, Beschwerdebriefe sowie Wahlkampf reden förderten mit der Zeit zutage, daß die Vorfälle, die mutmaßlich zu Koehlers Maßregelung geführt hatten, nur aufgebauschte Vorwände waren:
* So läuft gegen zwölf ASG-Schüler ein Verfahren wegen Verstoßes gegen das Opiumgesetz -- doch das Haschisch wurde nicht in der Schule geraucht;
* so wurde die Sexualpädagogik des ASG kritisiert -- doch sie beruhte auf Ministeriums-Richtlinien;
* so sollte ein Schüler während einer Lateinarbeit Beatmusik gehört haben -- doch er hatte auf Anordnung des Lehrers das Radio gleich wieder ausgeschaltet;
* so sollten zwölfjährige Schüler und Schülerinnen engumschlungen während eines Klassenabends im verdunkelten Raum ohne Aufsicht getanzt haben -- doch der Lehrer stand vor der geöffneten Tür.
Derartige Lappalien reichten zwar nicht für ein Disziplinarverfahren gegen Koehler aus, wohl aber für eine Versetzung innerhalb der gleichen Besoldungsstufe. Hubers Staatssekretär Lauerbach: "Ein Verfahren, mit dem jeder Beamte ohne Vorwarnung rechnen muß."
An dieser Versetzung lag Hubers Beamten so sehr, weil Koehlers moderne Amtsführung sich beamtenrechtlich nicht ahnden ließ und dem konservativen Kultur-Chef ein permanentes Ärgernis bedeutete.
So hatte der Schulleiter im letzten Jahresbericht des ASG unter der Überschrift "schwierige Jahre" beine Erfahrungen mit der Ministerialbürokratie und einer Minderheit konservativer Eltern geschildert. Kernsatz: "Die Schule, immer noch ... Hort vordemokratischer Mentalität und der Realitätsferne ... mit schlechtbezahlten beamteten Pädagogen, deren addierte Fachhorizonte wesentliche Lebensbezirke, zum Beispiel Politik, Beruf und Sexualität, so gut wie ausklammern, ist ... für viele Jugendliche ein Gegenstand matter Motivation,"
Wie Koehler dachte, so amtierte er auch. Folglich führte er beim ASG einen Lehrerrat ein, in dem er selber nur eine Stimme hatte und an dessen Sitzungen auch Schüler teilnehmen konnten -- nur bei den Notenkonferenzen waren sie ausgeschlossen.
Das Renommee des ASG brachte es mit sich, daß immer mehr Schüler auch von außerhalb an das Gymnasium strömten. Überdies sammelten sich am ASG Lehrer, denen das konservative Gehabe anderer Schulleiter mißfiel. Und schließlich gingen die übrigen Gymnasien der Stadt dazu über, linksorientierte Schüler abzuschieben. Sie bildeten im ASG einen Zirkel, der selbst den progressiven Koehler noch als reaktionär einstufte.
So geriet der Direktor zwischen zwei Fronten -- auf der einen Seite eine kleine Gruppe konservativer Eltern, denen er zu links stand, auf der anderen Seite eine kleine Gruppe linksradikaler Lehrer und Schüler, denen er zu rechts stand. Als ihn das Ministerium jedoch aus dem Erlanger Frontgebiet abkommandierte, geriet der Fall Koehler zum Wahlkampfthema.
Im Kultusministerium zu München breitete sich denn auch schon die Einsicht aus, daß unmittelbar vor den Landtagswahlen am 22. November die in Erlangen praktizierte Personalpolitik nicht unbedingt das christ-soziale Ansehen fördert Der zunächst zusammen mit Koehler suspendierte Direktionsstellvertreter Dr. Franz Rabiger, zuständig für den Sexual-Unterricht und die Klassenabende In verdunkelten Räumen, wurde rehabilitiert.
Doch die Koehler-Versetzung mochte die Huber-Mannschaft bislang nicht rückgängig machen. Der gefeuerte ASG-Chef gibt sich freilich auch keinen Illusionen hin. Koehler: "Diese ganze Entwicklung klingt wie ein Kolportageroman. Und wie Kolportage wird es vermutlich auch weitergehen."
* Bei einer Schuldiskussion mit Sabine Sinjen (l.) über Faulkners "Requiem für eine Nonne".

DER SPIEGEL 40/1970
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