31.07.1948

Fehl-Druck

Während die Westmächte ihre "Brücke des Lebens" mit friedlichen Mitteln zu 4500 Tonnen-Tagesrekorden führen wollen, sammeln die Sowjets schwere Waffen gegen die freiheitliche Bastion West-Berlin.
Das ist sogar wörtlich zu verstehen. Auf den früheren Uebungsplätzen der Wehrmacht, Jüterbog und Döberitz, wurden frisch importierte Panzer konzentriert. T 34 pflügen den märkischen Sand. Ueber die hölzerne Oder-Brücke bei Frankfurt rollten acht Verstärkungszüge mit Geschützen, Flak und Kampftruppen.
Der Schießplatz Kummersdorf südlich Berlins, wurde zum Flugplatz veredelt. Er beherbergt vorwiegend Jagdmaschinen, darunter auch besonders stabil gebaute Ramm-Jäger.
Die Berlin-Politik der Sowjets ist ebenfalls auf schwere Waffen abgestimmt. Das Endziel bleibt: den gewählten Magistrat mit seiner westlich orientierten Mehrheit völlig auszuschalten.
SPD-Stadtrat Paul Füllsack, mit seinem euphemistischen Namen für die Berliner Ernährung bürgend, war der Sündenbock, der sowjetische Befehle sabotiert haben sollte. Paul Letsch, bewährter KPD-Bezirksbürgermeister in der Sturmzeit 1945, bekam den neuen Posten, für die gesamte Nahrungsversorgung Berlins durch die Lebensmittelgeschäfte des sowjetischen Sektors zu sorgen.
2800 neue Geschäfte sollen am 1. August eröffnen, wollen die Sowjets. Güterzüge und Lastwagen voller Lebensmittel kommen in Berlin an. Sie kommen vorwiegend aus der darbenden Ostzone. In Halle, Magdeburg und Dresden wollten sie die Grossisten gerade an den Kleinhandel verteilen. Es sollte die Restbelieferung für Juli sein.
Die für die Westsektoren abgesagten erhöhten Rationen wurden im Osten versprochen. Trotzdem fuhren in den ersten vier Tagen nach dem Befehl nur 800 Berliner aus dem Westen in den Sowjet-Bereich, um sich dort eintragen zu lassen.
Bei der Eintragung der Westberliner für Ostverpflegung gibt es einen kleinen Stempel auf dem Personalausweis. Daran ist später jeder Berliner erkennbar, der jetzt schon für den Osten optierte.
Das Angebot der sowjetischen Regierung, ganz Berlin zu sättigen, macht nach östlicher Meinung die Tag und Nacht dröhnende Luftbrücke unnötig. Auftrieb für diese Forderung: Der Flugzeugabsturz über Berlin-Friedenau.
349534 konnte man im Scheinwerferlicht auf dem Leitwerk der abgestürzten Maschine lesen. Der Unglückstyp Dakota hatte zwei neue Opfer gefordert. Der Wind stand in der Nacht zum Sonntag ungünstig. Die vollbeladenen Maschinen mußten genau von Westen zum Tempelhofer Flugfeld einschweben. Ueber Friedenau und Schöneberg hinweg, wo etliche Kirchen, Gasometer und Schornsteine in den Himmel ragen. Die warnen mit roten Lampen, aber nicht während der üblichen Stromsperren.
"Ernste Gefährdung der Luftsicherung", lautet der Tenor in den Nachrichten der Ostpresse. Und "Gefährdung ziviler Menschenleben".
Besonders empört berichteten SED-Zeitungen über die völlig vernichtete althistorische Sammlung des Wissenschaftlers Pastenaci. Er wollte ein Werk über die Weltgeschichte schreiben.
Kurt Pastenaci verdient den SED-Beistand. In der sowjetischen Liste der auszusondernden Literatur nimmt er mit 18 Index-Büchern über Germanentum und Führertreue fast eine ganze Seite ein.
In den westlich lizenzierten Blättern am Berliner Zeitungsbaum dominierten dagegen epische Skandalgeschichten vom Umtausch der vier Wochen alten Tapetenmark in die "Deutsche Mark der deutschen Notenbank". Die kurze Lebensdauer der mit Spezial-Kupons überklebten Reichsmarkscheine überraschte. Nach Experten-Rechnungen muß das neue Geld der Sowjetzone schon während der Westwährungsreform fertig gewesen sein.
Die amtliche Abkürzung wurde mit DM festgelegt. Um Verwirrung zu stiften. Aber die Berliner sind hell genug, um DM von DM unterscheiden zu können. Die Gleichstellung der beiden Währungen ist indiskutabel. Die Berliner wissen, worauf die Zonenwährungen basieren.
Einer Wildweststory entnommen, wirken die Szenen, die sich beim Geldumtausch abspielten. Angelpunkt der gesamten Tauschaktion war das Haus der Wirtschaftskommission (ehemaliger Besitzer Göring) in der Berliner Stadtmitte. Von dort gingen die Durchführungsbefehle ab. Dort würde der Tausch besonders gut organisiert sein, hofften tausende Berliner.
Der Andrang am ersten Tag war dementsprechend beängstigend. Etwa 20000 Menschen standen dicht zusammengepreßt Hunderte von Metern lang Schlange.
Der Tausch selbst dauerte oft pro Ablieferer eine Stunde lang. Es sprach sich schnell herum, daß die Beamten Anweisung hatten, möglichst viele Scheine für ungültig zu erklären. Die SMA wolle auf diesem kalten Wege eine erneute kleine Abschöpfung des "Geldüberhangs" der Ostzone erreichen.
