07.08.1948

TheaterEine einzige vernünftige Frau

Die Saat von Hans Schweikarts dramatischer Korrespondenz ist aufgegangen. Seine Münchner Kammerspiele haben Jean Giraudoux' "Die Irre von Chaillot" bereits mehr als viermal gespielt. Es hatte zuerst danach ausgesehen, als sollte aus der deutschen Erstaufführung des französischen Stückes überhaupt nichts werden. Und dann, als ob es bei vier Aufführungen bleiben müsse.
Es war um die Tantiemen gegangen, die an Giraudoux' Erben über den Schweizer Verleger in Francs zu zahlen waren. Kammerspieldirektor Schweikart, von einem schweren Autounfall knapp genesen, hatte alle Beziehungen spielen lassen, um zu den Devisen und damit zu seinem Giraudoux zu kommen.
Im Kampf um das Stück hatte es Augenblicke höchster Spannung gegeben. Hans Schweikart war schon wochenlang bei den Proben, und die Aufführung war noch immer nicht gesichert. Erst als Louis Jouvet, Frankreichs großer Schauspieler, einst Giraudoux' nächster Freund, vermittelt hatte, traf die Aufführungsgenehmigung in München ein.
Auch die nachträglich auftauchende Schwierigkeit, daß das Stück nur viermal gespielt werden dürfe, wurde schließlich überwunden. In dieser Woche ging "Die Irre von Chaillot" zum fünften Male in der Maximilianstraße in Szene. Hans Schweikart führte seit langem zum ersten Male wieder Regie. Maria Koppenhöfer war die Irre, Adolf Gondrel als Präsident ihr Gegentyp.
"Die Irre von Chaillot" gehört zu den drei Stücken, die sich im Nachlaß des französischen Dramatikers fanden. Jean Giraudoux starb im Januar 1944, 63jährig, in Paris. Er war der französische Gegenspieler der Goebbels-Funkpropaganda des letzten Krieges gewesen. Mit blutigem Spott, hinter dem sich Trauer und Empörung verbargen, geißelte er in seinen Rundfunkansprachen die Verbrechen und Gemeinheiten der Braunen. Er war einem Goebbels zweifellos an Geist überlegen, aber die Kotspritze konnte und wollte er nicht handhaben. Denn Giraudoux war ein Dichter, ein Romantiker sogar, freilich von der schärfsten Intelligenz.
Nach der deutschen Besetzung Frankreichs verließ Giraudoux sein Heimatland nicht. Die Gestapo hatte ihn oft genug in der Zange und überwachte ihn auf Schritt und Tritt. Aber man verhaftete ihn nicht.
Denn Giraudoux war immerhin bekannt als einer der besten Freunde und tiefsten Bewunderer Deutschlands. Deutschland war für ihn ein "großes, humanes und poetisches Land", neben dem sich nichts Gleichwertiges finden ließ. Es vermauerte freilich, so sagte Giraudoux, seine Wahrheiten in unterirdischen Verliesen. "Aber viele von uns in Europa klopfen dort an".
Giraudoux stammte aus dem kleinen Städtchen Bellac, dem er sein Schauspiel "Der Apoll von Marsac" gewidmet hat. In der Pariser Ecole normale, dieser strengen Universitätsschule, in die nur die Privilegierten des Geistes gelangten, entwickelte er seine Begabung zu Witz und Parodie, durch die sich die "Normaliens" sprichwörtlich auszeichneten. Es ist der Geist des Quartier Latin, den sich Giraudoux immer bewahrt hat.
Später sah man ihn oft in einem Cafégarten dieses Studienviertels sitzen, mit seinem klaren und nachdenklichen Gesicht, mit leichtem Lächeln, während zu seinen Füßen sein Hund spielte, dem er den shakespeareschen Namen Puck gegeben hatte.
Gleich nach Beendigung des ersten Weltkrieges war Giraudoux nach Berlin gegangen, wo er bis 1924 Sekretär an der französischen Botschaft war. Sein Amt und seine Dichtkunst stellte er in den Dienst der großen tragenden Idee seines Lebens: das deutsche und das französische Volk miteinander zu versöhnen. Die drei verschwesterten Nationen Deutschland, Italien und Frankreich bedeuteten ihm "die Leidenschaft und Schönheit der ganzen Welt" seit 20 Jahrhunderten.
