03.08.1970

STAATSSEKRETÄRESchön geschoben

Karl Schiller mag Unternehmer. Nach dem inzwischen ins Bildungsministerium abgewanderten Münchner Marktforscher Klaus von Dohnanyi (früher Mitinhaber von Infratest) und dem Düsseldorfer Rechtsanwalt Detlev Karsten Rohwedder (Teilhaber der Düsseldorfer Steuerberatungsfirma Kontinentale Treuhand GmbH) engagierte der vermögenslose SPD-Professor nun den Porzellan-Industriellen Philip Rosenthal für den Dienst am Staat.
Nach Rücksprache mit Kanzler Brandt und DGB-Chef Heinz Oskar Vetter sowie einer Erkundung bei dem Schweden-Urlauber Herbert Wehner bot er Rosenthal die Nachfolge des amtsmüden Parlamentarischen Staatssekretärs Klaus Dieter Arndt an.
Rosenthal erfuhr von Schillers Wahl, als er sich am vorletzten Freitag anschickte, das Bayreuther Festspielhaus zu betreten, um Wagners Tristan und Isolde zu lauschen. Wenige Minuten vor der Eröffnungsfanfare kam der Ruf nach Bonn.
Rosenthals Entscheidung fiel rasch: Der Geschirr-Designer, Bergsteiger, Sportpilot, Campingfreund und -- seit 1969 -- Sozialdemokrat rief tags darauf, am vorvergangenen Sonnabend, seine zwölfjährige Tochter Shealagh in Roisdorf bei Köln an, um seiner schottischen Ehefrau den neuen Job anzukündigen: "Geh' zu deiner Mutter, mach' einen Knicks und sag': "Guten Morgen, Frau Staatssekretär."
Nach Bonn zurückgekehrt, legte Rosenthal den Vorstandsvorsitz im eigenen Unternehmen nieder und verschickte ein halbes Dutzend Kündigungsbriefe. So sagte er seine Mitarbeit im Präsidium des Bundesverbandes der Deutschen Industrie auf und löste sich vom Präsidentenstuhl der Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Keramikindustrie.
Dann begann der Parteineuling und Parlamentsnovize seine nähere Zukunft zu planen. Zunächst noch ohne Amtsbezüge wird Rosenthal die letzten drei August-Wochen an seinem neuen Arbeitsplatz in Schillers Duisdorfer Kaserne zubringen, um "zu lesen, zu lernen und zu verdauen".
Am 1. September stellt Schiller -- so Rosenthals Perspektive -- den 53jährigen Jungbeamten den 1650 Ministerialen vor. Danach werde er "ein paar dumme Worte zum besten" geben. Anschließend sollen Gespräche mit den Spitzen des Schiller-Apparates dem Staatssekretär Starthilfe geben.
Trotz des minuziösen Terminkalenders schätzt Schillers neuer Mann die Erfolgsaussichten seines Amtes recht gering ein. Zwar verfügt Rosenthal nach eigener Einschätzung über die Gabe, "alles zu vereinfachen und zu erklären, so daß auch simple Leute mitkommen". Doch für seine Hauptaufgabe, Schillers gestörte Beziehungen zu Partei und Fraktion zu entspannen, empfiehlt den Polit-Amateur vorerst nur die eigene Bescheidenheit.
Als Verkehrsminister Georg Leber ihm im Herbst 1969 eine Kandidatur für den SPD-Fraktionsvorstand anbot, lehnte Rosenthal ab: Als Parlamentsneuling müsse er in seinem neuen Metier erst Erfahrungen sammeln. Die Genossen dankten es ihrem Renommier-Unternehmer mit Sympathie.
Den Nachweis taktischer Fähigkeit blieb der bayrische Porzellanbrenner. der vor seinem Einzug ins Parlament viel Vorschußlorbeer gesammelt hatte, jedoch bisher schuldig. In keiner Bundestagsdebatte glänzte er durch rhetorische Brillanz, bei keinem Konflikt innerhalb der SPD-Fraktion konnte sich der Master of Arts, der sich in seinem Betrieb als Schlichter der Klassengegensätze verstand, bisher als Vermittler empfehlen,
Vor allem die Gewerkschaften, auf deren Wohlwollen Schiller bei seinem Konjunkturdämpfungsprogramm angewiesen ist und die den Wirtschaftsminister ohnehin der Unternehmerfreundlichkeit zeihen, können in Rosenthal kaum einen verläßlichen Vertreter ihrer Interessen sehen. Denn der sozialdemokratische Industrielle machte aus seiner Abneigung gegen die paritätische Mitbestimmung, den Kern aller Gewerkschaftsprogramme, nie ein Hehl:" Meine Befürchtung ist, daß die Wirtschaft verbeamtet und politisiert würde."
Dennoch glaubt Rosenthal, auch bei den Linken zu reüssieren. Seine Aktivitäten für eine breitere Streuung des Vermögens werden -- so seine Hoffnung -- von den Gewerkschaften honoriert: "Die haben gemerkt, daß ich die Partei in dieser Frage ganz schön geschoben habe."
Fraglich bleibt freilich, wie der selbstbewußte Rosenthal künftig mit dem kapriziösen Schiller zusammenarbeiten wird. Selbst der nervenstarke Berliner Klaus Dieter Arndt, der drei Jahre lang Schiller als Staatssekretär gedient hatte, resignierte.
Rosenthals neuer Kollege Holger Börner, Parlamentarischer Staatssekretär im Verkehrsministerium und ehemaliger Betonfacharbeiter, bewunderte den Mut des vor wenigen Wochen von einer Bergsteigertour aus Südamerika zurückgekehrten Porzellan-Manufakteurs: "Vom Kordilleren-Gipfel setzt der zur Gratwanderung bei Schiller an."

DER SPIEGEL 32/1970
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