07.08.1948

Kleine Liebe zu Grönland

Der Ministerpräsident eines der kleinsten europäischen Länder befindet sich zur Zeit auf einer kaum beachteten Reise, um zu untersuchen, ob es sich lohnt, die größte Insel der Welt zu einer Provinz seines Landes zu machen.
Es ist Hans Hedtoft, Dänemarks Regierungschef, und seine Reise gilt der Insel Grönland in der Arktis, auf deren fast zwei Kilometer dicken Eisschicht ganz Frankreich bequem viermal Platz hätte. Seit 1814 ist Grönland eine dänische Kolonie (die einzige übrigens), die nebenher von dem kleinen Lande mit großen Zuschüssen mitverwaltet wurde. Heute ist die Rieseninsel ein Territorium, an dem das Politbüro in Moskau genau so interessiert ist wie das State Department in Washington.
Eine jubelnde Menschenmenge der Landeskinder hat Herrn Hedtoft auf Grönland nicht empfangen. Nur knapp fünfhundert seiner dänischen Mitbürger sind auf der zwei Millionen Quadratkilometer großen Arktisinsel ansässig. Sie regieren die 18000 Grönländer, von denen nur wenige noch echte Eskimos sind.
Statt dessen hat Hedtoft auf der Insel eine stattliche Anzahl von Amerikanern vorgefunden. Und es gibt in Dänemark gutinformierte Leute, die meinen, wegen der Amerikaner sei Hedtoft eigentlich nur hingefahren.
Die Liebe zur Luftfahrt war es, die die Amerikaner zuerst nach Grönland brachte. Sie ist es auch, die sie heute dableiben läßt. Admiral Richard E. Byrd, der 1925 zum erstenmal die Eiswüste des Landes überflog, berichtete nach Hause, daß auf einem wenige Kilometer breiten eisfreien Streifen an der Westküste Grönlands gute Landungsmöglichkeiten bestehen. Oberst Charles Lindbergh bestätigte das 1933. Seit dieser Zeit nimmt die Insel auf den Washingtoner Generalstabskarten einen wichtigen Platz ein.
Als Amerika 1941 in den Krieg eintrat, erhielt es von Dänemarks Washingtoner Exilgesandten das Recht, militärische Stützpunkte auf der Insel anzulegen. Schon wenige Tage später trafen die ersten Truppen auf der Insel ein.
In wildem Tempo wurden Luftbasen, Hafenbefestigungen und Wetterstationen angelegt. Der jahrtausendealte "Wikinger-Kurs" - England - Island - Grönland - Neufundland - Nordostamerika - bot für die letzten Weltkrieger zu verlockende strategische Möglichkeiten, als daß die USA sie von Hitler ausnutzen lassen wollten.
1946 äußerte Dänemark nach einer Periode höflichen Wartens den Wunsch, Grönland wieder allein zu verwalten. Als 1947 die Khaki-Behosten noch immer da waren, gab es Proteste in Washington und bittere Worte in Kopenhagen.
Unter den Protestanten war auch Rußland, wo die Liebe zur militärischen Luftfahrt mindestens ebenso ausgeprägt ist wie in den USA. Der Vorschlag eines amerikanischen Kongreß-Abgeordneten, den Dänen Grönland einfach abzukaufen, stieß in Kopenhagen auf eisige Ablehnung.
Offiziell wurde aber erst im September 1947 die Katze aus dem Sack gelassen, als auf der Rio-Konferenz der 19 amerikanischen Staaten Grönland einfach in den Verteidigungsbereich des amerikanischen Kontinents einbezogen wurde. Die Dänen wurden nicht gefragt.
"Uebernahme des Rechtes in amerikanische Regie", nannte es das Kopenhagener "Ekstrabladet". Dänemarks Protest führte zu dem Kompromiß, daß zwar die Truppen abziehen mußten, Dänemark aber die Basen in Ordnung halten und die Einrichtung amerikanischer Funk- und Wetterfunkstationen zulassen sollte.
Seither trafen geradezu beängstigend viele amerikanische Funk- und Wetterexperten auf der Eis-Insel ein. Die heißen Quellen in dem einsamen Land erregten die Aufmerksamkeit von Geologen, und die Nachricht, daß Oel auf der Insel gefunden wurde, wunderte außerhalb Grönlands niemanden mehr.
Jetzt soll Grönland von einer Kolonie zur dänischen Provinz aufsteigen. Eine Regierungskommission arbeitet schon an Plänen für all das, was Grönland noch nicht hatte und nun bekommen wird. An erster Stelle stehen Gefängnisse. Die gab es bisher dort genau so wenig wie ein Strafgesetzbuch. Bisher bestand die strengste Strafe für Verbrechen in der Verweisung von einem Wohnplatz zu einem anderen.
Auch eine Schulreform ist ins Auge gefaßt. Die uralte grönländische Sprache, deren Ursprung man nicht kennt und die bisher Lehrsprache war, soll durch die dänische Sprache ersetzt werden. Dabei gibt es allerdings erhebliche Schwierigkeiten. Es haben sich noch nicht viele Dänen bereitgefunden, als Lehrer in das Land des ewigen Eises überzusiedeln.
In dem dänischen Regierungsprogramm für Grönland ist auch der Bau von Hospitälern, einem kleinen Kohlenbergwerk und Elektrizitäswerken vorgesehen. Billig wird das alles nicht gerade werden. Aber die Amerikaner auf der Insel sind gern bereit, ihre guten Beziehungen zu den Marshallplan-Lieferanten für eine Teilfinanzierung in die Waagschale zu werfen. Hauptsache, sie können bleiben.

DER SPIEGEL 32/1948
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