1924 - 28 war Giraudoux Pressechef im französischen Außenministerium unter Herriot und Briand. Die Begegnung zwischen Briand und Stresemann in Thoiry 1926 machte auf ihn einen ganz außerordentlichen Eindruck. Zweimal, in "Siegfried et le Limousin" und dann besonders in "Der trojanische Krieg findet nicht statt" stellte er die beiden Staatsmänner auf die Bühne.
Die deutsche Kunst, besonders die deutsche Romantik, fanden in dem französischen Dramatiker einen Bewunderer wie kaum einen anderen in Frankreich. Davon sprechen sein Märchenstück "Undine" und das "Intermezzo", das sich an die gleichnamige Gedichtsammlung Heinrich Heines anlehnt.
Der Dramatiker Giraudoux erlebte den Glücksfall, in Louis Jouvet einem kongenialen Regisseur zu begegnen. Giraudoux hatte seine literarische Laufbahn als Romanschriftsteller begonnen. Da geschah die große Ueberraschung. Jouvet brachte den "Siegfried" heraus, das erste Schauspiel Giraudoux', das sogleich zu einem unerhörten Erfolg wurde.
Hier enthüllte sich der echte Giraudoux, mit seinem florettierenden Witz und seiner leichten und sicheren Fähigkeit des Gestaltens, Eigenschaften, denen die französische Bühne eine neue Lebendigkeit und einen bedeutenden Aufschwung verdankt.
Stück auf Stück, von "Amphitryon 38" über "Judith", "Intermezzo", den "Trojanischen Krieg" bis zu "Elektra" und "Undine", wurde von Jouvet mit der gleichen Meisterschaft inszeniert. Die Intelligenz und Ironie der zugleich nüchternen, suggestiven Persönlichkeit Jouvets waren wie dazu geschaffen, den geistsprühenden Figuren Giraudoux' Relief zu geben.
Louis Jouvet verhalf auch der "Irren von Chaillot" 1946 zu einem triumphalen Erfolg. Die Hauptrolle der irren Gräfin spielte in der Pariser Uraufführung die französische Sandrock, Marguerite Moreno, die im vorigen Monat gestorben ist. Es war ihre letzte Bühnenrolle, aus der sie eine wahre Halluzination zu machen wußte.
In seinem Zweiakter "Die Irre von Chaillot" gibt Giraudoux sein Vermächtnis. Er stellt drohende Gleichnisse dar, tägliche Gefahren unseres Zeitalters. Die Welt des Herzens und der Menschlichkeit, bedroht und ausgeliefert der infernalischen und eiskalten Macht- und Geldgier, die bereit ist, das Lebende vollends auszutilgen.
Die Handlung erzählt, wie ein Trust von Oelmagnaten die Stadt Paris unterminieren und vernichten will, um vermeintlich vorhandene Oelquellen ausbeuten zu können. Diesen skrupellosen "Feinden" stellt sich eine alte Frau entgegen, die man in ihrem Stadtviertel Chaillot wegen ihrer Marotten mit Respekt "die Irre" nennt: die alte Gräfin, eine der köstlichsten und erschütterndsten Figuren der Bühne.
Diese Frau im Geschmack des Toulouse-Lautrec wartet unentwegt seit 50 Jahren auf einen Liebhaber, der sie schnöde verlassen hat. Aber diese "Irre" kennt die Gefahren, sie ist im Grunde die einzige Vernünftige. Sie lockt die von ihrer Gier betörten Ausbeuter in die unterirdischen Kloaken, wo sie umkommen. Nun kann "das Gras wieder sprießen", können "die Tauben wieder fliegen".
Wie so oft in den Stücken Giraudoux' verwischen sich die Grenzen der Wirklichkeit ins Märchenhafte. Die menschliche Güte des großen Franzosen liebt die romantische Verkleidung, die Leichtigkeit und den Witz.
Aber seine Warnungen sind darum nicht weniger ernst gemeint und ernst zu nehmen. Und hinter seiner lächelnden Weisheit verbirgt sich eine tiefe Melancholie, eine resignierte Trauer, vielleicht Hoffnungslosigkeit.

DER SPIEGEL 32/1948
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