03.08.1970

UNTERNEHMEN / ROLLS-ROYCENur noch Pappbecher

Rolls-Royce Ltd., Englands Prestige-onzern für den Bau von Motoren und Flugzeugtriebwerken, treibt im Abwind.
"Ich muß Ihnen sagen", offenbarte Rolls-Royce -- Vorstandsvorsitzender Sir Denning Pearson vorletzte Woche den bestürzten Aktionären, "daß wir für 1970 eine weitere Gewinnschmälerung, verglichen mit 1969, erwarten."
Schlimmer noch: "Wir sehen kaum ein Zeichen dafür", so Pearson, "daß sich der Trend bis 1972 oder 1973 lindert." Nur einen Monat zuvor noch hatte der Rolls-Royce-Manager auf eine "Verbesserung der Profite für 1970" gehofft.
Am Tage nach Pearsons trüber Prognose war die Rolls-Royce-Aktie im Nennwert von einem Pfund (8,78 Mark) nur noch 4,87 Mark wert -- weniger als ein Viertel ihres Höchstkurses in den letzten eineinhalb Jahren. Schon im Frühjahr hatte die "Financial Times" das einstige Renommier-Papier aus ihrem Aktienindex herausgenommen.
"Es ist immer offenkundiger geworden". verkündete jetzt die "Times". "daß Rolls-Royce eine Achilles-Ferse hat -- die Finanzen."
Denn während der Motoren- und Triebwerksgigant (über 80 000 Beschäftigte, .2,6 Milliarden Mark Umsatz. 582 Millionen Mark Aktienkapital) vor zwei Jahren noch einen Gewinn von 139,7 Millionen Mark eingestrichen hatte, sanken im letzten Jahr die Profite auf 56,2 Millionen Mark. Die Dividende wurde von 11,8 auf sechs Prozent gekürzt. Allein den Banken schuldete die "geldhungrige Gesellschaft" ("International Herald Tribune") 325 Millionen Mark.
Wichtigste Ursache für die finanzielle Klemme: Gigantische Entwicklungskosten für teure Flugzeugdüsen" die sich vielfach erst nach Jahren auszahlen, zehren am Ertrag.
So entwickelte Rolls-Royce beispielsweise das Triebwerk RB. 211 für den dreistrahligen Airbus "Tristar". der im Herbst bei dem amerikanischen Flugzeugbauer Lockheed Aircraft Corporation aus dem Hangar rollen soll. Als vor zwei Jahren die Briten ihrem US-Konkurrenten General Electric den Auftrag für die Düse wegschnappten, war das für die Rolls-Royce-Bosse "moglicherweise die glücklichste Stunde" ("The Times").
Dann aber mußten sie erkennen. daß die Entwicklung ihres bislang größten Turbinen-Projekts "schwieriger als ursprünglich angenommen (so Manager Pearson) ist. Die Entwicklungskosten für RB. 211, dessen Lieferwert auf 2,2 Millionen Mark beziffert wird, konnte Rolls-Royce daher aus den Gewinnen der ausgereiften Produktion nicht mehr decken. Das Unternehmen kündigte daraufhin 3400 Mitarbeitern.
An den Folgen der Fehleinschätzung wollte sich Londons Regierung nicht beteiligen. Sie hatte zwar einen Zuschuß von 70 Prozent der Entwicklungskosten (fast 440 Millionen Mark) versprochen, aber nur auf Grundlage der ursprünglich niedrigeren Voranschläge. Klagte Pearson vor seinen Aktionären nach einem Bittgang zur Regierung: "Obwohl wir mitfühlend empfangen wurden, erhielten wir keine positive Antwort."
Gleichwohl half die staatliche Industrial Reorganisation Corporation mit einem Kredit von 176 Millionen Mark (der später in Aktienkapital umgewandelt wird) aus, als Rolls-Royce auf Grund finanzieller Nöte bei Lockheed das Tristar-Projekt gefährdet sah und deshalb Rückstellungen in Höhe des gleichen Betrags machte. Manche Experten meinen inzwischen, das Unternehmen brauche gar eine Kreditspritze von 527 Millionen Mank. "Eher früher als später gibt es eine neue Liquiditätskrise", urteilte "The Economist". Und die "Times" registrierte einen "Schock für eine Welt, die daran gewöhnt war, den Namen des Unternehmens mit Solidität und Erfolg gleichzusetzen
Der Mißerfolg macht deutlich, auf welch risikoreichem Terrain das 64 Jahre alte Unternehmen arbeitet, das durch seine Luxus-Autos (selbst Lenin fuhr RR) -- heute nur noch etwa sieben Prozent vom Gesamtumsatz -- zum Denkmal wurde.
Denn nicht nur mit dem Triebwerk RB. 211 widerfuhr Rolls-Royce finanzielles Mißgeschick. Ungewiß ist auch. ob und wann sich etwa die Investitionen für das Triebwerk Olympus 593 auszahlen, mit dem das französisch-britische Überschall-Passagierflugzeug "Concorde" ausgerüstet werden soll.
Rückkehr zu gewinnbringenderen Zeiten verspricht sich Rolls-Royce zunächst von einem anderen Gemeinschaftsprojekt: dem deutsch-britischen Mehrzweck-Kampfflugzeug MRCA (Multi-Role Combat Aircraft) an dem sich möglicherweise auch Italien beteiligt. Rolls-Royce wird für die Maschinen. von denen etwa 900 geplant sind, das Triebwerk RB. 199 liefern.
Daß die Manager des Unternehmens an dem Finanz-Dilemma nicht ganz unschuldig sind, argwöhnen viele Aktionäre (Aktionär Harns auf der Hauptversammlung: "Mehr Sheriff s als Cowboys"). Ihren Verdacht fanden sie indirekt bestätigt, als der Vorstand den "Unternehmens-Chirurgen" ("The Economist") Ian Morrow zu Hilfe rief. Morrow, der schon viele Briten-Firmen sanierte, soll die Finanzen des Konzerns neu ordnen und ein Sparprogramm durchsetzen.
Tee gibt es seither auch auf der Direktionsetage nur noch aus Pappbechern.

DER SPIEGEL 32/1970
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