Ein Kaufmann, der mit seiner finanziellen Grundlage von 18000 Tapetenmark in die Wiko hineinging, kam als armer Mann wieder heraus. 15000 Mark hatte man als Falschgeld erklärt und nur den Rest umgetauscht. Er versicherte sofort an Eides Statt, das Geld erst vor wenigen Tagen auf einer Bezirksbank erhalten zu haben. Es halfs nichts. So ging es vielen.
Bei Beginn der Klebeaktion der Kuponmark wurde von den Banken auch auf gesperrte Falschgeldbeträge zurückgegriffen. Man sagte, durch den Kupon sei das Geld eben gültig geworden. Die falschen Fuffziger kamen so wieder unters Volk. Außerdem gab es bei dem übereilten Druck der Klebemarken viele Fehldrucke, die ohne Bedenken mit verklebt wurden. Drittens war die Fälschung der Kupons nicht schwer. Geld dieser drei Kategorien wurde jetzt unnachsichtig beschlagnahmt.
Das gab Tumultszenen. Die Polizei büßte die Nerven ein und schlug mit Holzknüppeln (Gummi ist östlich der Elbe rar). Verletzte und Ohnmächtige wurden weggetragen.
Vorzeitig schloß die Wiko-Stelle am ersten Tage die Tore. Das empörte Volk hinter den Gittern des Hofes mußte durch Polizei besänftigt werden. Manche blieben in dieser Nachmittagsstunde gleich für den nächsten Tag stehen.
Der Schuldige wurde leicht entdeckt. Der Berliner Magistrat hatte versäumt, die notwendigen Vorarbeiten für den Umtausch zu leisten, stellte man in Karlshorster Deutsch fest. Nur dadurch sei ein solches Chaos möglich. Dabei war der Magistrat gar nicht über die Währungspläne unterrichtet.
Vielleicht genügt aber der Doppelfall Markgraf und Stumm schon zum Aufklatschen der Berliner Verwaltung in einen West- und einen Ostapparat. Der zweite Bürgermeister, Ferdinand Friedensburg, war lange Zeit als Aufsichtsherr über die Berliner Polizei der Beschützer des selbstherrlichen Polizeipräsidenten Paul Markgraf (Ritterkreuzträger a. D., als Moskauschüler 1945 per Flugzeug z.b.V. nach Berlin gekommen, s. "Spiegel" Nr. 12/48). Jetzt riß selbst Friedensburg die Geduld.
Er suspendierte den renitenten Berufssoldaten und bestätigte den sozialdemokratischen Doktor Johannes Stumm als Vertreter. Da mußten die Sowjets rot sehen. Denn Stumm ist von ihnen schon zweimal abgebaut worden. Vor 18 Monaten sollte er Stadtrat für Entnazifizierung werden. Vor gut einem Jahr versuchte man schon einmal, ihm die kommunistisch gelenkte Polizei in die Hände zu spielen. Er sollte zu jener Zeit ein "Amt zum Schutz der Domokratie" aufbauen. Aber Karlshorst dachte sich die Berliner Demokratie anders.
Jetzt antwortete Sektorenkommandant Kotikow wiederum prompt: Markgraf bleibe im Amt, Stumm, der "Spalter", sei sofort zu entlassen, Friedensburg sei zu ermahnen, sich nicht an spalterischen Handlungen zu beteiligen. Die West-Alliierten, die im Fall Markgraf die Initiative den Deutschen überlassen hatten, konnten ihre Hände nunmehr in echt russischer Unschuld waschen: Markgraf sei rechtens suspendiert, Stumm werde anerkannt, Kotikow könne nicht allein in Berlin befehlen.
Luise Schroeder zwischen den vier Herren, noch immer mit Sitz im Ostsektor, entschied sich für diplomatisch verbrämten Ungehorsam gegen Kotikow. Dr. Stumm zieht als neuer "PoPrä" in eine Kaserne im amerikanischen Sektor, Markgraf bleibt in der Zentrale am Alex, nur für den sowjetischen Sektor zuständig.
Die Spaltung der Berliner Verwaltung hat auf allen Gebieten parallele Erscheinungen. Der Gründung der Freien Universität folgt der Aufruf zu einem Freien Kulturbund. Der Presseverband ging in zwei Teile, die Bühnengenossenschaft separierte sich vom FDGB, und im Schutzverband Deutscher Autoren gärt es auch stark.
Die Grenzpfähle am Brandenburger Tor scheinen unvermeidlich zu sein, seit Karlshorst einen UP-Korrespondenten dementierte. Der hatte auf einer Party des polnischen Generals-Ehepaares Pravin mit seinem Schnapsglas beim Russengeneral Sokolowski gestanden. Von ihm wollte er die hoffnungsvolle Neuigkeit gehört haben, die russische Blockade sei eine Maßnahme gegen amerikanische Reisesperren für Sowjets und könne Zug um Zug mit diesen Sperren aufgehoben werden.
Den Berlinern ist nicht wohl, wenn sie auf die kompromißeifrigen Stimmen aus dem Westen hören. Das Ansehen, das die Westmächte durch die kühne Konstruktion der Luftbrücke erworben haben, schwindet bei ihrem Kürzertreten leicht. Im OMGUS-Vorzimmer erzählt man sich, der passionierte Zigarettenverbraucher Clay habe in Washington eine mittelschwere Zigarre rauchen müssen. Seine "Kriegs"-Erklärung (wir können aus Berlin nur durch Krieg vertrieben werden) sei im Weißen Haus unliebsam vermerkt worden.

DER SPIEGEL 31/1948
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